Niemand
(Leseprobe aus: Eurotunnel, Gedichte, 2005,
Literaturedition
Niederösterreich)
niemand, den ich kenne, ist hier.
Jeder, der hier ist, kennt mich nicht.
Einige reden, Kinder murmeln im Schlaf,
mit dem Kopf auf dem Esstablett.
Euro-Lille. Rauschen im Tunnel. Hin und wieder Maschinengeräusch, Holpern und Hämmern. Schlagend entfernt sich Gonesse, mit den Seufzern der Toten.
Concorde: schöner weißer Vogel, der aufflog,
um sofort Feuer zu fangen:
Schock, der alle erfasst, noch auf dem Kontinent. Wolframpartikel, Quantenmechanik, Quarks, Leptonen, Standardmodell: Billionen Neutrinos, durchblitzen mich jede Sekunde, auch im Rückblick durch die Jahrzehnte, auf Nietzsche, den jungen: plötzlich neben mir, unmerklich einem Netzhaut-Sternchen entsprungen. Und ich: in keiner Nacht des durchsickernden Wahns, in keiner Postkutsche im Sturm, wie er. Keine Spaziergeh-Existenz, kein heftiges Erbrechen, nur unter Wasser, im Tunnel. Etwas Druck in den Ohren, ich muss schlucken.
Rezension I Buchbestellung I home 0I06 LYRIKwelt © 2005, Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten