Die Augen der Toten von Marcus Richmann, 2005, KaMeRu

Marcus Richmann

Die Augen der Toten
(Leseprobe aus: Die Augen der Toten, Roman, 2005, KaMeRu-Verlag).

1

Wann beginnen die letzten Minuten eines Lebens?

Überall sah er rote und gelbe Farbtupfer, durchsetzt mit dem Gold des trockenen Grases. Freude und Aufregung erfassten ihn, als er durch die Sommerwiese lief und seine Hände über die Ähren glitten. Das kitzelnde Gefühl in den Fingerspitzen erinnerte ihn an die Sommer seiner Kindheit. Eine Zeit des Überflusses an Farben und Gerüchen.

Er lief hinüber zur Scheune, die im Schatten einer Buche auf dem Hügel stand. Ihr Holz war vom Licht der Sonne schwarz geworden. Das Surren unzähliger Insekten lag in der Luft. Am Fuße des Hügels glitzerte der See. Im diffusen Licht des aufziehenden Gewitters glitzerte das Wasser wie Quecksilber. Die Hitze versteckte die Welt um ihn herum hinter einem flimmernden Vorhang aus heißer Luft. Die mit Schnee bedeckten Gipfel, die hoch über dem See thronten, vermochten der Natur und den Menschen keine Kühlung zu verschaffen.

Als er sich ins warme Gras legte, verschluckte ihn die Sommerwiese völlig. Neugierig betrachtete er den Himmel über sich. Sein Blickfeld war von Kornblumen und wildem Mohn umrahmt.

Über ihm schwebte bedrohlich eine mächtige Kumuluswolke. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu regnen beginnt, dachte er. Seine Gedanken kreisten um den Mann, der ihm helfen sollte. In ihrer Kindheit verband sie eine enge Freundschaft. Doch im Laufe der Zeit löste sich dieses Band immer mehr, sodass nur noch lose Enden blieben. Der Grund war ein Schicksalsschlag, der sie beide getroffen hatte und sie einerseits zutiefst miteinander verband, andererseits aber auch voneinander trennte: der frühe Tod ihrer Väter.

Er schloss die Augen und tauchte langsam in eine Dämmerwelt ein, in der ihn die Gespenster der Vergangenheit erwarteten. Er ließ es zu. Der Tag der Beerdigung zog vor seinem inneren Auge vorbei. Ein erschreckend klares Bild. Sein Freund und er standen an den Gräbern ihrer Väter. Schweigend schauten sie zu, wie Männer in schwarzen Anzügen an groben Hanfseilen Särge in den dunklen Schlund hinab senkten. Das ganze Dorf war gekommen. Noch einmal spürte er die blutleere Hand seiner Mutter, welche die seine steif und fest umschlungen hielt. Ihr Körper strömte Angst und Hilflosigkeit aus. Dann verschwanden die Särge für immer im Dunkel zu seinen Füßen.

Er erwachte, weil es kälter geworden war. Die Wolke über ihm war mittlerweile so mächtig, dass sie die Sonne verdeckte. Trotz der Hitze fröstelte es ihn. Als er sich aufrichtete und umdrehte, um auf den See zu blicken, erschrak er.

Ein Mann stand hinter ihm und lächelte sanft. Er kannte diesen Mann und fragte sich, welcher Zufall ihn hierher geführt haben mochte. Erwartungsvoll blickte er in dessen freundliches Gesicht und wartete darauf, dass der Mann etwas sagen würde. Doch er stand einfach nur regungslos da.

Was dann geschah, dauerte nur Sekunden. Der Mann hob seinen rechten Arm und kam einen Schritt auf ihn zu.

Sein Blick folgte der Bewegung des Mannes. Das, was er sah, ergab für ihn keinen Sinn. Die Hand des Mannes war fast weiß und er streckte ihm einen glänzenden Gegenstand entgegen. Seine Augen erkannten diesen Gegenstand, doch sein Bewusstsein verhinderte mit aller Kraft, diesem glänzenden Ding in der Hand des Mannes einen Namen zu geben. Das Letzte, was er in seinem Leben empfand, war das Erstaunen darüber, dass der Mann mit einer Waffe auf ihn zielte und dabei weiter freundlich lächelte. Er hörte weder den Schuss noch spürte er den Schmerz, als die Kugel seine Schläfen durchschlug. Eine unsichtbare Kraft warf ihn einfach zur Seite. Und dann erfasste ihn unendliche Dunkelheit.

In der Ferne setzte erstes Wetterleuchten ein, als der zweite Schuss fiel.

Dann begann es zu regnen.

Schwere Tropfen prasselten auf die glanzlosen Augen des Toten, die starr in den mit Wolken verhangenen Himmel zu blicken schienen. Der Regen wurde heftiger. Und der helle, von der Sonne getrocknete Lehmboden verfärbte sich innerhalb Sekunden dunkelbraun. Überall bildeten sich kleine Bäche, die sich einen Weg durch die Landschaft suchten. Klares Regenwasser hüpfte zwischen den hellen Kieseln der Forststraße. Dann verlangsamte sich sein Fluss.

Das Wasser wurde träge vom Blut und verfärbte sich rot.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © 2005 by Marcus Richmann