Cocksure
(Leseprobe aus: Cocksure,
Roman, 1968/2008,
Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Silvia Morawetz).
Nichts lockte Doug so schnell
aus seinem Zimmer wie ein Streit; er versuchte sogar manchmal einen zu
provozieren, denn er hatte Grund zur Unzufriedenheit. Fast alle seiner unfassbar
reichen Klassenkameraden am Beatrice Webb House kamen aus zerbrochenen Familien,
für Doug ein Grund, sie zu beneiden. Neil Ferguson zum Beispiel. Der war ein
nervöses Kind gewesen, ein Bettnässer, bis sich seine Eltern vor zwei Jahren
scheiden ließen. Beide verheirateten sich kurz darauf wieder und begannen um
Neils Zuneigung zu wetteifern. Und so konnte sich Neil in den bevorstehenden
Osterferien zwischen Bermuda bei Mutter und Stiefvater und Paris bei Vater und
Stiefmutter entscheiden.
Doug war da auf der falschen Fährte, das war Mortimer klar; in einer glücklichen
– nun ja, einigermaßen glücklichen – Familie war er viel besser aufgehoben, aber
Doug und zwei, drei andere Jungs aus der Schule fühlten sich eben trotzdem
benachteiligt, weil sie nur zwei Eltern hatten. Verfluchte Schule, dachte
Mortimer.
Mortimer hatte seinen Sohn gerade zur Schule gefahren und war in den Regent’s
Park eingebogen, da platzte ihm der Reifen, und er musste ihn wechseln. Allein.
Im Regen.
In der Lloyd’s Bank in der Oxford Street nahm der Tag, der bereits so schlecht
angefangen hatte, eine beängstigende Wendung. In der Schlange vor Mortimer stand
eine hübsche, elegant gekleidete junge Frau. Eine Farbige. Mortimer hatte zwar
bestimmt keine Vorurteile, musste aber trotzdem zugeben, dass er an der
hübschen, elegant gekleideten jungen Frau zuerst die Hautfarbe wahrgenommen
hatte. Als er die Bank betrat, stand sie in der Schlange, und niemand war hinter
ihr. Es gab kürzere Schlangen vor anderen Schaltern, es gab sogar einen
Schalter, an dem niemand anstand, doch Mortimer reihte sich, eingedenk des
Massakers von Sharpsville, eingedenk von Selma, Alabama, sofort hinter der
hübschen jungen Farbigen ein.
Na, die war aber schreckhaft! Es machte sie sichtlich nervös, dass er sich
hinter ihr angestellt hatte, vielleicht weil jetzt schon zwei Schalter ganz leer
waren. Oder vielleicht war er ihr einfach zu dicht auf die Pelle gerückt. Nicht
dass er jetzt einen Schritt zurücktreten konnte – das wäre beleidigend gewesen.
Schließlich unterschrieb die junge Frau ihre diversen Schecks – es waren
insgesamt acht, jeder über fünfundzwanzig Pfund –, reichte sie (ein bisschen
nervös, wie es Mortimer schien) hinüber und wandte sich zum Gehen - und da
passierte es. Die hübsche, elegant gekleidete junge Farbige ließ einen weißen
Handschuh fallen, und für einen kurzen Moment hielt für sie beide die Zeit an,
wie bei einem Standbild im Film. Mortimers erste Regung war, ihr den Handschuhe
aufzuheben, doch dann überlegte er. Die Frau war schließlich eine Farbige, und
er wollte zum einen nicht herablassend, zum anderen aber auch nicht sexuell
aggressiv erscheinen. Und dann war ja auch ihr Lächeln, der bloße Anflug eines
Lächelns, recht zweideutig. Wartete sie darauf, dass er ihr den Handschuh
aufhob, oder fand sie es amüsant, wie er in der Klemme steckte? Aber vielleicht
war sie auch gar keine Militante und glaubte, Mortimer habe Vorurteile, weil er
ihr den Handschuh nicht aufhob, was er bei einer Weißen umstandslos getan hätte.
Ja, dachte er, so ist es, doch inzwischen hatte sich die Frau selbst nach ihrem
Handschuh gebückt und beschimpfte ihn im Weggehen. „Arschloch“, sagte sie;
Mortimer hätte schwören können, dass die elegant gekleidete Farbige ihn ein
Arschloch genannt hatte.
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