aus:Fado Fantastico von Urs Richle, 2001, Nagel und KimcheUrs Richle

aus: Fado Fantastico

Es gibt Geschichten, sagt man, die auf der Straße liegen. Andere müssen mühsam aus der eigenen Erfahrung zusammengeklaubt werden. Wieder andere fliegen einem zu wie Träume. Und manch eine ereignet sich ganz leise nebenan. Die Geschichte, die ich erzählen werde, lag unter meinem Bett, genauer: ein Stock tiefer, in der Wohnung, die der unseren wie ein Schlagschatten in allen Winkeln folgt, vom langen Flur über das Entree, die Küche, das Schlafzimmer und das weite Wohnzimmer mit dem Alkoven im hinteren Teil. In dieser Wohnung lebte Francisco, ein großer, dickleibiger, schwer atmender Mann um die fünfzig, der vor vierzehn Jahren aus Portugal in die Schweiz gekommen war, ein unauffälliges Leben führte und eines Tages plötzlich etwas Außergewöhnliches tat. An einem strahlenden Maimorgen kochte Francisco sich einen starken Kaffee, holte im Schlafzimmer eine Pistole aus dem Schrank, wickelte sie in seinen alten Anorak und trank die Tasse in einem Zug aus. Mit dem Anorak unter dem Arm bestieg er den Bus, durchquerte die ganze Stadt, stieg am Flughafen aus, wo die Lagerhalle der Speditionsfirma steht, bei der er seit über zehn Jahren angestellt war, betrat das Büro ohne anzuklopfen, zog die Pistole und tötete seinen Vorgesetzten mit zwei Bauchschüssen. Danach ließ er sich in den Chefsessel fallen, legte die Waffe auf den Tisch und befahl der Sekretärin, die Polizei zu rufen. Er ließ sich widerstandslos festnehmen und legte auf der Wache ein Geständnis ab.
So erzählten es mir meine Nachbarn, und zwei Tage später stand es in der Zeitung. Mord in Raten war die Überschrift, und der Journalist fragte sich in seinem kleinen Artikel, ob jahrelange Schwarzarbeit zu erhöhter Gewaltbereitschaft führe und wer dazu zur Rechenschaft zu ziehen sei.
Seither ist die Wohnung unter uns leer. Der Radiowecker, der uns regelmäßig aus dem Schlaf riss, geht morgens um halb sechs nicht mehr los, abends, wenn wir in
der Küche sitzen, dröhnen die Stimmen der Fadosängerinnen nicht mehr aus seinem alten Kassettengerät durch das offene Fenster auf den Hof, und im Treppenhaus riecht es nicht mehr nach frittiertem Fisch. Manchmal, wenn ich am späten Nachmittag an der Terrasse des Café du Rond-Point vorbeigehe, habe ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl, ihn an einem der Tische sitzen zu sehen, erkenne dann aber bloß einen Fremden, der dort raucht, Zeitung liest und ein Bier trinkt, genau so, wie Francisco es vor kurzem noch zu tun pflegte.
Das war vor bald einem Jahr. Und nun sitze ich hier, auf der Terrasse in Alfama, und schaue über den Tejo, eine Palme vor mir, ein Glas Wasser auf dem kleinen Tisch. Die Sonne prallt auf die weißen Fassaden, die Zinnen und Balkone. Die Häuser scheinen von innen heraus zu leuchten, gespickt mit dunklen Flecken der Fenster und Türen. Das Geschrei spielender Kinder hallt durch die Gassen, das Ächzen und Knarren der alten Trambahn, die durch Alfama und hinunter nach Baixa fährt. Dann ist es ruhig. Die Luft ist kühl, trotz der Sonne. Es ist Februar.
Es muss ebenfalls im Februar gewesen sein, als diese Geschichte mit einem verhängnisvollen Brief ihren Anfang nahm. Er war an Franciscos Frau Maria adressiert, aber an António, seinen Sohn, gerichtet.
António lebt im Bairro Alto. Wir haben uns gestern verabschiedet. Ein fester, warmer Händedruck. Er schaute mich an, nickte, drehte sich um und verschwand. Es gibt Augenblicke, die eine seltsame Verbundenheit mit einem Fremden spüren lassen, ohne dass man genau sagen könnte, worauf das Gefühl gründet. Dieser Händedruck war ein solcher Augenblick.

Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Nagel und Kimche