aus: Fado Fantastico
Es gibt Geschichten,
sagt man, die auf der Straße liegen. Andere müssen mühsam aus der eigenen Erfahrung
zusammengeklaubt werden. Wieder andere fliegen einem zu wie Träume. Und manch eine
ereignet sich ganz leise nebenan. Die Geschichte, die ich erzählen werde, lag unter
meinem Bett, genauer: ein Stock tiefer, in der Wohnung, die der unseren wie ein
Schlagschatten in allen Winkeln folgt, vom langen Flur über das Entree, die Küche, das
Schlafzimmer und das weite Wohnzimmer mit dem Alkoven im hinteren Teil. In dieser Wohnung
lebte Francisco, ein großer, dickleibiger, schwer atmender Mann um die fünfzig, der vor
vierzehn Jahren aus Portugal in die Schweiz gekommen war, ein unauffälliges Leben führte
und eines Tages plötzlich etwas Außergewöhnliches tat. An einem strahlenden Maimorgen
kochte Francisco sich einen starken Kaffee, holte im Schlafzimmer eine Pistole aus dem
Schrank, wickelte sie in seinen alten Anorak und trank die Tasse in einem Zug aus. Mit dem
Anorak unter dem Arm bestieg er den Bus, durchquerte die ganze Stadt, stieg am Flughafen
aus, wo die Lagerhalle der Speditionsfirma steht, bei der er seit über zehn Jahren
angestellt war, betrat das Büro ohne anzuklopfen, zog die Pistole und tötete seinen
Vorgesetzten mit zwei Bauchschüssen. Danach ließ er sich in den Chefsessel fallen, legte
die Waffe auf den Tisch und befahl der Sekretärin, die Polizei zu rufen. Er ließ sich
widerstandslos festnehmen und legte auf der Wache ein Geständnis ab.
So erzählten es mir meine Nachbarn, und zwei Tage später stand es in der Zeitung. Mord
in Raten war die Überschrift, und der Journalist fragte sich in seinem kleinen Artikel,
ob jahrelange Schwarzarbeit zu erhöhter Gewaltbereitschaft führe und wer dazu zur
Rechenschaft zu ziehen sei.
Seither ist die Wohnung unter uns leer. Der Radiowecker, der uns regelmäßig aus dem
Schlaf riss, geht morgens um halb sechs nicht mehr los, abends, wenn wir in
der Küche sitzen, dröhnen die Stimmen der Fadosängerinnen nicht mehr aus seinem alten
Kassettengerät durch das offene Fenster auf den Hof, und im Treppenhaus riecht es nicht
mehr nach frittiertem Fisch. Manchmal, wenn ich am späten Nachmittag an der Terrasse des
Café du Rond-Point vorbeigehe, habe ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl, ihn an
einem der Tische sitzen zu sehen, erkenne dann aber bloß einen Fremden, der dort raucht,
Zeitung liest und ein Bier trinkt, genau so, wie Francisco es vor kurzem noch zu tun
pflegte.
Das war vor bald einem Jahr. Und nun sitze ich hier, auf der Terrasse in Alfama, und
schaue über den Tejo, eine Palme vor mir, ein Glas Wasser auf dem kleinen Tisch. Die
Sonne prallt auf die weißen Fassaden, die Zinnen und Balkone. Die Häuser scheinen von
innen heraus zu leuchten, gespickt mit dunklen Flecken der Fenster und Türen. Das
Geschrei spielender Kinder hallt durch die Gassen, das Ächzen und Knarren der alten
Trambahn, die durch Alfama und hinunter nach Baixa fährt. Dann ist es ruhig. Die Luft ist
kühl, trotz der Sonne. Es ist Februar.
Es muss ebenfalls im Februar gewesen sein, als diese Geschichte mit einem
verhängnisvollen Brief ihren Anfang nahm. Er war an Franciscos Frau Maria adressiert,
aber an António, seinen Sohn, gerichtet.
António lebt im Bairro Alto. Wir haben uns gestern verabschiedet. Ein fester, warmer
Händedruck. Er schaute mich an, nickte, drehte sich um und verschwand. Es gibt
Augenblicke, die eine seltsame Verbundenheit mit einem Fremden spüren lassen, ohne dass
man genau sagen könnte, worauf das Gefühl gründet. Dieser Händedruck war ein solcher
Augenblick.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Nagel und Kimche