Der Gärtner des Königs von Frédéric Richaud, 2001, ManholtFrédéric Richaud

aus: Der Gärtner des Königs

Im August des Jahres 1674 gab es in Versailles nur noch ein Gesprächsthema: den Krieg. Nach dem überwältigenden Sieg des Königs über Holland, das als zu anmaßend empfunden worden war, vereinten die beiden ehemals verfeindeten besten Generäle des Königreiches ihre Kräfte in dem Bemühen, der europäischen Koalition, die die Grenzen im Norden gerade überschritten hatte, Einhalt zu gebieten. Bei Seneffe hielt der reumütig zurückgekehrte Frondeur Condé den Sturmangriffen Wilhelm von Oraniens stand. Das batavische Land ging in Flammen auf und war von hallenden Trommelwirbeln, Kanonenschüssen und Schreien erfüllt. In beiden Lagern gab es Tausende von Toten. An der Grenze zu Lothringen brachten die pfälzischen Bauern nach wie vor die Vertreter der königlichen Ordnungsmacht gnadenlos um. Die Berichte, die bis Versailles vordrangen, waren furchterregend: die Bauern waren mit Mistgabeln und armlangen Messern bewaffnet. Sie tauchten in den mondlosen Nächten auf, schnitten den französischen Soldaten die Kehlen durch und verschwanden dann spurlos und lautlos in den dunklen tiefen Wäldern, nur um am nächsten Morgen anderswo, nirgendwo und überall wieder zum Vorschein zu kommen. Dem Allmächtigen sei Dank, Turenne, der Retter des Elsaß, holte bereits zum Gegenschlag aus und ging dabei so rücksichtslos vor, daß man hoffen durfte, er würde schon bald die pfälzischen Teufel in die Knie zwingen. Dörfer wurden in Brand gesetzt und die Einwohner niedergemetzelt. Tag für Tag füllten sich die Flure und Gärten von Versailles mit dem lauten Schlachtgetümmel oder dem leiseren, aber vielleicht noch schrecklicheren Geräusch des Klingenwetzens der germanischen Bauern. Die glanzvollen Feste, die Schönheit der Athénaïs de Rochechouart, das leise Plätschern der Springbrunnen, die Musik des himmlischen Lully vermochten es zwar, die Geister für einen Tag zu beruhigen. Schon am nächsten Morgen waren die Sorgen wieder da: Kamen die Truppen voran? Wie viele Gefangene hatte man gemacht? Wie viele Fahnen waren dem Feind entrissen worden? Der König und Colbert blieben leider in ihren täglichen Berichten meistens reichlich wortkarg: »Condé und Turenne sind dem Sieg sehr nahe, der Hof möge sich beruhigen.« Natürlich wollte man mehr erfahren und man paßte stundenlang die erschöpften Kuriere ab, die aus dem Gefechtsstand ihrer Herren berichten sollten. Sie waren jedoch unbestechlich. Man erfuhr nichts. Condé und Turenne wurden zu mythischen Helden. Condé ganz besonders: hatte man denn nicht gehört, daß drei Pferde nacheinander unter seinem Sattel zusammengebrochen waren, als er den Feind angriff? Hatte er nicht ein viertes Pferd verlangt, um ganz alleine dem sich in wilder Flucht zurückziehenden batavischen Heer nachzusetzen? Wenn sie nicht gerade vor Angst zitterten bei dem Gedanken, der Feind könnte am Ende eines Flures oder in der Biegung eines dunklen Weges auftauchen, fingen manche Höflinge an, von einem neuen Alexander, von glorreichen Taten, von Aufopferung und Rache zu träumen. Den Damen, die ihnen voller Bewunderung lauschten, erklärten sie immer wieder, daß sie auf der Stelle zu den pulver- und blutgetränkten Niederungen eilen würden, wenn nicht Geschäfte höchster Dringlichkeit sie just in diesem Moment in der Nähe des Königs zurückhalten würden. * Jean-Baptiste de La Quintinie kümmerte diese dumpfe Unruhe ziemlich wenig. Geistesabwesend hörte er den blutrünstigen Erzählungen zu, beobachtete aus der Ferne die wachsende Aufregung am Hof und das ständige Kommen und Gehen der Kuriere. Zwar interessierte auch er sich für die Feldzüge und ihre Helden - er kannte Condé gut und freute sich aufrichtig, wenn er von seinen Ruhmestaten hörte -, aber er hatte selbst einen Krieg zu führen, einen langen und lautlosen Krieg, von dem niemand sprach. La Quintinies große Manöver hatten vor vier Jahren begonnen, als der König ihn von seinen Verpflichtungen gegenüber Fouquet entbunden hatte und ihm das Amt des »Intendanten, zuständig für die Pflege der Obst- und Gemüsegärten von Versailles« übertragen hatte. Die Anweisungen des Königs waren damals ganz eindeutig gewesen. Eines Tages, als er mit seinem gesamten Gefolge Le Nôtres Gänge durchschritt, hatte sich der Herrscher unvermittelt an seinen neuen Gärtner gewandt: - Wissen Sie, was ich von den Künstlern erwarte, die für mich arbeiten, Monsieur de La Quintinie? - Ich weiß es nicht, Allergnädigster Herr. - Vollkommenheit, Monsieur, Vollkommenheit. Und Sie sind ein Künstler, Monsieur de La Quintinie. Dieser Anspruch, diese Erwartung verunsicherten ihn keineswegs, vielmehr hatte der König ihn auf der Stelle in seinen Bann gezogen. Es galt, das ihm anvertraute drei Hektar große Feld, mit dessen Erträgen man damals Louis Capet und sein gesamtes Gefolge nach einer Jagdpartie oder nach einer Partie de Plaisir beköstigen konnte, umzugestalten und zu vergrößern, um den hohen Ansprüchen des Königs und des Hofes zu genügen, die sich vom Frühjahr an immer häufiger in Versailles aufhielten.

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