|
|
aus: Fausto Coppis Engel
Er war ganz allein, der Mané,
abseits, und schaute den anderen zu, die hinter dem Fußball herliefen. Er hatte
zwei krumme Beinchen, dürr wie Spatzenbeine. Zwei Stöckchen, mit denen er
niemals würde laufen können. Und dennoch lächelte er. Sitzend folgte er dem
Spiel der Kinder mit den Augen. Er lächelte und schien glücklich zu sein.
Rundum gab es nur Staub und elende Hütten und niemanden, der auf dieses arme
krumme Vögelchen aufpaßte. Deshalb kam ich zu dem Schluß, daß es sich nicht
lohnte, noch weiter, bis nach Rio, zu gehen: Ich würde der Schutzengel eines
Spatzen sein.«
Bei diesem Gedanken nickte der Mann mehrmals, und Jesus empfand Mitleid mit ihm,
aber auch ein leises Gefühl der Erleichterung, hatte es doch den Anschein, als
habe er mit dem Weinen aufgehört und als habe die Freude am Weitererzählen
seiner Geschichte die Oberhand gewonnen. Deshalb schwieg Jesus und ließ sich
von den Worten einhüllen.
»Die Kinderlähmung. In Pau Grande, wo es beinahe nichts gab, herrschte an
Kinderlähmung kein Mangel, und meinem Spatz hatte sie die Beine verdorrt. Aber
das schien Mané nichts auszumachen. Er war immer fröhlich, auch im Unglück,
auch wenn
er schlecht und nur kurze Zeit gehen konnte, auch wenn er nicht hinter dem Ball
herlaufen konnte wie die anderen und wie sein Vater, dem die Tatsache, ihn so
klein und so verkrüppelt sehen zu müssen, die Tränen in die Augen trieb. Um
diesen Schmerz zu lindern, gelang es mir irgendwie, den Mann zu überzeugen,
seinen Sohn zu einem Arzt nach Rio zu bringen. Deamaro nahm ihn huckepack, und
wir gingen, ich immer an ihrer Seite, um diesen Arzt zu konsultieren, der die
krummen Beine der Kinder operierte. Er untersuchte Mané und bemühte sich während
einer stundenlangen Operation, seine Beine geradezubiegen, aber es glückte ihm
nur halb, so daß er, als er ihn uns zurückgab, verlegen dreinschaute. Er sagte, daß er nun
wenigstens mit dem linken Bein gehen könne.
In jener Nacht fand Deamaro keinen Schlaf, und ich leistete ihm während der
langen Stunden Gesellschaft; dabei lernte ich, wieviel ein Mann weinen kann, der
leidet, weil er einem Spatz mit krummen Beinen das Leben geschenkt hat. Er
weinte und schrie zum Himmel, der Deamaro, er trank Bier und ballte die Fäuste
zum Mond, während ich hin und her überlegte und auf irgendeine Abhilfe sann.
Am Morgen gingen wir dann zum Markt von Julinha, kauften für ein paar Cruzeiros
ein altes Dreirad aus Eisen, banden Manés Füße an den Pedalen fest, und von
diesem Tag an drehte er, in die Pedale dieses unmöglichen Vehikels tretend,
seine Runden durch den Staub von Pau Grande. Er fuhr auf seinem Dreirad und lächelte,
er fuhr hinter den anderen Kindern her und lächelte. Auch wenn sie ihn hänselten,
trat er in die Pedale und lächelte. Mit der Zeit wurden seine Beine immer kräftiger,
und wenn mein Spatz vom Dreirad stieg, konnte er sich bald besser auf den Füßen
halten. Manchmal lief er sogar ein wenig herum.
Eines Tages, im Juli, schaute er den Kindern wieder beim Fußballspielen zu, und
ich war bei ihm, wie immer. Der Ball rollte auf uns zu, und als João Paulo
Pirinha ihm höhnisch zurief, er solle ihm einen Tritt verpassen, sah ich, wie
das Glück aus Manés Augen schwand. Er wandte sich João Paulo zu und schrie
ihm entgegen, er solle doch herkommen und ihn sich selbst holen, seinen Ball,
und dann lächelte er wieder, aber ich wußte, daß er innerlich zitterte. Da
sah ich ihn an, und er fühlte sich ruhiger. Er legte den Ball vor seine Füße,
trocknete sich an den Socken den Schweiß seiner Hände ab und blieb aufrecht
stehen, um auf Pirinha zu warten. Ich stand neben ihm und hielt ihn an einem Arm
fest, während der andere Junge langsam näher kam und sich schließlich vor Mané
aufbaute. Ich drückte ihm den Arm noch fester, und vielleicht hatte mein Spatz
begriffen, denn er blickte dem Gegner in die Augen und lächelte, dann beugte er
sich nach links, lehnte sich gegen meine Seite, und während João Paulo das
Bein in diese Richtung ausstreckte, sprang Mané in die andere, den Ball
zwischen den Beinen, und wieder spielte ein Lächeln um seine Lippen. Von jenem
Tag an gelang es niemandem mehr, ihm den Ball abzunehmen, weil Mané sich
jedesmal auf meinen Arm stützte und lächelnd in die andere Richtung
entwischte, während die Leute sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlugen,
fasziniert von diesem plötzlichen Tanzschritt, und sie nannten ihn fortan nur
noch Garrincha.«
Jesus zuckte zusammen. Wovon zum Teufel redete der Mann da? Einen Augenblick
lang verspürte er das Unbehagen, das einen angesichts eines Anzeichens von
Wahnsinn beschleicht, aber dann fiel sein Blick auf die blauen Augen, die sich
wieder mit Tränen füllten, und er begriff, daß dies nicht der Blick eines
Irren sein konnte. Er stand also auf, ging zu dem reglos im Bett liegenden Körper
und starrte auf die vom Tod verzerrten Gesichtszüge, und wie in einem Traum
tauchte aus dieser markanten Physiognomie nach und nach ein bekanntes Gesicht
auf, das Gesicht von dem alten Photo, das sein Vater über der Tür seines
Friseurladens hängen hatte: die Augenbrauen und die ausgeprägten Jochbögen,
der Mund und die Augen des Champions. Eine Woge von Farben, ein überwältigendes
Gefühl, Gesichter und Geräusche der Vergangenheit, abzurufen aus dem Gedächtnis.
Jesus spürte, daß dies nicht der Moment war, Fragen zu stellen.
»Pelés Beine sind vollkommen, ihre straffe Haut glänzt, und ihre Muskeln sind
harmonisch geformt. Nach einem Entwurf von Michelangelo«, sagte der Mann unter
Tränen, dann zeigte er auf das Bett und fuhr fort: »Manés Beine dagegen waren
zwei Weinstöcke, so verdreht wie das Los der Unglücklichen. Der Scherz eines
Verrückten, der mit ihren Existenzen seine Spielchen treibt. Es waren die Beine
der armen Teufel aus den Favelas, und aus diesem Grund haben sie ihn auch so
geliebt. Diese häßlichen Beine führten jeden Gegner aufs Glatteis, und dann
sprangen sie fröhlich dem Sieg entgegen. Die Beine liefen in die eine Richtung,
Mané und der Ball in die andere, und von den Rängen erhob sich das
Freudengeschrei seiner Leute, die mit ihm an der Seitenlinie entlangliefen, um
den Ball demjenigen zuzuspielen, der ein Tor schießen würde.
Ihm haben immer die einfachen Dinge gefallen, meinem Spatz, deshalb war auch
sein Spiel von absoluter Einfachheit: immer die gleiche Finte, immer der gleiche
Tänzersprung nach rechts, um den Ball in die Mitte zu spielen, und immer die
Freude der Leute.
Doch manchmal überkam ihn auch Traurigkeit. Er betrachtete die Kraft von Vavà,
sah den Schwung von Pelé und fragte sich, ob er wirklich Fußball spielen könne.
So kam es, daß er eines Tages, während des Trainings, den Ball und sein Herz
in die Hand nahm und sich vor O’Rey hinstellte – er so klein und so krumm
und ihm gegenüber die Wohlgestalt des anderen. Er sah ihm in die Augen und
sagte:
›Entschuldige, aber ich kann keine Kunststückchen machen, ich kriege keine
guten Kopfbälle hin und habe keine Kraft. Ich beherrsche nichts anderes als
Finten. Ich fixiere den Gegner und setze an, ich sorge dafür, daß er auf
seinem Hintern landet, und weg bin ich. Ich mache immer dasselbe, nichts anderes
als das.‹
Da sah ich, wie Pelé in all seiner Pracht lächelte, auf meinen krummen Spatz
zuging und ihn streichelte.
›Du brauchst dich für gar nichts zu entschuldigen, Mané‹, sagte er,
›denn deine Dribblings sind wie Brot – schlicht und ohne große Zutaten,
aber sie
sind es, die mich und die Mannschaft am Leben erhalten.‹
Und Mané sah auf seine krummen Beine hinunter, blickte dann auf die perfekt
geformten vor sich und vollführte wieder seine fulminante Finte, indem er, während
der Ball an seinen Füßen klebte, am Rand des Spielfelds entlang davon hinkte.
Er ließ Pelé einfach stehen und ins Leere schauen.«
Über das Gesicht des Mannes breitete sich ein Lächeln aus, während seine
Augen sehr lange auf einen Punkt starrten, der weit von diesem kalten Zimmer
entfernt zu liegen schien. Dann entspannten sich seine Züge:
»Wir hatten wirklich Spaß miteinander. Niemand ist es gelungen, je zu
begreifen, wie er diese Finte zustande brachte. Sie forschten nach, diskutierten
darüber, dann stellten sie Theorien auf, weil sie sicher waren, die Erklärung
gefunden zu haben, um sie dann wieder zu verwerfen, und wenn sie auf ihn
zugerannt kamen, gingen sie ihm immer wieder auf den Leim. Sie schauten auf
seine krummen Knie – das eine nach innen gedreht, das andere nach außen –, sie schauten, wie sich seine Beinchen auf die eine Seite verlagerten,
während er sich auf mich stützte und mit dem Ball zur anderen Seite sprang,
und sie blieben unterdessen regungslos, wie verhext, mit dem Hintern auf dem
Boden sitzen. Sie versuchten es auch auf die harte Tour, versetzten ihm Tritte
gegen die Fesseln und versuchten so, ihn zu erschrecken. Aber er tat, als wäre
das nichts, und setzte seinen Tanz fort, der nur aus diesem einzigen Schritt
bestand.
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Zsolnay