Schwarzkittelweg von Anna Rheinsberg, 1995, Personaverlag

Anna Rheinsberg

Schwarzkittelweg
(Leseprobe aus: Schwarzkittelweg, Erzählungen, 1995, Personaverlag).

"Und Jewel spricht. Fragt: Kommst du mit? Wohin? frage ich. Nach Italien, flüstert Jewel. Ich werde nicht mitgehen. Ich muß doch zur Schule gehen, Jewel! Mutter träumt. Früh tippt sie Listen bei der Spedition, und wenn sie am Nachmittag die zugige, kahle Dorfstraße entlangstöckelt, wird ihr schon beim Anblick der Zuckerrübenfelder übel, und sie sehnt sich nach Gin und einem heißen trockenen Wind, nach Kneipen, einem Lied aus der Musikbox und Beerdigungsfeiern, die sie, als sie noch bei der Steuerbehörde war, ausrichtete. Aber der Wind ist kalt. Der Hund hungrig. Harry Krise schläft. Karg bemessene Stunden zwischen Tag- und Nachtschichten. Bis Mutter die Treppe heraufstapft und bei den Maggisträuchern zu heulen anfängt. Steh auf, Harry! Du, Rehlein, tanzt im Dachgeschoß. Es ist immer dieselbe alte Melodie. Ich höre deine Schritte über mir. Die Platte ist zerkratzt, und die Nadel schrammt. Heesters plärrt. Und Robert Stolz. Jewel hat unverschämt schöne grüne Augen. Er flitzt durch die Johannisbeerbüsche, ich ihm nach. Mit meinem Vokabelbuch und Jewels Gewehr, der Maobibel, aus der er mir vorliest. Er kaut an seinem Haar. Vom Totschießen spricht er, Rehlein. Aber sag nichts."

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