Hammerklavier
(Leseprobe aus: Hammerklavier, Eine Sonate, 1998,
Ammann - Übertragung
Eugen Helmlé)
Ein Traum
Ich habe folgenden Traum gehabt. Mein toter Vater kam zurück, um mich zu
besuchen.
»Na«, sage ich zu ihm, »wie ist es? Bist du Beethoven begegnet?«
Er verzieht das Gesicht und schüttelt angewidert und traurig den Kopf.
»Olala! Eine schreckliche Begegnung!«
»Wieso das?«
»Sehr unsympathisch. Sehr.«
»Aber wieso, Papa?«
»Ich gehe auf ihn zu«, fährt mein Vater fort, »im Begriff, ihn zu umarmen, weißt
du, was er zu mir sagt:"Wie konnten Sie sich an das Hammerklavier-Adagio
heranwagen! Wie haben Sie sich auch nur eine einzige Sekunde einbilden können,
Sie seien imstande, einen einzigen Takt aus dem Hammerklavier zu spielen?"«
»Verzeihen Sie, Meister«, gab ihm mein Vater zur Antwort, »ich glaubte, Sie
stünden jetzt über diesen Dingen ...«
»Aber hören Sie mal!« ruft Beethoven, »tot zu sein heißt doch nicht, weise zu
sein!«
Die Hammerklavier-Sonate
Eines Tages sage ich zu ihm: »So, jetzt weiß ich, was für mich das Meisterwerk
der Meisterwerke ist.«
»Sag schon.«
»Das Adagio aus der Hammerklavier-Sonate.«
»Meisterwerk!«
An der Art und Weise, wie er Meisterwerk sagt, argwöhne ich sogleich, daß er es
nicht mehr im Kopf hat.
Einige Tage vergehen.
Er sagt zu mir: »Ich hab mir die Hammerklavier-Sonate wieder angehört, sie ist
wirklich das Meisterwerk unter den Meisterwerken. Es ist gut, daß du das in
deinem Alter gewußt hast.«
Mein Vater sagt oft zu mir: »Es ist gut, daß
du das in deinem Alter ...« usw. Für ihn bin ich äußerst jung, allezeit.
»Aber weißt du«, sagt er noch, »du kannst
das spielen, du kannst diesen Satz sehr gut spielen.«
»Unmöglich, hör mal.«
»Nicht schwierig.«
»Aber doch, sehr schwierig, Papa.«
»Nicht für mich. Ich kann das einwandfrei spielen.«
Mein Vater macht sich daran, heimlich das Adagio der Sonate Opus 106 zu üben.
Ich stelle ihm oft die Frage: »Na, das Adagio aus der Hammerklavier-Sonate?«
»Großartig.«
»Spielst du’s mir vor?«
»Niemals.«
Am Klavier sind wir Konkurrenten. Wir üben oft dieselben Werke mit zwei
verschiedenen Lehrern. Er spart nicht mit Ratschlägen, die sein Lehrer ihm gibt,
was mich sogleich zur Verzweiflung bringt, weil ich ganz genau weiß, daß ich in
die einzig mögliche Wahrheit eingeführt worden bin.
Die Monate gehen also dahin. Mein Vater wird schwächer und übt das
Hammerklavier-Adagio. Bald spielt er fast gar nicht mehr, denn Aufstehen,
Sich-konzentrieren, lesen werden zu beschwerlichen Anstrengungen.
Eines Abends, gegen Ende, er liegt in seinem Bett, sage ich zu ihm: »Weißt du,
was mich freuen würde? Wenn du mir das Hammerklavier-Adagio vorspielen würdest.«
»Willst du?« Er sieht mich an und quält sich aus den Laken. Er trägt sein weißes
Nachthemd, er schlüpft in die Panto‡eln, und aufgeregt und feierlich gehen wir
über den Korridor.
Er setzt sich ans Klavier. Er reguliert die Lampe, legt sich die Partitur
zurecht, sucht seine Brille. Die Zeremonie dauert lange, und ich, brav in einem
Sessel am Schachtisch sitzend, freue mich über ihre Länge.
»Weißt du, ich habe es seit einer Weile nicht mehr gespielt.«
»Ich weiß, Papa, natürlich. Laß dir Zeit.«
Ich sehe seinen schwachen Körper, sein mageres Gesicht, seine Beine,
aufgeschwollen durch ich weiß nicht welche Störung. Er hat Lampenfieber. Er
traut sich nicht anzufangen. Er ist mit einem Mal schüchtern wie ein Kind.
Plötzlich spielt er.
...(Oh, Papa, wo du auch bist, verzeih mir, was nun folgt!)
Der erste Takt ist verpatzt. Er setzt von neuem an, den Fuß ans Pedal
geschweißt. Der zweite Takt schließt sich dem ersten in einem Zusatz von
Resonanzen an, der jede Möglichkeit von Musik vernichtet. Der dritte ... Nein,
er fängt von vorne an, weil er sich des schlechten Einsatzes bewußt ist. Er ist
immer verspannter und konzentrierter.
Ernsthaft, gerunzelte Stirn, zitternd, es recht zu machen. Er setzt von neuem
an. Schlimmer als vorher. Er korrigiert die falsche Note, macht andere Fehler,
fährt trotzdem fort, sagt: »Nein, nein, das ist es nicht ... Du verwirrst mich
...« und fängt wieder von vorne an. Ich sage: »Mach dir keine Gedanken, du
weißt, wir haben Zeit.«
»Ach, du verwirrst mich, das ist schrecklich.«
Er hat beschlossen, weiterzumachen. Wie ein Bleisoldat dem Hammerklavier-Adagio
die Stirn bietend, hat er nun den Kampf erö‡net, koste es, was es wolle. Das
schwere Bein löst sich nicht mehr vom Pedal. Aneinanderklebend, stürzen die
Noten in ein ursprüngliches, gleichbleibend chaotisches Gebrodel hinein, das
wehtut.
Er spürt, daß es sehr schlecht ist, aber er spielt weiter. Ich sollte weinen.
Das entstellte Hammerklavier-Adagio. Mein sterbenskranker Vater. Das
Hell-Dunkel, das die Zeichen des Verlorenseins noch unterstreicht. Aber es ist
ein Lachen, das mich überkommt. Das unbändigste Lachen, das mich je überkommen
hat. Ein ununterdrückbarer Lachanfall, den ich trotz größter Anstrengungen nur
mit Mühe zurückhalten kann. Ich drehe mein Gesicht dem Fenster zu und bemühe
mich, traurig zu werden. Aber wie? Alle Elemente der Traurigkeit sind da, und
ich lache!
Er weiß nicht, daß ich lache, aber er spürt, glaubt er, meine Unaufmerksamkeit.
Erschöpft hält er inne.
»Das ist es nicht. Nein. Das ist es nicht, heute abend. Ich bin müde. Ich werde
es dir ein anderes Mal vorspielen.«
Er steht auf.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich glaube, daß ich die Kraft finde,
ihn aufzumuntern, ihm zu sagen, daß es trotz einer leichten Übertreibung des
Pedals und trotz seines Lampenfiebers - in Anbetracht dessen, was zwischen uns
auf dem Spiel steht, ganz normal - überhaupt nicht schlecht - war. Ich begleite
ihn in sein Zimmer zurück. Ich weiß genau, daß es kein anderes Mal geben wird,
aber welcher Teufel beherrscht mich, auf diesem Rückweg (und selbst heute noch)
ist das Lachen bei der Erinnerung an das total massakrierte Hammerklavier-Adagio
immer noch in mir.
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