Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht von Lars Reyer, 2006, Lyrikedition 2000

Lars Reyer

Der lange Fussmarsch durch die Stadt bei Nacht
(Leseprobe aus: Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht, Gedichte , 2006, Lyrikedition 2000).

Du sitzt & trinkst & hältst
dich am Aschenbecher fest, du siehst
das jetzt durchs rauchgefärbte Kneipenfenster:
dein Gesicht
in Nahaufnahme, porentief
die Destillate in dir, unter deiner Haut
der lausige Geschmack von vielen Tagen,
die alle in den Abend ebben, der Wirt
bemerkt dich nicht mehr, er schenkt
dir wortlos nach, du zahlst.
Das Licht
der Straßenlampe glimmt dir sanft
im Auge, vielleicht ist dies der letzte Abend,
an dem du noch nach Hause kommst, du schlägst
den Kragen hoch, es folgt
der lange Fußmarsch durch die Stadt.
Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht, über
die geborstenen Gehwegplatten glitscht
dein Schuh, es fällt
ein ruhiger Regen, Moos
wächst an den Mauern, von denen hier
die Villen (leer & träge) umzingelt sind, es schreit
ein Käuzchen & von Ferne jault
die Straßenbahn in ihren Gleisen, die späten
Trinker darin, gebannt auf ihre Schalensitze,
die mechanische Stimme hält sie wach (»Nächste
Haltestelle Torgauer Platz«). Der lange
Fußmarsch (morsche Sohlen), es glühen
noch die Birnen an den Imbissbuden, der Geruch
nach altem Fett & Worten, die
dem Kehlkopf nie entronnen sind,
du spürst
das Stechen unterm Rippenbogen, mit grauer Hand
spült ein Gespenst mit grauen Haaren
Seifenlauge auf das Pflaster.
Die durch die Abwässer waten – heraldische
Eisendeckel schließen sich
über ihren Köpfen – die
die Kanäle entschlammen, sie atmen wohl
mit ihren imprägnierten Lungen
nichts als
den Stoff zum Leben.
Die durch die Abwässer waten, gehen
unterirdisch ein in die Geschichte, die Geschichten –
sie gehen ein in das Gedicht
als feiner Film,
Partikelstaub, der auf den Stimmen liegt.
Auf dem Asphalt die Ampelfarben, schwach
hingeschmiert, du sprichst
in altbekanntem Rhythmus vor dich hin only
there is shadow under this red rock, (come in
under the shadow of this red rock),
der Backstein
glüht noch nach von Einschusslöchern, von ausgeschwitzten
Traumgesichten.
Durch die Stadt, entlang
der Plattenbauten, von den Balkonen
grinsen die Sonnenschirme (nachtgrau
ummantelt) die Kohlegrills & Blumenkästen – & leise
liegt ein Brodeln in der Luft, ein unterkühltes
Fieber.
Du folgst dem spitzen schnellen
Metronomtakt eines Absatzschuhs, der tick-tack
tick-tack auf die Straße schlägt (an deine
Schädeldecke). Im Kopf verzeichnest du
die Wege, Ausfallstraßen, die Trampelpfade
& Alleen immer wieder neu – das alles
ändert sich so ohne Unterlass, nur der Fluss
bleibt wie er ist in seinem weichen
schroffen Bett & du probierst am Ufer (dort wächst
der Sauerampfer durch die Steine) eine kurze
Melodie.
Die durch die Abwässer waten haben
gelbe Jacken an, Gummistiefel & Helme, dass
sie nicht erschlagen werden
vom Dunst,
der klafterdick
die Sicht, den Atem nimmt. Die Grubenlampen
leuchten bloß so klamm – sie, die durch
die Abwässer waten, ziehen die scharfen Dämpfe ein, sie sprechen
unerkannt, mit Geisterstimmen, sie erzählen
von Schlamm, von Schlacke, vom täglich
unerträglichen Material, das ihnen
unter der Haut gärt & sie trainieren,
unterirdisch,
den aufrechten Gang.
Bei Nacht, die Abdeckplanen flattern
an den Baugerüsten, du schleichst, mit deinem krummen
Schatten hinter dir, an den lau
beleuchteten Fenstern vorbei. Hochparterre,
hier schwelen ewig die verdammten Feiertage
& die Fernsehbilder (blaues Zucken).
Die ohrenbetäubende
Stille aller toten arm- und
beinlosen Engel auf den Ruinen ringsum, du
navigierst sicher durch das Spalier
ihrer Blicke
& doch
steht dir
der kalte Schweiß
auf der Stirn. Vielleicht, dass bald der Morgen graut,
der rötlich schimmernde Himmel
sich zerlegt, die Sperlinge & Amseln
ihren Chor anstimmen & du kannst endlich
in den Schlaf einsinken, du drehst
den Schlüssel schon im Schloss & schreckst
zurück, denn es erwarten dich, das weißt du
ganz genau, die sprachlosen Zimmer, die Möbel,
die Topfpflanzen, das Kanapee, die Reste
vergangener Geistesblitze, ein defektes
Kühlschranklicht,
höllische Heizungshitze.

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