Berlin -
Sankt Petersburg, nonstop
(Leseprobe aus: Berlin -
Sankt Petersburg, nonstop)
(...)
Mit festem Griff nun umfaßt Valentina ihre Tasche, sie handelt reflexhaft, sie
tut genau das, was man tut, wenn man sich bedrängt fühlt oder bedroht - als
erstes sichert man sein Geld und seine Ausweise, und dann erst sich selbst,
indem man die Tasche mit dem Geld und den Ausweisen wie einen Schutzschild an
sich preßt. In diesem Fall jedoch scheint es der Angreifer nicht auf ihre
Tasche abgesehen zu haben, und auch nicht auf ihr Geld, freundschaftlich, als
würde er Valentina schon lange kennen, legt er seinen Arm um ihre Hüfte und
schiebt sie mit einem sanften Stoß in die offene Kabine, bevor er selbst
zusteigt. "Eine kleine Spazierfahrt, nur du und ich!", flüstert er
ihr ins Ohr, und schon schnappt die Tür zu, und noch bevor Valentina begreift,
was geschieht, noch bevor sie Widerstand leisten und davonlaufen kann, ist sie
gefangen und der Zug setzt sich in Bewegung. "Halten Sie an!" schreit
sie aufgebracht - sie kann es gar nicht glauben, sie kann nicht glauben, daß so
etwas mit ihr geschieht, "halten Sie sofort an!" Ihre Stimme vibriert,
ihre Stimme klingt schrill, sie hört ihre eigene Stimme in ihrem Kopf
scheppern, und sie weiß, mit solcher Stimme zu schreien, ist das Dümmste, was
man tun kann, in solch einer Situation, und dennoch schreit sie, schließlich
ist auch das nichts weiter als ein Reflex. Der Fahrer hingegen bleibt vollkommen
gelassen, routiniert bewegt er hier einen Hebel, drückt da einen Schalter, ganz
selbstverständlich, ganz entspannt, und dann ergreift er mit seiner freien Hand
Valentinas Arm, zieht sie gebieterisch zu sich heran und preßt sie an sich, als
sei sie ein Kind, das, von einem jähen Tobsuchtsanfall heimgesucht, durch
resolutes Eingreifen wieder zur Besinnung gebracht werden müsse.
"Ruhig", spricht er besänftigend auf sie ein, "nur ruhig, es
wird dir nichts passieren." Er beugt sich zu ihr herab, während er so mit
ihr spricht, er beugt sich zu ihr herab, denn er ist größer als sie, dabei
streift seine Wange ihren Hals, den Kragen ihrer Bluse, seine Wange streift
sogar ihr Ohr, und Valentina, plötzlich verstummt und starr vor Schreck, beißt
die Zähne zusammen. Stocksteif steht sie vor ihm, eingeklemmt wie in einer
Schraubzwinge, und er steht hinter ihr, und sein Gesicht - sie kann es nicht
einmal sehen.
"Wo kommst du eigentlich her, du sprichst mit Akzent?" Der Zug hat
sich auf ein mäßiges Tempo eingetaktet, behäbig zuckelnd rollt er dahin,,
eine unvorhergesehene, eine unerwünschte Spazierfahrt mit der BVG. "Laß
mich raten, bist du Französin?" (...)
(2003)
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