Eva Gabriel Rex

Berlin - Sankt Petersburg, nonstop
(Leseprobe aus: Berlin - Sankt Petersburg, nonstop)

(...)
Mit festem Griff nun umfaßt Valentina ihre Tasche, sie handelt reflexhaft, sie tut genau das, was man tut, wenn man sich bedrängt fühlt oder bedroht - als erstes sichert man sein Geld und seine Ausweise, und dann erst sich selbst, indem man die Tasche mit dem Geld und den Ausweisen wie einen Schutzschild an sich preßt. In diesem Fall jedoch scheint es der Angreifer nicht auf ihre Tasche abgesehen zu haben, und auch nicht auf ihr Geld, freundschaftlich, als würde er Valentina schon lange kennen, legt er seinen Arm um ihre Hüfte und schiebt sie mit einem sanften Stoß in die offene Kabine, bevor er selbst zusteigt. "Eine kleine Spazierfahrt, nur du und ich!", flüstert er ihr ins Ohr, und schon schnappt die Tür zu, und noch bevor Valentina begreift, was geschieht, noch bevor sie Widerstand leisten und davonlaufen kann, ist sie gefangen und der Zug setzt sich in Bewegung. "Halten Sie an!" schreit sie aufgebracht - sie kann es gar nicht glauben, sie kann nicht glauben, daß so etwas mit ihr geschieht, "halten Sie sofort an!" Ihre Stimme vibriert, ihre Stimme klingt schrill, sie hört ihre eigene Stimme in ihrem Kopf scheppern, und sie weiß, mit solcher Stimme zu schreien, ist das Dümmste, was man tun kann, in solch einer Situation, und dennoch schreit sie, schließlich ist auch das nichts weiter als ein Reflex. Der Fahrer hingegen bleibt vollkommen gelassen, routiniert bewegt er hier einen Hebel, drückt da einen Schalter, ganz selbstverständlich, ganz entspannt, und dann ergreift er mit seiner freien Hand Valentinas Arm, zieht sie gebieterisch zu sich heran und preßt sie an sich, als sei sie ein Kind, das, von einem jähen Tobsuchtsanfall heimgesucht, durch resolutes Eingreifen wieder zur Besinnung gebracht werden müsse. "Ruhig", spricht er besänftigend auf sie ein, "nur ruhig, es wird dir nichts passieren." Er beugt sich zu ihr herab, während er so mit ihr spricht, er beugt sich zu ihr herab, denn er ist größer als sie, dabei streift seine Wange ihren Hals, den Kragen ihrer Bluse, seine Wange streift sogar ihr Ohr, und Valentina, plötzlich verstummt und starr vor Schreck, beißt die Zähne zusammen. Stocksteif steht sie vor ihm, eingeklemmt wie in einer Schraubzwinge, und er steht hinter ihr, und sein Gesicht - sie kann es nicht einmal sehen.
"Wo kommst du eigentlich her, du sprichst mit Akzent?" Der Zug hat sich auf ein mäßiges Tempo eingetaktet, behäbig zuckelnd rollt er dahin,, eine unvorhergesehene, eine unerwünschte Spazierfahrt mit der BVG. "Laß mich raten, bist du Französin?" (...)

(2003)

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