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LYSIS
(Leseprobe aus:
Lysis, Roman, 2011,
Wieser-Verlag).
Jean musste gleich hinter ihm sein, auf Reichweite jetzt, der
Wind trug den trockenen Duft von Sandelholz heran. Mehrmals schon hatten sie
beide so gestanden. Ted erinnerte jedes einzelne Mal, hatte jede einzelne Szene
seit Ostern unzählige Male zurückgespult – auf der Terrasse hier, unten im
Garten, am Erkerfenster seines Büros vor dem abendlich verregneten Berlin. Jeans
Geruch und sein Atem waren zu spüren gewesen, und, inzwischen konnte Ted es ja
in Worte fassen, es war eine körperliche Anziehung, die auch er sich jetzt
zugab. Ein den Kopf auf die Schulter legen wollen und endlich ankommen. Man muss
wohl irgendwo bleiben.
Und dieses Sehnen, er musste einfach die Wahrheit sagen, ein
brutales, ein totales Sehnen, das das Selbst, die gesamte Umgebung auslöschte,
unerklärlich. Was gefiel ihm an einem Mann? An diesem Mann? Einem faszinierenden
Freigeist, ja klar, doch blutleer, lebensleer, viel zu eitel für seinen
Geschmack. Sicher wahnsinnig desinteressiert beim – was? Beim Sex. Was
interessierte Ted schwuler Sex? War er krank, gehirngewaschen, ein
hoffnungsloser Beziehungsirrer?
Und doch, er war ab dem vergangenen Herbst verrückt danach,
Jean anzufassen, ihn mit Leben, mit Lust zu füllen, dieses Tabu zu brechen und
es einfach auszuprobieren. Es war ihm zunehmend schwindlig geworden bei dem
Gedanken, diesen feingliedrigen Körper zu erkunden, zu erobern und zu besitzen,
ihn hart und schnell zu nehmen wie eine Frau, wie die Frauen, die er kannte und
genommen und besessen hatte. Das war es doch, was Jean wollte. Alles. Ein
klares, gnadenloses Alles. Sprich: besessen werden!
Bisher hatte sich Ted also nie umgedreht gehabt. Ted, der
Feigling, der Davonläufer.
Umdrehen, und dann? Konkret? Er hatte aus Angst vor diesem
unbekannten Terrain lieber im Kopf abgehoben, wie gerade eben wieder. Vorwärts,
nur vorwärts, ein Pferd auf der Flucht – und nach langen Minuten hatte ihn
schließlich immer eine Ablenkung gerettet, ein Telefon klingelte, jemand betrat
den Raum. Jean hatte sich zurückgezogen, gekonnt beschäftigt getan.
Ted öffnete die Augen jetzt. Ein Rausch von Blau drang ein.
Und in der Geschwindigkeit dieses Blaus, in seiner Schärfe
und Tiefe fand er den Schwung und drehte sich um. Jean stand da in seinen
perfekt fallenden Hosenbeinen, seinem duftig gebügelten Hemd, die Hände wie
schwerelos in die Hüften gestützt, der Wind zerzauste ihm das Haar.
Ted tat den Schritt auf ihn zu. Ein Forscher betrat sein
Neuland. In der Julihitze gaben die Grillen ein großes Konzert.
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