Das unendliche Buch von Noëlle Revaz, 2017, WallsteinNoëlle Revaz

Das unendliche Buch
(Zitat aus: Das unendliche Buch, Roman, 2017, Wallstein-Verlag - Übertragung Ralf Pannowitsch).

1
Das dritte Buch der Romanautorin Jenna Fortuni war am 3. Januar erschienen. Die genaue Stunde seines Erscheinens war schwer zu bestimmen, denn wie gewöhnlich hatte der Verlag darauf bestanden, das Geheimnis so lange wie möglich zu hüten. Dann aber, irgendwann am Vormittag, schoss das Buch in den Schaufenstern plötzlich zu Tausenden empor. An den Supermarktkassen erblühte es in üppigen Kaskaden. Es prangte auf den Verkaufsständern. Trauben von Büchern türmten sich in den Freizeitabteilungen. Es wurde in den Läden gesichtet, und natürlich entdeckte man es bald in Bussen und Bahnen, wo es die Plastiktüten einer wachsenden Zahl von Käufern schmückte.

Dank seines fein ausgearbeiteten Umschlags, auf dem Rottöne vorherrschten, ließ sich das Buch auf den ersten Blick erkennen. Seine Oberfläche war ein Relief mit verschiedenen Höhenlagen, und der Finger konnte darauf herumwandern. Eine dieser Lagen wirkte wie Zinn oder Blei. Der eigentliche Untergrund des Umschlags war glatt. Rechterhand changierte das Rot in manchen Höhlungen zum Orangen hin. In anderen Vertiefungen wirkten winzige Silberseen wie Spiegel, in denen man seine Augen erblicken konnte. Das am deutlichsten erkennbare Motiv war eine Schlange mit kantigem Kopf, die sich waagerecht über zwei Drittel des Umschlags schob. Ihr Haupt war nur schemenhaft ausgearbeitet, aber das störte nicht, denn auf diese Weise erinnerte sie eindeutig an die Schlangen der Azteken oder Inkas. Über ihren Rücken lief ein Grat aus rechteckigen, ungleichen Zinnen, der an Kinderzeichnungen denken ließ. Manche Kritiker sprachen bereits von der Schlange der Erkenntnis, andere vom Baum des Lebens. Der Name der Autorin stand neben dem Verlagsnamen und war mit den Fingern zu ertasten. Allerdings konnte man diese beiden Namen gar nicht verwechseln, denn die Gewohnheiten und die Kenntnis des Buchmarkts waren derart aus geprägt, dass die Käufer sie instinktiv auseinanderzuhalten wussten.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home II17 LYRIKwelt © Wallstein