Gabriele Reuter

Ins neue Land
(Leseprobe aus: Ins neue Land, Roman, 1916, Ullstein).

Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem Parterresaal der Verwundetenbaracke.

»Wie geht’s unserm Finsteren?« fragte der junge Doktor im weißen Operationsmantel, mit der unpersönlichen Heiterkeit, die Ärzten und Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur Gewohnheit geworden ist.

»Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch mal mit ihm, Herr Doktor ...«

»Ja, das will ich, Schwester ... Sonderbar, gerade den Gebildeten unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte ...«

»Sie haben eben die größere Denkfähigkeit, um sich alle Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,«antwortete die Schwester. »Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn unseres Finsteren geachtet?«

»Was Ihnen noch alles auffällt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ... Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.«

Der junge Arzt öffnete die Glastür. Aus langen Reihen weißer Eisenbetten grüßten ihn die Augen von bärtigen und unbärtigen, jungen und alten Männerköpfen. Feine wie stumpfe, törichte wie kluge Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese Krieger, welche ihr Leben rücksichtslos dem Tode entgegengeworfen hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so mürbe geworden, daß sie von einem blonden fröhlich blickenden jungen Manne im weißen Kittel sehnsüchtig irgendeine Linderung ihrer Leiden, irgendeinen Trost für unerträgliche Pein des Körpers oder der Seele erwarteten.

Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte sich für einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, für eingetroffene Briefe wie für die Fiebertabellen zu Häupten der Verwundeten und für ihre Verbände. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der, aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er zärtlich, wie einem jungen Bruder über den kurzgeschorenen Kopf.»Weiterschlafen, – ruhig weiterschlafen!«

Der »Finstere«, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf ausgeprägtes Gesicht mit großer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken Verbänden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.

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