Man schließt nur kurz die Augen von Klemens Renoldner, 2008, folio

Klemens Renoldner

Man schließt nur kurz die Augen
(Leseprobe aus: Man schließt nur kurz die Augen, Erzählung, Seite 7-9, 2008,
folio-Verlag).

Nach der Probe im Arsenal fuhr sie mit der Schnellbahn zum Matzleinsdorfer Platz, suchte in dem unterirdischen Labyrinth den Ausgang zur Wiedner Hauptstraße, fand ihn endlich und lief die Treppen hinauf, hinaus in den dröhnenden Radau. Ein Bettler hielt ihr einen Zettel mit einer unleserlichen Botschaft hin, murmelte etwas Unverständliches, als wollte er sagen: HIER, LIES DOCH, ES IST FÜR DICH, MEIN SCHATZ! Sie schob ihn mit beiden Händen grob zur Seite. Ein paar Gassen weiter, und sie hatte es gefunden, ihr Wirtshaus. Aber so sah es doch gar nicht aus, das „Gasthaus zum weißen Lamm“! So hatte es doch nicht ausgesehen in den Hamburger Nächten!

Ein Hund lag müde am Trottoir neben dem Eingang in der Sonne drinnen im Dunklen hantierte ein Kellner. Sie stand unschlüssig an der Schwelle. Mein Zuhause, Heimat Wien IV. Nichts geschah, nichts. Sie entdeckte, dass ihr rechter Schuh von schwarzer Erde verdreckt war. „Nein, ich bin mir ganz sicher, ich habe Herrn Wieland nicht gestoßen“, sagte sie zum Richter, „ich habe ihn nicht einmal berührt!

Ich war doch auf der Trisselwand gar nicht dabei! Ich habe den ganzen Tag im Hotel in Bad Aussee verbracht, wie oft soll ich das denn noch sagen!“ Anfahrende Autos, ein heulendes Kind, das von seiner Mutter ins Gesicht geschlagen wird – sie schreckte auf.

Wie staubig dieses Wien war! Durchweht von einem schlecht gelaunten, herzlosen Wind. Mit schnellen Schritten marschierte sie die Wiedner Hauptstraße hinunter. Die Stadt erschien ihr wie ein fremdes, verludertes Kinderzimmer. An der Ecke Johann-Strauß-Gasse starrte sie in die Auslage eines Antiquitätengeschäftes. Und sah nichts. Hatte sie sich nicht einmal mit dem Inhaber dieses Ladens geprügelt?

In der Straßenbahn der Linie 52 hockten immer noch die grantigsten alten Weiber von ganz Wien. Sie grüßten mit Blicken aus ihren erloschenen Augen. Die nervösen Zuckungen ihrer Mundwinkel. Die berühmte Wiener Mundwinkel-Choreographie, volkbegnadet. Die Finger umklammerten die Henkel der Taschen, könnte ja jeder, der hier zusteigt, ein Serienkiller sein. Unten am Karlsplatz schob sich das Unheil dann endgültig zusammen, und nicht einmal ein heulender Rettungswagen kam hindurch.

Der Fußweg über den Ring heiterte Katharina auf, denn es fielen ihr die nächtlichen Küssereien im Burggarten ein: Es hatte verrückt geschüttet, der fette Goethe glänzte wie ein nasses Ross, und sie war mit Oliver über den Zaun in den Burggarten gestiegen. Wie oft hatten sie später von der Regenknutscherei beim Franz-Josephs- Denkmal erzählt! Vom Parkwächter am Morgen, der obszöne Gesten machte.

Vor einer Woche hatten im Burgtheater die Proben zu Schnitzlers „Das weite Land“ begonnen. Für die Rolle der Genia Hofreiter war sie aus Hamburg zurück nachWien gekommen. Genia Hofreiter, das war ihre Rolle. „Oktober in Wien und alles wird gut“, hatte sie per SMS an Freunde in Hamburg und Berlin geschrieben. Auf der Toilette des Café Landtmann wischte sie ihre Schuhe sauber. Hatte der Kellner sie tatsächlich wiedererkannt oder war das nur die Professionalität seines Metiers, so zu tun als ob? Kurz vor 16 Uhr stieg sie die Treppen zur Direktion des Burgtheaters hinauf.

„Mir hat das ja nicht so wahnsinnig gefallen, eure Hamburger ‚Penthesilea‘, damals, bei den Wiener Festwochen, vor zwei Jahren. Ein unspielbares Stück, wie ich immer schon gesagt habe. – Und? Geht das jetzt mit Ihrer Tochter?“ „Hören Sie!“ „Ich möchte ganz einfach, dass Ihre Rückkehr nach Wien bemerkt wird, Katharina.“ „‚Penthesilea‘ war übrigens vor vier Jahren. Und: heftig bemerkt wäre besser gewesen!“ Sie musste lachen.

„Also ... wir werden das diesen depperten Kritikern schon klar machen, wer Sie sind! – Zwei weitere Rollen in dieser Saison ... sind sicher noch ... Und das mit dem ärztlichen Attest ... keine Eile!“

Umständlich kramte der Burgtheaterdirektor aus seiner linken Sakkotasche exquisite Zigaretten heraus, rauchte sich eine an und verschloss die Schachtel gewissenhaft mit vielen Fingern. Er lächelte vor sich hin. Katharina betrachtete unterdessen den Fries am Plafond.

In diesem Zimmer hatte ihr der frühere Direktor erklärt, dass er ihren Vertrag bedauerlicherweise nicht verlängern könne. Sie sei ja eine blutige Anfängerin, da wäre es sicher nicht schwer, ein ganz tolles Anschluss-Engagement zu finden! Dieses Arschloch! Aber es war dann doch nicht so schlimm gekommen, und nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit war das Thalia-Theater in Hamburg ihre neue Heimat geworden. Das war vor elf Jahren. Nach dem Tod von Oliver wollte sie ohnehin weg aus Österreich. Die kämpfenden Engelchen im Fries der Burgtheaterdirektion hatte sie aber nicht vergessen.

Vor der Abendprobe saß sie am Heldenplatz auf einer Bank in der Sonne und blätterte in ihrem Textbuch. Sie konnte keine Zeile lesen. „Dass ich bei der Nachricht von Olivers Tod so ruhig war, ist eine Lüge! Wie oft soll ich denn noch ... Ich war den ganzen Tag im Hotel! Meine Tochter fieberte, sie sollte von meiner Erschütterung nichts merken!“ Dass sie für alles und jedes so rasch eine Erklärung parat hatte, war den Geschworenen verdächtig erschienen. Aber warum kamen ihr heute, zum ersten Mal seit langer Zeit, Details aus dem Prozess in Erinnerung? Eines Tages würde sie auch herausfinden, wer, nachdem die ganze Zeremonie schon vorbei war, diesen riesigen Strauß dunkelroter Rosen ins Grab hat werfen lassen.

Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © K.R./folio