Kosmos 17, Mai/Juni 2006

Klemens Renoldner

Rätselhaft
(Meteor, aus: KOSMOS 17, Mai/Juni 2006)

Er wusste ein paar Griffe auf der Gitarre, hatte eine knarzige
freche Stimme mit der er im Freundeskreis seine Lieder sang und
nannte sich Mustafa al Qamar. Eines Tages, erzählte er uns, sei
ihm im Traum geweissagt worden, dass er der Auserwählte sei,
das Rätsel des Orakels von Abu Hamed zu lösen. Und so kam es,
dass der Dichter Mustafa al Qamar seine Heimat verließ, denn
das Orakel von Abu Hamed verspricht, so hatte er in den alten
Geschichten gelesen, demjenigen Herrschaft, Reichtum und die
Hand einer schönen Prinzessin, der die Kraft besitzt, den Spruch
zu deuten. Die Botschaft des Orakels lautete: „Zieh’ eine Spur
durch die Wüste und wisse: Was ist vollkommener als Musik?“
Tagelang irrte Mustafa al Qamar auf einem Kamel in der Wüste
umher, ohne jede Hoffnung, die Antwort zu finden. Weil er
eine Doppelliterflasche Zwetschkenschnaps bei sich führte, verdächtigte
man ihn des Schmuggels; dann überfiel ihn eine Reiterschar
und schlitzte ihm seine Wassersäcke auf; in das dornige
Gestrüpp eines Feigenkaktus’ lockte ihn schließlich ein Dämon
in Gestalt einer dunkelhäutigen Schönen und beim Sturz von
dem Kamel brach er sich auch noch seinen linken Daumen.
Von solchen Abenteuern hatte sich Mustafa al Qamar zuhause
nichts träumen lassen. Waren das nur diese orientalischen
Prüfungen oder sollte er mit 27 Jahren in einer steinigen Ödnis
elendiglich zu Grunde gehen? „Jeder Skorpion, jede Wüstenratte
hat ein Zuhause, aber ich, der Sänger Mustafa al Qamar?“
So haderte er mit seinem Schicksal, aber kein Gott tröstete ihn.
„Ich liebe Musik doch über alles“, sagte er zu sich und ließ sich
heißen Sand über das Gesicht rieseln.„Für mich ist sie eine göttliche
Kunst. Kann es Vollkommeneres geben als Gott?“
Aufs äußerste geschwächt erreichte er die Oase „Shab dir Dragabb“.
Was hatten diese auf Pfählen aufgespießten Totenschädel
nur zu bedeuten? Am Fuße eines duftenden Hügels breitete
sich der blühende Wüstengarten aus, ein heiterer Brunnen plätscherte
vor sich hin und vierzig weißbärtige Männer umlagerten
die Wasserstelle. Sie zapften sich süßen Saft vom Balsambaume
und rauchten ohne Unterlass ihre Wasserpfeifen. Frauen waren
keine zu sehen. Mustafa al Qamar spielte auf einer mit fünf
Doppelsaiten bespannten Laute und trug ihnen das Lied von der
immerlächelnden Shirin vor. Den Greisen schien es zu gefallen.
Also sang er noch von der mandeläugigen Bushra, huldigte
Azadohi, der Tränenreichen, und ließ die schmuckunbedürftige
Fatima vor ihren Augen tanzen. In heftige Ekstase gerieten sie
bei seiner Ode an die wachträumende Sharazad, die er gleich
mehrere Male vortragen musste.
Weil sein Wortschatz bescheiden war und seine mangelhafte
Aussprache Anlass zu schlimmen Missverständnissen gab, bedrängte
man ihn mit Fragen nach seiner Herkunft. Er stamme
aus einer Uhrmacher-Familie aus Bad Ischl, erzählte er ihnen und
sein richtiger Name sei Jakob Schörghofer. Da mussten die Alten
herzlich lachen. Als Neunzehnjähriger habe er sich auf einer
Bergtour durch das Tote Gebirge in eine arabische Schönheit verliebt,
der er am Großen Priel das Wasser reichen konnte. Später
habe er gelesen, dass Immanuel Kant den Araber als den edelsten
Menschen im Orient bezeichnete und weil er das Mädchen
Thuraja gar nicht mehr vergessen konnte, habe er etwas Arabisch
gelernt und sich einen passenden Künstlernamen gegeben.
Es wurde viel gefeiert und noch mehr getrunken in dieser
sternenreichen Nacht, aber als Mustafa al Qamar am anderen
Tag erwachte, fand er sich mit seinem Kamel allein mitten in
der Wüste. Hatte er alles nur geträumt? Diese dürre, heiße Luft
schon am frühen Morgen! Die Stille dröhnte in seinen Ohren.
Kein Zweifel, das war das Ende. Das hieß, nie wieder die Stimme
der Mutter zu hören. Das hieß, nie wieder Bad Ischl. Der Morgenwind
strich über die Dünen. Vollkommen! Ja, sie war vollkommener,
die rätselhafte, unendliche Stille. – Ja, aber hallo?!!
Wo war denn jetzt der ganze Reichtum und wo die fesche
Prinzessin? K.R.

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