Frauen in Vasen von Angelika Reitzer, 2008, HaymonAngelika Reitzer

Streuobst
(Leseprobe aus:
Frauen in Vasen, Erzählung, 2008, Haymon)

1

alle Frauen in dieser Familie haben unglaubliche Karrieren hinter sich, ihre Wünsche aber und ihre speziellen Vorlieben, die konnte ich nie nachvollziehen. Die Großmutter sagt : dieser Apfelbusch muss ausgeschnitten werden und zwar radikal. Da braucht es Courage, das machst du am besten kurz vor dem Laubfall, wenn die Blätter schon gelb sind! Sie zieht mich von einem Baum zum nächsten. Hinter uns trottet Tante Marga, die mich vor wenigen Tagen noch nach meinem Begleiter fragte : ob er denn der gleiche sei wie vor Jahren, an dessen Beruf sie sich noch erinnern könne. Sie bedauerte und wir mussten lachen, vorhin hatte sie wieder gelächelt : so schnell geht das! Die Großmutter sperrt die Tür des Gartenhauses auf, sie holt die Scheren und Messer und Sägen aus den großen Schubfächern und ruft in meine Richtung : die einfache Baumschere! Da : die Messer zum Veredeln, eine Hippe. Eine Kopulierhippe, wiederholt sie schreiend, obwohl ich sie verstanden habe, und : besonders für die harten Hölzer hernehmen! Ein absolut gerader Schnitt beim Kopulieren gelingt du nur mit der Hippe! Und weiter : das ist eine Bügelsäge. Muss im Schnittwinkel verstellbar sein, sonst wird das nichts! Sie zeigt mir die Bügelsäge, fasst mit dem Zeige- und Mittelfinger der behandschuhten rechten Hand an die Zacken : alles frisch geschliffen. Sie spielt auf den Zacken/ein Zupfinstrument, dann hält sie mir die Säge hin : alles sofort einsatzbereit, und ich nehme sie und mache es ihr nach. Die Zacken sind wirklich scharf, ich dachte, ich hätte ein paar Rostflecken gesehen. Wir reden nicht über das Blut. Sie führt die Baumsäge vor. Das erinnert an Menschen, die im Fernsehen verschiedene Produkte anbieten, nur Großmutter grinst dabei nicht. Tante Marga will keine der Scheren oder Sägen in die Hand nehmen, sie steht in der Wiese, ihr Blick geht meistens in die Höhe, nach oben. Das Reden fällt ihr schwer, immer schwerer, wahrscheinlich wird sie einmal damit aufhören, nicht mehr nach Wörtern oder Sätzen suchen oder darauf warten, ob sie ihr gelingen. Wenn sie aber lacht, ist es, als würde sie abheben. Manchmal erzählt Tante Marga von ihrer glücklichsten Zeit, wie ihr Vater sie zu weitschichtigen Verwandten brachte, allein, weil der Mutter der Abschied nicht zuzumuten war; das Holz vom Wintergarten war noch dunkel, es war frisch gestrichen und im Glas liefen ein paar Fäden nach unten (grau waren die Bretter erst nach vielen Jahren oder sie sahen grau aus auf den Schwarzweißfotos, auf einem sieht man sie sitzen auf dem Schoß einer alten Frau/lauter ernste Gesichter, es lachten nur die Augen), es dauerte nicht lange, da hatte sie die Mutter schon vergessen, sie nahm es als selbstverständlich, dass sie gestorben war : damals hatte sie beschlossen, fliegen zu lernen. Sie wird es sich nie verzeihen. Die Großmutter mag diese Geschichte nicht hören, sie redet lieber über uns unbekannte Gebirgszüge, über die Dattelpalme, vor allem über die. Es fällt ihr nicht schwer, ihre Tochter zu unterbrechen, ich kann mich gut daran erinnern, dass es immer so war. Die Großmutter nimmt eine Gartenschere und fuchtelt damit vor uns herum. Keine Rede von Buffettischen und langen Tafeln, vom Platz für die Band oder vom Blumenschmuck. Die Großmutter deutet auf den Weg : wie wir damals meine Koffer in das Haus getragen haben, haben hier alle Bäume geblüht. Und : du darfst beim Auslichten eines alten Obstgartens nicht ängstlich sein. Seinerzeit wurde in vielen Gärten dicht und viel zu eng gepflanzt. Sie ist rücksichtslos, denke ich da. Oder bin ich die Engherzige? Weil niemand daran denkt, wie groß die Bäume einmal sein werden. Zuerst sieht es schütter aus und nach Jahren hast du einen Urwald, wenn der Boden gut ist und  feucht genug. Den meisten fehlt aber der Mut zum Auflockern, wenigstens die Baumkronen, aber das machen sie nicht. Dabei ist es doch nicht so, dass die Bäume, wenn du Äste aus der Krone schneidest, weniger Obst bringen. Ich sehe Großmutter und ihren Liebhaber (ein Blumenstraußblick und wir waren Spaziergänger geworden mit Sprühregen und Zukunftsmusik) hinter dem Haus sitzen, nah beisammen. Flüchtige Berührungen, aber einer von ihnen erinnert sich und das ist, denke ich im Moment : genug für ein Leben. Sie hat so viel Arbeit in diese alten Bäume gesteckt, die älter sind als sie selber. Die Großmutter sagt : wir waren uns ja fremd, einer für den anderen. Und manchmal hab ich mir gedacht, wir sind uns fremd geblieben, auf eine Weise.

Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Haymon/A.R.