Taghelle Gegend
(Leseprobe aus:
Taghelle Gegend, Roman,
2007, Haymon)
ich lehne mit meinem Bruder, der plötzlich jünger ist als ich, am Küchenfenster, wir haben uns Polster auf die Fensterbank gelegt und schauen aus dem Fenster. Große Fässer rollen den Weg hinunter, wir schauen ihnen fröhlich nach, meine Mutter und ihre Schwester strecken sich in den roten Weinlachen in Richtung Sonne. Sie frieren und halten ihre Arme vom Körper weg, damit alle sehen können, wie weinrot sie schon sind. Meine Tante ruft mir zu : fang bitte an, den doppelt gebrannten Schnaps und rohes Fleisch auf die Tische zu verteilen, und leg dich auch dazu, bis ich dann komme. An dem Tisch sitzt ein riesengroßer schlottriger Mann mit einem viel zu kleinen Kopf. Die knochigen Finger der rechten Hand halten sich verkrampft am Henkel einer Tasse fest (auf der steht, eingerahmt von kleinen Blumen, Willibald in goldener Schrift). Bring mir Most oder ich fresse euch mit Stiel und Stängel, fletscht er mir mit riesigen Zähnen zu. Als ich in den Keller hinuntersteige, in dem Fässer auf feuchtem schwarzem Lehmboden lagern, liegt der Mann unter einem Fass. Aus dem Fass rinnt eine Flüssigkeit in seinen Mund. Ein paar dunkle Haarsträhnen fallen ihm an den Seiten herunter wie Gras, das man vergessen hat auszureißen. Der Mann sieht aus, als würde er schlafen, trotzdem schluckt er, kein Tropfen geht daneben. Jetzt steht mein Bruder hinter mir, er ist gleich groß wie ich, ich habe alle Bäume verkauft, den ganzen Wald, aber sag es nicht den Eltern, das wird eine Überraschung. Wir schleichen uns aus dem Keller, einer, den ich noch nie gesehen habe, treibt eine kleine Katzenherde den Weg hinunter, unter dem weißen Mantel schauen seine behaarten Knie hervor. Die Katzen versuchen laut schreiend und eng aneinandergedrängt den Rotweinseen auszuweichen, um nicht zu ertrinken, Kirchenglocken scheppern wie Wecker, der Mann schaut drohend auf die Uhr, da will ich auch auf die Uhr schauen, das Scheppern wird lauter, tut weh in den Ohren.
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