Stephan Reimertz

IT's TEA-TIME!
(aus: Vom Genuß des Tees, 1998, G.Kiepenheuer)

Als der erste Tee getrunken wurde, war von Moses und den Propheten weit und breit noch nichts zu sehen. Die Bewohner jenes sagenhaften Reiches der Mitte behaupten, sie hätten das edle Gewächs und das aus ihm gewonnene noch edlere Getränk während der Herrschaft ihres legendären Kaisers Shen Nung entdeckt, also um die Mitte des achtundzwanzigsten Jahrhunderts vor unserer christlichen Zeitrechnung. Obwohl man also seit rund fünftausend Jahren Tee trinkt, wurde er erst spät zum Nahrungsmittel. Die feine Flüssigkeit, die pro Tasse nur vier Kalorien aufbietet, diente zunächst als Medizin und kultisches Getränk. Allerdings unterschieden die alten Völker die Nahrung noch nicht so strikt von der Medizin. Schon die Chinesen, dann vor allem die Japaner, die den Tee kurz vor Ende des sechsten nachchristlichen Jahrhundert übernommen haben sollen, entwickelten einen geselligen Tee-Ritus entsprechend ihrer religiösen Rituale und der bei den kulturell ambitionierten Völkern von je zeremoniell begangenen Mahlzeit. Die japanische Teesitte ist eng an das philosophisch-religiöse Weltverständnis des Taoismus des Buddhismus und des Zen gebunden und kennt in Europa kein Äquivalent. Immerhin können wir uns Teeblätter, Teegeschirr  und Tee-Philosophie nach unseren eigenen Bedürfnissen zurechtlegen. »Der Geist des Tees ist wie der Geist des Tao«, stellt der Taoismus-Forscher John Bloefeld fest. »Er strömt spontan, wandert hierhin und dorthin und widersetzt sich jedem Zwang.«

        Nach seiner Lektüre großer Mengen chinesischer Schrift­zeichen legte Bloefeld eine Liste jener Eigenschaften an, die dem Tee im Laufe der Jahrhunderte nachgesagt wurden: Er fördere die Blutzirkulation in allen Teilen des Körpers und unterstütze damit die Wachsamkeit und das klare Denken, er bekämpfe auch Müdigkeit und Anfechtungen von Depression; er belebe den Geist und rufe ein Gefühl des Wohlbehagens hervor; er reinige und straffe die Haut, veredle den Urin und beschleunige seine Aus­scheidung; er lasse die Augen glänzen; er stärke die Widerstandskraft des Körpers gegen ungezählte Krankheiten; er begünstige den Stoffwechsel und die Sauerstoffaufnahme in den Organen, vermehre so das Blut und beschleunige die Absonderung von schädlichen Substanzen wie Alkohol, Nikotin und Fetten, er schwemme Drogen aus, hemme jedoch abträgliche Schleimabsonderungen; er fördere überhaupt die Verdauung; er sei auch dem Zahnausfall vor; er lindere das Leiden unter sommerlicher Hitze und nicht zuletzt lösche er den Durst.

        Die ältesten Tee-Bücher die uns geblieben sind, wurden vor mehr als tausend Jahre geschrieben. Die millenarische Tee-Literatur gibt sich entweder kenntnisreich historisch, technologischwissenschaftlich, ökonomischfaktenreich, hausfraulich-praktisch, oder auch fröhlich hingeplaudert. Mein kleiner Leitfaden wird dieses ganze Panorama entfalten und das Phänomen Tee dabei von verschiedenen Seiten beleuchten. Neben der Geographie und der Philosophie des Tees soll aber auch seine Soziologie nicht zu kurz kommen. Einige ethnologische Feldstudien bei entlegensten Stämmen, selbst im heutigen Deutschland, runden die Darstellung ab. Gleich zu Beginn jedoch gedenke ich den Leser mit der detaillierten Prozedur des Aufgießens pedantisch zu behelligen. Dabei greife ich auf jahrtausendealte praktische Erfahrungen ebenso zurück wie auf meine eigenen noch nicht ganz so langjährigen Übungen in der Teebereitung. Das Buch »Tee« von Arend Vollers einem der angesehensten Teeologen in Deutschland, diente mir zum Propädeuticum meiner eigenen Tee-Schule, wenn ich methodologisch auch um einiges von ihm abweiche. Die Maximen meiner Schule sind jedoch mit Sicherheit nützlicher als der weltfremde Kram, den man auf staatlichen Schulen vorgesetzt bekommt. Wer dann noch Teeblätter ins kochende Wasser wirft, Tee-Eier legt, einen flotten Beutel schwingt, oder sein Glück mit einem Tropfen Zitrone zu korrigieren versucht, dem wird selbst mit der anschließenden tour de force durch vier Kontinente nicht mehr zu helfen sein.

        Nachdem wir einen kleinen Brüh-Kurs absolviert und den Tee von oben, von unten und von der Seite praktisch, historisch und philosophisch betrachtet haben, können wir bei einer angelegentlichen Kontemplation über das Verhältnis von Tee und Literatur genüßlich anfangen zu schlürfen; sip for sip, wie der Wahlspruch einer New Yorker Teefirma lautet. Alles was man über ein Thema weiß, vertieft ja den Genuß. Und alles was uns kultivierter macht, läßt uns zugleich menschlicher werden. Wer möglichst viele Beziehungen, Spiegelungen, Verbindungen und Zusammenhänge seines Getränkes kennt, dem schmeckt es noch einmal so gut. Den mittleren Teil dieses Buches bilden natürlich die beiden großen Teekulturen von China und Japan. Eine neue asiatische Epoche hat schon begonnen. Je vorbehaltloser man sich von diesen altehrwürdigen Kulturen bezaubern läßt, desto leichter wird man in das kom­mende, das asiatische Jahrhundert eingehen.

        Es schien geboten, das Altbekannte etwas knapper zu fassen und da­für überraschenden Aspekten mehr Platz einzuräumen. Dennoch dürfen in einem Buch über Tee England und seine verlorenen Kolonien natürlich nicht fehlen. Gegenüber dem Niedergang der Teekultur im Vereinigten Königreich sehen wir ihren Aufstieg in Indien, besonders in der Provinz Darjeeling. Daß ich nicht etwa einer verkorksten Innerlichkeit des Wort rede, wird bemerken, wer bis zum sechsten oder siebenten Kapitel und dem Plä­doyer für einen offenen Markt vorgedrungen ist. Eine kontinentale Teefirma wird exemplarisch vorgestellt. Dabei geht es natürlich nicht um bestimmte Unternehmen, sondern um die Demonstration avantgardistischer Wirtschaftsprinzipien. Zum Schluß werfen wir noch einen Blick ins kontinentale Europa und auf seine heutige Teekultur. Stichwortregister und Literaturverzeichnis werden in ausführlicher Weise geboten und um ein »Kleines Wörterbuch der Teeologie« ergänzt; so kann die Fibel auch dem Nachschlagen dienen. (...)

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