Karla Reimert

Prag. Viertagebuch

Und dort in der
Stepanskaja
les ich Genet,
von Titten, Tunten
Tabernakeln,
Engelshuren fliegen
breitbeinig und sanft
die Wände hoch,
wenn wir so friedvoll
uns ineinanderknien
im Nachttischlampenlicht.

Und dort in der
Stepanskaja
liest du Rimbaud,
wir rauchen Worte
und bleiben
knochenknirschend
nicht auf dem Teppich,
wenn das Herz so betörend
unter der Soutane schlägt.

Und dort in der
Stepanskaja
les ich Achmatova,
lese im Sommer
schneit Trauerglück,
kerbt Liebe die Rinde
vom wilden Rosenbaum,
ein bette ich mich
in ein Wort,
dein Name hält mich
lakenwarm.

Und dort in der
Stepanskaja
liest du Thoreau,
bereitest eine Einsamkeit,
unser Mahl für den Abend,
ich geh jetzt Büffel jagen,
sagst du,
doch dein Rücken ergibt sich
satt wie die Nacht
in meine Arme.

Rezension I Buchbestellung II06 LYRIKwelt © K.R.