Planmäßige Ankunft von W,. Sophie Reich, 2014, BoDW. Sophie Reich

Planmäßige Ankunft.
(Leseprobe aus: Planmässige Ankunft, Erzählungen, 2015, BoD).

Das Wort Bahnhof hat für mich einen elektrisierenden Klang: A und O, Ur-laute unseres Lebens, Alpha und Omega, Anfang und Ende. Oft habe ich Eltern, Bruder und Schwester oder Freunde aus dem von Berlin-Hannover einfahrenden Zug abgeholt und dort wieder verabschiedet. Tränen liefen, Wiedersehensfreude und Trennungsschmerz, (würde man sich gesund wiedersehen?) das Umarmen und Küssen, das Winken mit dem Taschentuch, bis der Zug Richtung Norden auf Höhe der Fiege-Brauerei hinter der Kurve verschwand.

Heute kommen meine Gäste im Auto, oder steigen am Bahnhof drei Rolltreppen tiefer in die U-35 und laufen die paar Schritte bis zur Wohnung, den praktischen Rollkoffer hinter sich herziehend. Fahre ich im Intercity nach Irgendwo, sitze im Großraumwagen Nr. 18 auf Platz 44, steige ich so stumm wie ich eingestiegen bin wieder aus: Selten kommt es zu einem Gespräch, jeder ist mit sich beschäftigt, anonym bleibende Vielreisende. Mein Sitznachbar und alle anderen hantieren mit wischenden Fingern auf den Displays ihrer Smartphones und Tablets, oder hören Musik. Der Knopf im Ohr erinnert mich an meinem Plüsch-Teddy, Marke Steiff, der immer mit dabei war, wenn ich mit meiner Mutter die Oma in Leipzig besuchte.

An diese Eisenbahnfahrten in den 50er Jahren denke ich mit Wehmut. Bei den älteren Waggons hatte jedes Abteil noch einen separaten Eingang, der uns schon beim Einsteigen einen Hauch von Exklusivität vermittelte. Die damals üblichen hölzernen Sitzbänke in der 3. Klasse schmälerten unser Reisevergnügen keineswegs: Wir fuhren Holzklasse! In den neuen Wagen waren die Plätze gepolstert, aber das Muster der Einzelabteile blieb. Und, Wunder über Wunder, einige waren extra für Raucher reserviert! Der Qualm von Zigarren und Zigaretten kitzelte meine empfindliche Kindernase, wenn ich mich neugierig vor deren Coupé herumdrückte. Diese Spezies Reisende schien mir ein besonders frohes Völkchen zu sein: Ich hörte Musik, Gelächter, eine Flasche machte die Runde, in deren klarer Flüssigkeit winzige Goldpartikel schwammen: Man trank „Danziger Goldwasser"!

Die Nähe in den kleinen Separees – sechs Personen hatten Platz - trug dazu bei, schnell vertraut zu werden mit anderen. Spätestens nach einer Stunde kannte man Reiseziele und Persönliches aus dem Leben der Erzählenden. Die Fahrt verging im Nu, war abwechslungsreich und lustig, besonders dann, wenn vom mitgebrachten Proviant – jeder hatte etwas dabei – angeboten oder getauscht wurde. Für mich fiel immer ein Apfel oder ein Stück Schokolade ab. Der Speisewagen war etwas für reiche Leute. Wenn der Kontrolleur die Fahrkarten verlangte, mit seiner Knipszange ein winziges, ovales Loch in den festen, braunen Karton stanzte, war ich traurig über die Beschädigung meiner Fahrkarte. Was sind dagegen die auf dünnem Papier ausgedruckten Fahr- Ausweise, die man am Schalter ausgehändigt bekommt, oder sich - online gebucht - am PC selbst ausdrucken kann? Die auch schon wieder Vergangenheit sind: Heute zeigt mein Sohn sein Smartphone und der Schaffner (der jetzt Zugbegleiter heißt) geht wortlos mit seinem Scanner über den bar -code auf dem Display.

Klimaanlagen, Fenster, die sich nicht öffnen lassen, gab es nicht. Brauchte man frische Luft, wurde kräftig an dem Leder verstärkten Leinenband gezogen und das Fenster heruntergelassen. Ein Schild warnte in vier Sprachen (mühsam buchstabierte ich „È pericoloso sporgersi"),- vor dem Hinauslehnen, was wurde aber nur halbherzig beachtet wurde: Schön war es, in einer Kurve am langen Zug entlang bis vorn zur Lok zu sehen, den Fahrtwind zu spüren, der Rauch und Ruß ins Gesicht blies, den meine Mutter mir dann mit einem spucke-befeuchteten Taschentuch von der Nase rieb. Wir fuhren mit Dampf, ge-

mütliche 45 kmh, noch ohne störanfällige Oberleitungen, die heute alle naselang den

Bahnverkehr zum Erliegen bringen wegen umstürzender Bäume. Es war verboten, dass WC aufzusuchen, während der Zug auf einem Bahnhof hielt. Alles, was man auf dem Örtchen von sich absonderte, fiel, nachdem man den Spülknopf betätigt hatte, direkt ins Freie: Unten sah man Schottersteine und Eisenbahnschwellen vorbei sausen. Selten nur gab es Verspätungen, auf den Fahrplan der Deutschen Bahn war immer Verlass! Unsere Ankunft in Leipzig planmäßig, wo uns meine Großmutter am Bahnsteig in Empfang nahm: Für den Zutritt brauchte sie eine Bahnsteigkarte, die man für 10 Pfennig aus einem Automaten zog.

War früher alles besser? Bestimmt nicht- aber manchmal würde ich die Zeit gern zurückzudrehen!

„Ich habe dir nichts getan.

Nun ist mir traurig zumut.

An den Hängen der Eisenbahn leuchtet der Gingster so gut.

Vorbei – verjährt – doch nimmer vergessen.

 

Ich reise.

Alles, was lange währt, ist leise.

Die Zeit entstellt alle Lebewesen.

Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen.

Er kann nicht schreiben.

Wir können nicht bleiben".

(Joachim Ringelnatz)

W. Sophie Reich, Dezember 2014

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