Die Sehnsucht der Atome
(Leseprobe aus:
Die Sehnsucht der Atome,
Kriminalroman, 2008, Eichborn).
Am ersten seiner fünf letzten Tage saß
Jensen an seinem Pult, und draußen stand eine Kutsche im Regen. Der Kutscher,
eingewickelt in eine schwarze Pelerine, saß vornübergebeugt auf dem Bock. Der
Hut war ihm ins Gesicht gerutscht, er schien zu schlafen. Die Pferde schüttelten
sich, sie waren unruhig, sie stießen kleine Nebelwolken aus ihren Nüstern.
Etwas stimmt nicht, dachte Jensen.
Er schaute auf die Wanduhr. Seit acht Minuten beobachtete er den Kutscher, und
während dieser Zeit hatte sich dessen Oberkörper zusehends stärker nach vorn
geneigt, bald würde dem Mann der Hut vom Kopf fallen. Jensen konnte sich nicht
erklären, weshalb der Kutscher ausgerechnet vor dem Polizeigebäude auf Touristen
wartete. Es war das hässlichste Gebäude von Brügge, die Touristen kamen in diese
Gegend nur, um den Diebstahl ihrer Handtasche zu melden. Davon abgesehen regnete
es seit drei Wochen, das musste dem Kutscher doch aufgefallen sein. Es gab keine
Touristen in diesem August, allerdings auch keine Wespen. Dieser Kutscher musste
ein Optimist sein, ein unvernünftiger Mensch. Einer, der auf dem Kutschbock im
Regen schlief, weil er an glückliche Wendungen glaubte, an einen unvermuteten
Wetterumsturz, plötzlichen Sonnenschein, der Touristen aus dem Boden sprießen
ließ und mit ihnen die Kleinkriminellen, die ihnen die Handtasche entrissen,
sodass die Touristen gezwungen sein würden, hierher zur Polizeistation zu
kommen, wo er auf seinem Bock auf sie wartete, nass, aber ausgeschlafen.
So stellt er sich das wahrscheinlich vor, dachte Jensen verärgert.
Er wandte seinen Blick von dem Kutscher ab, er schaute auf die Wanduhr: Weitere
siebeneinhalb Stunden galt es zu erschlagen.
Die anderen, die Kollegen, beugten sich über unerledigte Akten, manche stützten
mit den Händen ihren Kopf, der vor Langeweile schwer geworden war. Die
Bürosessel knackten, wenn die Kollegen ihr Gewicht verlagerten. Man konnte nicht
immer in derselben Stellung sitzen, das wäre Yoga gewesen, und die Kollegen
waren Bewegungsmenschen. Sie wären gern über Hecken gesprungen oder zur nächsten
Deckung, ein Spurt über das Brügger Kopfsteinpflaster, einem Taschendieb auf den
Fersen, dafür waren ihre Körper weit besser geeignet als für das Sesselfurzen.
Sie nannten es so, weil sie tatsächlich,wenn sie zu längerem Herumsitzen
gezwungen waren, unter erhöhter Flatulenz litten.
Jensen schaute wieder aus dem Fenster. Der Kutscher hatte seinen Hut noch auf,
wenngleich dessen Schräglage sich verstärkt hatte.
Wenn er ihm vom Kopf rutscht, dachte Jensen, gehe ich runter und schaue nach, ob
er wirklich nur schläft.
Ein Kollege räusperte sich. Dann war es wieder still.
Stassen, der am Pult vor Jensen saß, kratzte sich mit einem Bleistift am Rücken.
Mit der Bleistiftspitze, wohlbemerkt. Er verkritzelte sein blaues Uniformhemd.
Bleistift geht schwer raus, dachte Jensen. Als jemand, der selber wusch, wusste
er das.
Noch fünf Tage, immer noch. Da die Zeit mit dem Raum untrennbar verbunden war,
hätte gemäß der Speziellen Relativitätstheorie einzig eine sehr schnelle
Bewegung durch den Raum diese fünf Tage auf ein erträgliches Maß schrumpfen
lassen, aber eben gerade nicht für den, der sich schnell bewegte, das war die
Crux an der Sache. Es war hoffnungslos. Jensen musste die Zeit auf andere Weise
als durch Raumflüge bewältigen; er entschied sich für müßige Gedanken. Er dachte
an die kleine Glasplatte, die er sich hatte anfertigen lassen, als Trennwand für
das Doppelspaltexperiment. Dieses Experiment war sein einziges Projekt für die
Zeit nach der Frühpensionierung. Der Physiker Richard Feynman hatte einmal
gesagt, das Experiment beinhalte das ganze Geheimnis der Quantenphysik und damit
das der Beschaffenheit der Welt schlechthin. Es im eigenen Keller durchzuführen
war also eine lohnende Aufgabe, fand Jensen, für jemanden, der im Alter von
fünfzig Jahren den Dienst quittiert hatte.
Nur musste zuvor noch die Verabschiedungsrede überstanden werden. Stassen
skizzierte sie mit seinem Bleistift wahrscheinlich soeben auf einem Blatt
Papier.
Jensen schloss die Augen.
Er stellte sich vor, was Stassen nach Ablauf der fünf Tage sagen würde, wenn es
soweit war, wenn die Kollegen sich im Halbrund um Jensen versammelten, jeder mit
einem Glas Orangensaft in der Hand: die Verabschiedungsrede.
Inspecteur Hannes Jensen, würde Stassen sagen. Geboren und aufgewachsen in
Konstanz. Das ist eine Stadt in Deutschland, wie ihr vielleicht wisst. Ja, er
ist Deutscher, aber inzwischen spricht er besser Flämisch als manch einer von
uns. Wenn man einmal von seinem Akzent absieht und den Wörtern, die ihm manchmal
fehlen, und die er dann durch deutsche Wörter ersetzt, weil er natürlich weiß,
dass wir alle sehr gut Deutsch sprechen, im Grunde unseres Herzens. Wenn
vielleicht der Krieg nicht gewesen, wenn der von uns allen geschätzte Großvater
von Hoofdcommissaris Dupont nicht von den Deutschen aufgehängt worden wäre, ja
dann. Dann wäre ich womöglich nicht der einzige Kollege, dem es ein Anliegen
ist, diese Rede überhaupt zu halten. Einige von euch werden jetzt denken: Kein
Wunder, Stassen ist ja selbst ein halber Deutscher, man braucht sich nur einmal
seine Mutter anzusehen. Denen kann ich nur sagen: Leckt mich am Arsch! Es war
die Liebe, die meine Mutter nach Flandern gebracht hat, und nichts anderes als
die Liebe hat auch unseren Kollegen vor fünfzehn Jahren nach Brügge geführt. Die
Liebe zu Margarete Streuper, der Tochter des uns noch allen wohlbekannten
Stadtrates Jan Streuper, durch dessen Protektion unser Kollege zu seinem Posten
als Inspecteur gekommen ist. Ich nenne es Protektion, um es nicht Mauschelei
nennen zu müssen, Vetternwirtschaft oder gar Korruption. Und nun möchte ich dich
fragen, lieber Freund Hannes: Wovon wirst du nach deinem ungewöhnlich
frühzeitigen Ausscheiden aus dem Dienst leben? Von Margaretes nicht
unerheblichem Erbe? Sehe ich das richtig? Wäre es nicht an der Zeit, dass du
aussprichst, was hier alle denken?
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