Das
vergessene Lächeln der Amaterasu
(Leseprobe aus:
Das vergessene Lächeln der Amaterasu, Roman, 1998,
Aufbau)
Ichiro wartete ungeduldig auf
Alwina. Noch nie hatte er einen ganzen Tag ohne sie in diesem Haus verbringen
müssen, in dem er sich nur mit ihr daheim fühlte. Wenigstens war Natsuko mit
den Kindern für einige Tage zu ihren Eltern gefahren, war das Haus ungewohnt
still, konnte er es in dieser Stille als sein Haus erkennen. Sein Vater war
weggefahren, um zu trinken, behauptete seine Mutter, bevor sie ins Hochzeitshaus
ging.
Wie gut, daß die Frauen Kyushus nicht nach Europa fuhren, um zu heiraten, nur
weil es dort billiger war. Sie brauchte die Wochenenden im Hochzeitshaus, und
der Inhaber brauchte sie, nicht einmal, wenn sie ausnahmsweise krank war, konnte
er einen Ersatz für sie finden. Schicht um Schicht bekleidete sie Frauen mit
Hochzeitskimonos, schwere weiße Seidenkimonos trugen sie für den Trauungsakt,
danach, wenn das Geld reichte, zog sie ihnen einen der bunten Festkimonos an,
obwohl, an manchen Wochenenden blieben die Kimonos im Schrank, immer mehr Frauen
bevorzugten das weiße europäische Brautkleid, bequem wie sie waren. Oder waren
die Frauen arm? Waren sie so arm an Geist, daß sie ihre Eltern nicht mehr zu
einem klassischen Brautkimono überreden konnten? Unbezahlbarer Kimono,
geliehener Kimono, wie schön die Bräute waren ...
Diese allzu vertrauten Gesichter zu Hause, die nur noch älter wurden. Manchmal
verspürte sie jetzt Angst, ihr Erstgeborener könnte sich im Ausland so
verändert haben, daß er seine Pflichten den Eltern gegenüber vergaß. Warum
sollte er Mutter und Vater nicht aus dem Haus jagen, wie er seinen Bruder
vertreiben wollte. Wiederholte sich alles? Von der eigenen Mutter weggeschickt,
als sie Hilfe brauchte, aus dem Haupthaus hinausgeekelt, und nun, im Alter noch
einmal diese Demütigung? Sie war nicht die Witwe O Rin, und es waren andere
Zeiten. Niemand mußte mehr mit siebzig Jahren in die Berge sterben gehen, damit
die Jüngeren überleben konnten. Aber warum hatte ihr Ichiro diese Geschichte
erzählt? Nicht einmal das schauerliche Detail, wie sich O Rin mit einem Stein
einen Vorderzahn ausschlägt, hatte er ausgelassen. Ihr war O Rin in ihrer
absoluten Selbstlosigkeit nicht geheuer, aber noch weniger geheuer war ihr der
eigene Sohn in diesem Moment. Er las doch kaum ... und doch hatte er von allen
möglichen Geschichten ausgerechnet diese ausgewählt ... War das eine
Aufforderung, ein Zufall? Oder war es die Gaijin, die sie oft genug beim Lesen
überraschte, die ihm diese Mär vorgelesen hatte? War das ihre Vorstellung von
Japan? Bei dieser Fremden paßte keine Eigenschaft zur anderen. Nie zuvor war
ihr eine so widersprüchliche Frau begegnet. Aber da sie eine Frau war, sehnte
sie sich nach Ruhe, Sicherheit. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben, daß
sich die Gaijin anpassen würde, die nicht einmal ahnte, daß diese Hoffnung ihr
einziger Schutz war.
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