Gibraltar von Sascha Reh, 2013, Schöffling

Sascha Reh

Gibraltar
(Zitat aus: Gibraltar, Roman, 2013, Schöffling&Co.).

Am Automaten der Bank Austria nahe des Schottentors hob Thomas Alberts 200 Euro Bargeld ab und hatte dabei das eigentümliche Gefühl, als würde sich an seinen Einkommensverhältnissen entweder in Kürze etwas ändern oder als sei diese Veränderung, von ihm unbemerkt, bereits eingetreten. Er war kein Kunde dieser Bank, also musste er es fürs Erste bei dem Gefühl bewenden lassen. Sein Telefon klingelte. Es war 12 Uhr.

Frau Sudek meldete sich wöchentlich bei ihm, immer dienstags zur selben Zeit, er hätte seine Uhr danach stellen können. Anders als die meisten seiner Klienten arbeitete sie nicht selbst in einer leitenden Position. Mit seinen übrigen Klienten teilte sie jedoch die Überzeugung, seine Telefonberatung eigentlich nur ausnahmsweise in Anspruch nehmen zu müssen, da Menschen ihres Lebensstandards allenfalls solche Probleme zu haben pflegten, mit denen sie selbst fertig wurden. Als »Ratgeber«, wie er sich in seinen Annoncen schlicht nannte, wusste er um die Vermessenheit dieses Selbstkonzepts; seine gesamte Geschäftsstrategie fußte darauf. Und Frau Sudek war in ihrer allzu durchschaubaren Selbstgewissheit eine musterhafte Vertreterin jenes Menschentyps, der es als nicht standesgemäß empfindet, seinen Problemen ins Auge zu blicken, und sie deswegen lieber telefonisch erörtert.

(...)

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