Falscher Frühling von Sascha Reh, 2010, Schöffling

Sascha Reh

Falscher Frühling
(Leseprobe aus: Falscher Frühling, Roman, 2010, Schöffling&Co.).

Emilie hatte noch nie jemanden wie Lothar getroffen. Einen, der alle ungefragt duzte, der auf der Bühne rauchte, der ein ausgeleiertes Unterhemd trug oder auch keins und alle Mitspieler innerhalb von Minuten auf sein Spiel hin ausrichtete wie Kompassnadeln auf den Nordpol. Sie war eine leicht gehemmte junge Frau gewesen, intelligent, aber scheu, ein Mädchen aus einem geordneten Elternhaus. Sie war es gewöhnt, auch Gleichaltrige respektvoll zu siezen, rauchte nicht, trank nie mehr als einen höflichen Schluck, war darum bemüht, die Leute nicht zu sehr mit ihrer Selbständigkeit zu irritieren.
Lothar versuchte vom ersten Tag an, Plessner die Kontrolle über das Stück zu entreißen. Seine Vorstellungen von Othello widersprachen denen Plessners diametral. Dieser hatte eine zeitgemäße, milde die Rassismusdimension des Stoffes betonende Inszenierung im Sinn, die in der Figur der Emilia außerdem der Emanzipationsbewegung Tribut zollte. Lothar durchkreuzte diesen seiner Meinung nach verlogenen Kniefall vorm Zeitgeist, wie er es nannte, permanent. Er spielte den Othello als plumpen, anzüglichen und narzisstischen Proleten, der sich in allem, was er tat, selbst bloßstellte. Emilie war fasziniert und abgestoßen zugleich, denn Lothar zeigte sich nicht im mindesten beeindruckt von Plessners massiver werdenden Drohungen, sich an Hannes Lensch zu wenden, falls er fortführe, sein Regiekonzept zu unterwandern.
Auch Philipp war bei der Produktion dabei gewesen. Emilie hatte ihn in ihrem ersten Semester Soziologie kennen gelernt, bevor er zur Medizin und sie zum Bühnenbild gewechselt war. Als Monks Assistentin hatte sie ihm einen Job als Hospitant besorgt, der die Aufgabe hatte, Plessner mit psychiatrischem Material zu den Themen Eifersucht und Wahnsinn zu versorgen. Sie hatte damals das Gefühl gehabt, dass sich zwischen ihnen beiden etwas anbahnte. Philipp war ein stiller, sensibler Mann, dessen gemessene Bewegungen und lang gezogene Glieder ihm die Aura eines Gelehrten verliehen. Sie wusste, dass er sehr klug war, und wenn er sie mit seinem etwas bohrenden Blick ansah, dann war das durchaus ein erotischer Akt gewesen: ein Blick, der tief und unbeirrbar in sie drang.
Aber Emilies Zurückhaltung traf in Philipp kaum auf einen entscheidungsfreudigen Konterpart, und so krebste ihre Liebäugelei ein wenig unbeholfen durch den Schlick ihrer Annäherungsversuche und drohte alle Augenblicke, entweder darin stecken zu bleiben - oder von einer ausgewachsenen Flut davongespült zu werden.
Und als Flut hatte sie Lothar erlebt. Emilie, die Monk und Plessner loyale Gefolgschaft leistete, hatte keine andere Wahl, als in diesem Chauvi in jeder Hinsicht einen unliebsamen Aggressor zu sehen. Ebenso wie die Feuilletons der Süddeutschen oder der FAZ, die die Premiere unter Überschriften wie »Primat der Kunst« begeistert besprachen, war sie aber auch der Meinung, dass seine Darstellung des venezianischen Kriegsherrn vor Impulsivität und Originalität nur so strotzte. Die Art, wie er seinem Text scheinbar unfreiwillige Komik verlieh, wenn er nuschelnd deklamierte: Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand / Ich liebte sie um ihres Mitleids willen, und dabei das Machismo der Zeile gockelhaft karikierte, hatte etwas Geniales, ohne dabei sein Raffinement auszustellen. Das war kein Gelehrtentheater, keine Intellektualitätsbiedermeierei, sondern etwas Lebendiges, Unbegriffliches, das einen verwirrte und verstörte, das einem die Möglichkeit verweigerte, sich einen Reim darauf zu machen, der harmonisch zu all dem passte, was man schon auswendig kannte.
Politische Korrektheit hatte ihn nie interessiert. Als sie zum ersten Mal mit ihm sprach, zwei Becher überschwappenden Kaffees in der Hand und eben auf dem Weg zu einer Besprechung mit Monk, gelang es ihm, seine eigentlich konsensfähige Meinung über Eifersucht und Liebe vollständig hinter seiner Ignoranz zu verstecken.
»Othello ist einfach ein grobschlächtiger, bisschen dummer Neger, der glaubt, Desdemona sei sein Eigentum, weil ihm ein Vertreter der Herrenrasse das vorsagt. Er ist nicht nur paranoid, sondern auch bescheuert.« Er sagte das, ohne dass Emilie ihn danach gefragt hatte: Sie hatte sich lediglich dafür bedankt, dass Lothar ihr die Kantinentür aufgehalten hatte.
»Schwarzer«, sagte sie. »Neger ist pejorativ.«
»Was für’n Ding?«
»Abwertend.«
»Ich mein’s ja auch abwertend. Othello ist ein Idiot. Das ist meine Meinung.«
»Aber wie können Sie ihn spielen, wenn Sie ihn für einen Idioten halten? Wenn Sie kein Verständnis für ihn haben?«
»Ich hab ja Verständnis. Übrigens heiß ich Lothar.«
Er streckte ihr die Hand hin, ohne zu bemerken, dass sie mit den beiden Bechern nur verschämt zurücklächeln konnte. Es war ihm offensichtlich peinlich, denn er zog die Hand sofort wieder zurück. Da bemerkte Emilie zum ersten Mal diese andere Seite an ihm - eine charmante Unsicherheit, fast Scheu, in Situationen, die nicht das Theater, sondern das Leben betrafen.

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