Der Prinz mit den Eselsohren von José Régio, 2004, Elfenbein

José Régio

Der Prinz mit den Eselsohren
(aus: Der Prinz mit den Eselsohren, Roman, 2004, Elfenbein-Verlag, Übertragung Astrid Schoregge)

»Es war einmal im Königreich Traslândia ein Ehepaar, das keine Kinder hatte. Ein großer Schmerz muss es sein, vermute ich, wenn ein Ehepaar, das sich gut versteht, keine Kinder bekommt. Und so verhielt es sich bei diesem Paar. Aus diesem Grunde hatte der Gatte frühzeitig zu altern begonnen, wobei er sich seinen Müßiggang erhielt, indem er chinesische Spiele lernte, Vögel, Schwerter und Degen sammelte, Dialekte und andere Belanglosigkeiten dieser Art erlernte. Und seine Frau wurde verdrossen, launenhaft, geizig, fanatisch (obgleich sie das Bild der Freude selbst gewesen war!), als wäre sie nicht verheiratet. Und vor Nutzlosigkeit und Bitterkeit war sie vor der Zeit alt geworden. Dieses Ehepaar, das sich verehrte, hatte sich langsam sogar nicht mehr ertragen können: Wie fast alle Unglücklichen, die durch ein gemeinsames, hassenswertes Unglück verbunden sind, sah jeder im anderen den Spiegel seiner Heimsuchung. Wir fügen hinzu, dass in dem vorliegenden Fall jeder dazu neigte, in dem anderen den eigentlichen Verursacher dieser Heimsuchung zu sehen. Dieser gegenseitige Groll entwickelte sich soweit, dass das traurige Ehepaar ihn vor dem Hofe nicht mehr verbergen konnte. Nun, habe ich denn nicht eine wichtige Kleinigkeit vergessen? Er selbst war der König, sie selbst war die Königin von Traslândia: Das Ausbleiben von Kindern in dieser Ehe stellte ein öffentliches Unglück dar. So wuchs der Schmerz dieser armen Eheleute noch um die Sorge der Regierenden. Die Gier der Nachbarvölker schielte auf den Thron ohne Erben. Umso mehr, als einige dieser Völker von ihren Verwandten regiert wurden, die voraussetzten, Rechte, wenn auch unbestimmte, auf den Thron zu haben. Was die Machthaber betraf, die nicht einmal ihre entfernten Verwandten waren – sie ersannen sofort Theorien, beriefen sich auf Notwendigkeiten, erörterten Doktrinen, legten Vorteile dar, dachten sich sogar Fragen der metaphysischen oder religiösen Ordnung aus, die es ihnen erlaubten, wenn die armen, unfruchtbaren Könige tot seien, über das führungslose Land herzufallen. Wer weiß nicht, wie sich Ehrgeiz und Gewalt schon immer guter Gründe gerühmt hatten? [...]«

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