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Patty Hearst
(Leseprobe aus:
Der kleine Bruder, Roman, 2008, Eichborn)
1. PATTY HEARST
Irgendwann war es so dunkel, daß Wolli schwieg. Frank
Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange
nicht mehr hinhörte, schon kurz hinter der Grenze bei
Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und
sich aufs Fahren konzentriert, vor allem darauf, die vorgeschriebene
Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h nicht zu
überschreiten, denn das war ja schon Wollis Hauptthema
zwischen Bremen und Hannover gewesen, daß die einen
fertigmachen würden, wenn sie einen dabei erwischten,
wie man ihre Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h
ignorierte, das hatte, allein schon durch die Sturheit,
mit der Wolli dieses Thema zwischen Achim und Allertal
in einem unaufhörlichen Redefluß wieder und wieder zu
Tode geritten hatte, irgendwann dann doch Eindruck auf
Frank gemacht, nicht so sehr, daß er Wollis Erzählungen,
die immer Erzählungen von Leuten wiedergaben, die Leute
kannten, denen das Erzählte einst widerfahren war, und
die zusammengefaßt darauf hinausliefen, daß ein allzu
sorgloser rechter Fuß sie direkt in den Gulag bringen würde,
für wirklich bare Münze genommen hätte, aber er war
immerhin so weit davon eingeschüchtert, daß er um seine
Ersparnisse zu fürchten begann, jene paar hundert Mark,
die er von seinem Postsparbuch abgehoben hatte, um nach
Berlin zu seinem Bruder zu fahren und ein neues Leben
anzufangen, denn das war sein Plan.
Kein besonders ausgefeilter Plan, dachte er gerade, als
Wolli aufhörte zu reden und sie gemeinsam schweigend in
das sehr dunkle Dunkel der Transitstrecke durch die DDR
starrten, hat ein paar Schönheitsfehler, der Plan, dachte er,
aber dann fiel ihm auf, daß Wolli nicht mehr redete, und
die Stille hatte, zusammen mit der sie umgebenden Finsternis,
eine beruhigende, einlullende Wirkung, der er sich
gerne hingab. Scheiß drauf, ob der Plan Schönheitsfehler
hat, dachte er, Hauptsache, es ist mal Ruhe im Schiff, und
dann sah er nur noch der Straße dabei zu, wie sie sich in das
funzlige Licht seiner Scheinwerfer schob wie ein alter, harter
Teppich. Leider hatte er keinen Vordermann mehr, dem
er folgen konnte, der letzte war vor einer Viertelstunde abgebogen
in das Land um sie herum, von dem man nichts
sah oder hörte, und Wolli hatte sich danach noch eine Weile
darüber ausgelassen, daß das ein Trabant gewesen sei und
was das zu bedeuten habe und so weiter und so fort, aber
wenigstens war dieser Trabant, wenn es denn einer gewesen
war, nicht so schnell gewesen, daß Frank ihn hatte ziehen
lassen müssen wie all die anderen Autos, die sie in der
Zwischenzeit überholt hatten, der Trabant hatte genau die
richtige, risikoarme, von Wolli dringend empfohlene Geschwindigkeit
gehabt, und er hatte sie sicher durch die Finsternis
geführt. Nun war er fort, aber dafür hielt Wolli mal
die Klappe, und das war doch auch schon was, fand Frank.
Das ging etwa fünf Minuten so, draußen war alles dunkel
und drinnen war es still, wenn man vom gleichmäßigen
Röhren von Franks altem Kadett einmal absah. Das
waren fünf spannende Minuten, denn Frank konnte direkt
spüren, wie sich in Wolli der Druck aufbaute, etwas zu
sagen, und wie er zugleich davor zurückschreckte, das
Schweigen zu durchbrechen, wie dieses Schweigen also unter
Wollis innerem Druck immer mehr anschwoll wie ein
Ballon, den ein maßloses Kind manisch aufpustete und der
jeden Moment platzen mußte, so daß man die Augen zusammenkniff,
das Gesicht verzog und in den Schultern verkrampfte
in Erwartung des Knalls, so kam ihm, Frank, das
jedenfalls vor während dieser fünf Minuten schweigender
Fahrt durch die von keinerlei Licht in der Landschaft gemilderte
Dunkelheit, die sie mit knapp hundert Sachen
durchröhrten, das sind ganz schön neurotische Gedanken,
dachte er, Kinder, Luftballons, schlimm, dachte er, aber
was Wunder, wenn man seit Stunden durch Wollis Gelaber
zermürbt wird, dachte er, so sehr zermürbt, daß man es
sich zurückwünscht, wenn es aufhört, das kennt man sonst
nur von Geiseln, die sich irgendwann mit ihren Geiselnehmern
identifizieren, dachte er, Patty Hearst, Patty
Hearst war so ein Fall gewesen, dachte Frank, er hatte viel
darüber gelesen damals, vor Jahren, als das ein großes Ding
gewesen war, ihn hatte das sehr fasziniert, dieser ganze
Kidnapping-, Geisel- und Gehirnwäschekram, das hatte
ihm gefallen, er war noch in der Schule gewesen damals,
als Schüler steht man auf sowas, dachte er, er hatte sich sogar
ein bißchen in Patty Hearst verliebt damals, weil sie
auf dem Bild von dem Banküberfall so sexy ausgesehen
hatte, und deshalb sagte er nun, um Wolli nicht weiterhin
diesen Qualen ausgesetzt zu wissen, von denen er, als Wollis
Geisel, ihn im Patty Hearstschen Sinne natürlich erlöst
wissen wollte, einfach das Nächstbeste, was ihm einfiel:
"Patty Hearst!"
"Genau", sagte Wolli. "Symbionese Liberation Army.
Keine Ahnung, was die eigentlich wirklich wollten, da hat
ja nun echt keiner durchgeblickt."
"Ja, ich auch nicht", sagte Frank. Man darf Wolli nicht
unterschätzen, dachte er.
"Lehnin!" rief Wolli und zeigte in die Dunkelheit, in
der ein schmutziges, nichtreflektierendes Hinweisschild
auftauchte, "Lehnin! Mit h! Die spinnen doch!"
Plötzlich waren sie nicht mehr allein auf der Straße. Von
hinten kamen Autos, die sie nicht überholten, sondern sich
damit begnügten, bis zu ihnen aufzuschließen und Frank
im Rückspiegel zu blenden. Und auch vor ihnen tauchte
bald eine größere Ansammlung von Autos auf, die wie auf
eine Schnur gefädelt auf der rechten Spur dahinkrochen.
"Warum sind die jetzt plötzlich alle so langsam?" fragte
Frank.
"Da kommt jetzt gleich die Abfahrt", sagte Wolli und
rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her, "da kommt
gleich die Abfahrt, bloß nicht überholen, da mußt du aufpassen,
so ein Schild mit ›Transit Westberlin‹, das darfst
du auf keinen Fall verpassen."
Wie um ihn zu bestätigen, fing die Schlange vor ihnen
geschlossen an zu blinken, und dann tauchte auch schon
das von Wolli angekündigte Schild auf, und sie bogen alle
zusammen ab auf eine andere Autobahn.
"Jetzt sind wir gleich da, jetzt sind wir gleich da", sagte
Wolli.
"Aber es ist doch überhaupt nichts zu sehen", sagte
Frank.
"Das ist immer so", sagte Wolli, "das hat nichts zu sagen.
Aber das merkst du ja schon dadurch, wie voll das hier
ist, daß wir gleich da sind!" Er starrte unruhig hinaus auf
die Straße, mal aus dem Seitenfenster, mal durch die Frontscheibe.
"Da kommt auch gleich nochmal ein Schild mit
›Transit Westberlin‹. Das dürfen wir auch auf keinen Fall
verpassen!"
"Okay", sagte Frank. Man kann kein neues Leben
anfangen und einen wie Wolli dabeihaben, dachte er,
während Wolli neben ihm immer mal wieder "Achtung,
gleich!" rief, nichts gegen Wolli, dachte Frank, er ist ein
netter Kerl, aber man kann froh sein, wenn man ihn jetzt
mal ein paar Wochen lang nicht sieht.
"Jetzt, jetzt!" schrie Wolli wie von Sinnen. "Jetzt raus
hier, raus hier, Transit!"
Frank nahm die Ausfahrt nach Westberlin. Oder was
Wolli dafür hielt. Denn sie gelangten zwar auf eine andere
Autobahn, aber von der Stadt war immer noch nichts zu
sehen.
"Ich mein, Wolli, ich war ja noch nie in Berlin, aber das
ist doch so eine große Stadt, warum sieht man denn davon
nichts?"
"Das ist immer so", sagte Wolli, "da kommt gleich
erstmal der Grenzübergang."
"Den sehe ich auch nicht", sagte Frank.
"Der kommt aber", beharrte Wolli. "Der muß ja kommen.
Die können den ja nicht plötzlich abgebaut haben."
Der ist ziemlich mit den Nerven fertig, dachte Frank,
und er selbst, soviel war mal klar, war das mittlerweile
auch. Neues Leben hin, neues Leben her, dachte er, es sollte
nicht mit der Fahrt durch einen langen, dunklen Tunnel
beginnen.
Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell
strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte wie ein frisch
gelandetes Raumschiff. Oder vielleicht gerade doch.
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