In Feuerland von Eduardo Belgrano Rawson, 2003, Beck

Eduardo Belgrano Rawso

aus: In Feuerland
(Seite 36-41)

An Deck erwartete ihn eine weitere Überraschung.
“Jetzt wollen sie nicht raufkommen”, teilte ihm der Bootsmann mit. “Zuerst wollen sie wissen, was für sie abfällt. Nur Camilena ist raufgekommen.”
Der Kapitän schaute über die Reling. Die Leute in den Kanus wirkten ruhig. Trotzdem schrillte eine Alarmglocke in seinem Kopf. Für einen Augenblick sah er sich in die heruntergekommenen Büros in der Gordon Street zitiert, wo sämtliche Dampfer der Pacific Steam, in Öl gemalt, an den Wänden hingen. Es war eine flüchtige Vision, die ihn dennoch in Angst und Schrecken versetzte, denn eine innere Stimme sagte ihm, daß seine Anstellung an einem seidenen Faden hing und seine Aktionen immer und immer wieder mit der Mittelmäßigkeit des Verwalters kollidieren würden. Er vergewisserte sich, daß der Schütze auf seinem Posten war, der vertrauensselig an einem Schott lehnte. Niemand hätte gedacht, daß er eine Winchester hinter seinen Beinen verbarg.
Ein paar Passagiere scharten sich um die Indianerin an Deck. Der Morgenwind pfiff, und sie schmiegte sich in einen Fellumhang, der kaum ihre Schultern bedeckte. In der anderen Hand hielt sie ihre Muster, zwei durchnäßte, traurige Nutriafelle. Sie wollte sie mit all ihren anderen Fellen zusammen eintauschen. Wenn die Dinge so liefen, wie sie es wollte, würde sie sogar ihren Quillango hergeben.
Federica sagte zu ihrem Vater: “Die Frau in dem Kanu da gibt einem Hündchen die Brust!”
Eine Frau verzog angewidert das Gesicht. Das fehlte gerade noch. Sie war die Schwester des Kapitäns; das Mädchen hatte sie vom Frühstück weg an Deck gezerrt. Sie sah die Leute in den Kanus angeekelt an. Von dieser finsteren Küste erwartete sie nichts. Sie kam aus Kalifornien und konnte es nicht erwarten, in New York anzukommen. Es erschien ihr unmenschlich, daß sie jedes Frühjahr über zwei Ozeane um die halbe Welt reisen mußte, ”nur um am anderen Ende der Vereinigten Staaten anzukommen”. Federica und ihr Vater hingegen wirkten sehr glücklich. In wenigen Stunden würden die beiden in Abingdon von Bord gehen. Der Mann war Arzt in Sandy Point, auf der Westseite der Insel. Die Tochter studierte in Valparaíso, und sie verbrachten nur die Sommerferien zusammen. Nach drei Wochen in Abingdon würden sie nach Sandy Point weiterreisen, und Ende Februar wollte sie ans College zurückkehren.
Der Kapitän ging zu Camilena. Er kannte sie aus der anglikanischen Mission, wo er mehrere Jahre hintereinander Anker geworfen hatte. Mittlerweile war die Mission praktisch verwaist, und der Kapitän bevorzugte Cumberland Bay, um die Indianerinnen zu erwarten. Sie überreichte ihm eine Handvoll wilder Erdbeeren.
“Hallo, Camilena.”
Der Kapitän kostete eine Erdbeere, gab sich aber keine Mühe, das Gespräch fortzusetzen. Er warf einen Blick über Bord auf Camilenas Kinder. Wie üblich war der Mann der Indianerin nicht dabei.
Der Bootsmann verfolgte jede ihrer Bewegungen, überzeugt von der unerschöpflichen Geschicklichkeit dieser Leute, alles mögliche zu stehlen. Wenn die übrigen an Bord kamen, würde er noch mehr Leute abstellen, um sie zu bewachen. Während der letzten Fahrt hatten sie ihm einen Tiegel mit übelriechendem Fett stibitzt, mit dem das Göpelwerk geschmiert wurde. Ein Besatzungsmitglied schwor, daß sie es an Ort und Stelle verzehrt hatten. Diese Geschichte entsprach voll und ganz dem, was der Bootsmann von den Feuerländern dachte.
Camilena gelangte zu einer Einigung mit dem Kapitän. Weitere Indianer kletterten auf das Schiff, verteilten sich an Deck und begannen überall herumzuschnüffeln und ihren Krimskrams zu verkaufen. Bald kam es zum ersten Zwischenfall. Ein Kerl namens Selcha wurde in einer Kabine mit fremdem Eigentum in den Händen erwischt. Zwei Besatzungsmitglieder stießen ihn zur Brücke. Dort konnte Selcha sich losreißen, lehnte sich auf das Geländer und beschimpfte sie, während er sich eine Robbenfellmütze, die er niemals ablegte, in die Augen schob. Der Mann mit der Winchester drückte ihm den Lauf gegen den Bauch, und Selcha hob folgsam die Hände. Aber er war berühmt für seine tödliche Treffsicherheit, und so mußte er seine Steine ins Wasser werfen. Kurz darauf schlenderte er herum, als ob nichts gewesen wäre. Die Tochter des Arztes gab ihm eine Schokolade, und Selcha verschlang sie mit einem Bissen. Der Bootsmann wich nicht von seiner Seite. Der Kapitän haßte Zwischenfälle an Bord, und nur das hielt ihn zurück. Sonst hätte er Selcha mit Teer übergossen und angezündet.
Camilena blieb zurückhaltend. Sie hatte nackte Beine, und die Männer vom Schiff starrten sie unverwandt an. Als mehrere Böen schlechtes Wetter ankündigten, stellte sie sich mit dem Rücken nach Südost, zog den Kopf ein und drückte die Zipfel ihres Quillangos gegen ihre Brust. Es war die einzige Möglichkeit, das Fell am Körper zu halten. Der Kapitän und der Doktor wechselten einen Blick. Vielleicht dachten sie dasselbe: welches Vergnügen der dürftige Quillango dem Leiter der Mission bereitet hätte. Es war das große Thema beim Mittagessen gewesen. Sie hatten von den glorreichen Zeiten von Abingdon gesprochen, als die Canoeros vom Ende der Welt von der ganzen Insel herbeiströmten, um sich der Kirche von England in die Arme zu werfen.
Camilena beobachtete den Robbenfänger, der am Horizont auftauchte. Wenn sie sofort aufbrachen, würden sie ohne Probleme die Küste erreichen. Die schlechteste Lösung war, auf dem Dampfer zu bleiben. Der Kapitän wirkte gelangweilt und lichtete womöglich die Anker, wenn das Schiff der Seehundfänger ganz nah war. Sie stieg ins Kanu und weckte ihre Kinder.
Jaro wußte, worum es ging, und begann rasch das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Isabela hingegen nahm mißmutig ihre Position ein, während sie finster zum Dampfer hinüberblickte. Ihr kleiner Bruder, der unter einer Decke lag, packte sie fröhlich am Fuß. Seine Berührung beruhigte Isabela. Viele Monate später, als die Schwierigkeiten dieser Fahrt bereits vergessen waren, würde sich Isabela an die Berührung der winzigen Fingerchen an ihrem Knöchel erinnern. Die Kormorane schrien in den aufkommenden Sturm und Camilena ruderte Richtung Land.
Dann brach eine Sturmböe los. Isabela und Jaro waren auf der Hut, sie kauerten in der Mitte des Bootes, bereit, mit ihren Körpern ein Kentern zu verhindern. Die übrigen Kanus zerstreuten sich.
Durch die flachen Steine auf dem Boden sickerte das Wasser. Jaro schöpfte ohne Unterlaß. Normalerweise hatten sie dort das Feuer. In Zukunft würden sie es nicht mehr mitnehmen müssen, weil ihre Mutter endlich Streichhölzer hatte. Niemand konnte mehr Feuer machen wie früher, indem er über einem Häuflein Moos, vermischt mit Spinnweben, zwei harte Steine aneinanderschlug.
Die Schläge hinter ihrem Rücken sagten ihnen, daß Camilena verzweifelt ruderte. Da sie mit der Strömung paddelten, entfernten sie sich von dem Schoner. Der Sturm brachte einen dünnen Graupelschauer, und nun zitterten alle.
Der Kleine klammerte sich an den weißen Hund. Der Hund hatte eine spitze Schnauze und hieß Barbucho. Der Kleine hatte keinen Namen. Isabela mußte ihn noch taufen, wenn ihr ein passender Name einfiel. Bis dahin trug sie die Nabelschnur ihres Bruders um den Hals geschlungen. Jetzt litt sie Qualen wegen dieser furchtbaren Fahrt mitten im Sturm. Noch nie war jemand einem Robbenfänger entkommen, doch Camilena war die beste Kanutin des Archipels, und wenn sie in eine schwierige Situation gerieten, hörte man nur ihre Stimme und alle befolgten ihre knappen Anweisungen.
Der Schoner verringerte den Abstand. Sein Bug durchpflügte das Wasser. Es wehte ein schmutziger Nordost und blähte alle Segel. Man sah den Schmutz am Schiffsrumpf. Auf der Spiere saß ein Mann mit einem schußbereiten Gewehr. Die Besatzung der Schoner, dachte Jaro, mußte nicht zwangsläufig grausam sein. Er trug immer die leere Worcestersauceflasche mit sich herum, die ihm ein Seehundjäger geschenkt hatte.
Das war der Moment, auf den Camilena gewartet hatte. Sie machte eine paar exakte Ruderschläge, das Kanu schwankte bedenklich und änderte seine Richtung. Der Schoner folgte ihnen mit einem eleganten Manöver. Die Hoffnungen der Canoera zerschlugen sich. Die Schiffe der Robbenfänger waren nur mühsam zu wenden, unter dem Fluchen ihrer Besatzung. Aber dieser Schoner flog dahin. Es waren kein Seetang und keine Brecher in Sicht, was für einen ebenen, tiefen Grund sprach. Die Küste war noch weit. Es schien unausweichlich, daß der Schoner sie bald einholte.
Aber er lief gerade noch rechtzeitig auf Grund. Es war das altbekannte Ende der Fahrt, eine demütigende Erfahrung vor allem für die Segler, die an einem strahlend schönen Tag unterwegs gewesen waren und am Ende die schlimmste Schmach hinnehmen mußten.
Camilena drehte sich nicht um. Sie spürte den bösartigen Blick des Mannes aus dem Bug im Rücken und wartete auf das Krachen seiner Winchester. Aber es fiel kein einziger Schuß. Die Leute hatten andere Probleme. Vielleicht waren sie auf felsigen Grund aufgelaufen und das Knirschen des Schiffsrumpfes signalisierte eine Katastrophe.
Tatesh wartete an der Küste, bis zur Brust im Wasser stehend. Als sie ihn so ruhig dastehen sah, verlangsamte Camilena ihren Rhythmus. Der Schoner setzte ein Boot aus. Die Besatzung warf einen Anker, damit die Ebbe sie nicht weiter auf Grund schob. In der Ferne nahm der Dampfer Kurs auf den Atlantik, Passagiere und Besatzung an Deck.
(...)

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