Prinz Linderich
Es war ein Regentag im Herbst in Woodanien . Prinz Linderich von Lindenholz saß am Fenster und dachte über die Zukunft nach. An solchen Tagen sind solche Gedanken selten besonders erheiternd und so war auch Prinz Linderich sehr traurig.
Sein Vater, König Erlenklotz, war in den letzten Jahren recht alt und starrköpfig geworden, so dass es mit den Regierungsgeschäften nicht zum besten stand. Besonders dem Wald ging es schlecht.
Der Lindenwald unterhalb der Hauptstraße wurde kränker und kränker und schon beschwerten sich Schnitzer, Tischler und Schreiner darüber, dass sie nur noch minderwertiges Holz bekämen und ihre Erzeugnisse immer kurzlebiger und unansehnlicher würden. Ja wirklich, als Prinz Linderich neulich am Feuer eingeschlafen war, so dass ihm sein rechter Fuß verbrannte und er sich einen neuen hatte schnitzen lassen müssen, da hatte er einen Ersatz bekommen, der ihm die Haare hatte zu Berge stehen lassen: Das Holz war bräunlich, es knarrte bei jedem Schritt und schon beim ersten Zubinden der Schuhe bekam es Risse. Dabei war ein solches Ungeschick, wie es Prinz Linderich widerfahren war, eigentlich in Woodanien eine Angelegenheit, um die nicht viel Aufhebens gemacht wurde.
Und es war nicht nur der Lindenwald, dem es schlecht ging, obwohl die Bewohner der Hauptstadt hier vor der Haustür das Unglück natürlich am ehesten bemerkten. Aber wenn mensch herumfuhr und die Wälder alle besichtigte, dann war es nicht zu übersehen. Überall gab es faulig herabhängende Äste. Es gab Laub, das entweder schon im Sommer fiel oder überhaupt nicht herabfiel, um den Baum dann im Winter mit seiner Fäule anzustecken. Holzwürmer feierten wahre Fressfeste, wie sie es seit Generationen nicht mehr gekonnt hatten. Manchmal stürzten Vogelfamilien mitsamt ihren Nestern ab, sobald die Jungen größer und schwerer geworden waren und der Grund auf den sie fielen war morastig und unzugänglich geworden.
Dabei stellten die Wälder den ganzen Stolz des Reiches dar: das Erlenmoor, die kieferigen Berge, der Pappelfluss, der von der Hauptstadt bis zum Meer Millionen von Pappeln eine an die andere reihte; oder der geheime Eichenhain in dem verschlossenen Tal, das die Hochberge vor dem Blick aller Uneingeweihten verbargen und aus dem nur Zauberer, Hexen, Ärzte oder Medizinstudenten Holz holen durften, um daraus die Instrumente zu schnitzen, die sie für ihre hohen Künste benötigten.
Heutzutage aber freuten sich nur Elfen, Waldschrate, Irrlichter und manch andere geheimnisvolle Wesen über ihr zurückgewonnenes Reich. Schon mancher Bewohner von Woodanien hingegen war von Wanderungen in die immer unheimlicher und feindlicher gewordenen Wälder nicht mehr zurückgekehrt.
Über das alles dachte Prinz Linderich also nach und darüber, dass sein Vater, der König, das alles nicht zu bemerken schien. Der war der Meinung, dass es die Wälder schon immer gegeben hatte, dass es sie darum auch in Zukunft geben werde und damit Punktum. Dass Ruhe, Ordnung und ein voller Magen im Reich herrschten, war die Hauptsache.
Das schien auch Prinz Linderich manchmal gar nicht so falsch zu sein und dann fragte er sich, ob er sich das mit den Wäldern nicht nur einbildete. Aber an solchen Regentagen wie heute erschien es ihm, als wäre es schon morgen um die Welt geschehen. Und wenn er dann noch seinen Fuß knarren hörte und das feuchte Zischen des moderigen Holzes im Kamin, dann war ihm zum Heulen zumute.
Mutlos setzte sich der Prinz an seine ebenholzgetäfelte Werkbank, nahm sich ein Stück Eiche und schnitzelte lustlos daran herum. Eichenholz zu bearbeiten war normalerweise den Medizin- und Zauberkundigen vorbehalten und Prinz Linderich war mehr zufällig zu diesem Besitz gekommen. Der Medizinstudent, der dem Arzt beim Anpassen des neuen Fußes assistiert hatte, hatte das Holz achtlos liegen lassen. Ja, auch die Studenten wussten die Tiefe und die Gefahren ihres Wissens nicht mehr zu schätzen. Sie spielten mit den geheimen Dingen wie kleine Kinder mit Sand. Gott sei Dank war selbst das Holz aus dem geheimen Eichenwald meistens nicht mehr besonders zauberkräftig, so dass nicht viel Unheil damit angerichtet werden konnte.
Aber es gab im geheimen Eichenwald doch noch ein paar kräftige alte Eichen und von einer solchen muss das Holzstück wohl gewesen sein, das der Prinz in der Hand hatte, denn es geschah etwas sehr geheimnisvolles.
Der Prinz schnitzte hier ein wenig und da ein wenig, es kam eine Nase zum Vorschein, dann ein Mund, zwei Augenbrauen, ein spitzes Kinn und dann auch eine Stirn und zwei Schläfen. Prinz Linderich achtete nicht besonders auf seine Hände, er schaute aus dem Fenster und grübelte vor sich hin.
Plötzlich machte es: "Au!"
Erschrocken schaute der Prinz auf das Holz in seinen Händen. Ein kleines Gesicht ragte zur Hälfte aus dem rohen Block heraus und schaute ihn an! Beinahe hätte der Prinz das Holzstück fallengelassen.
"Du Tölpel!" sagte das Gesicht. "Du hast mir die Nasenspitze abgeschnitten, schau nur!"
Ob die vor Entsetzen wie Scheunentore aufgerissenen Augen des Prinzen wohl überhaupt etwas sahen? Auf alle Fälle brachte er nur ein "krrk" über seine Lippen. Das Holzstückchen musste lächeln. Gütig wechselte es das Thema.
"Sei gegrüßt," sagte das Wesen freundlich und dann ganz ernst: "Du hast mich zu Hälfte befreit, das ist mehr, als je jemand vor Dir erreicht hat."
"Aber jetzt habe ich dich aus deinen Träumen gerissen. Ich fürchte, du wirst mich nicht mehr vollenden können," der Holzklotz klang sehr traurig.
"War..., warum nicht?" stammelte der Prinz, der langsam wieder Fassung gewann. "Ich bin ein guter Schnitzer, der beste im Land sogar, hoffe ich. denn das ist hier in Woodanien nötig, um König zu werden und das will ich, musst du wissen!"
"Ich weiß," sagte der Holzklotz, "darum habe ich dich gesucht. Aber es ist mehr nötig als handwerkliches Können, um mich zu befreien. Du musst meine Gestalt kennen!"
"Aber woher?" wollte Prinz Linderich jetzt gespannt wissen. "Und wieso kannte ich dein Gesicht, als ich eben vor mich hinschnitzte?"
"Überlege mal," antwortete der Klotz, "und überlege, wie du dich gefühlt hast, als du so gedankenverloren vor dich hingeschnitzt hast!"
"An den Wald habe ich gedacht, daran, dass er stirbt und niemand daran etwas ändern kann und dann war ich eigentlich nur noch traurig," überlegte der Prinz.
"Ja ja, mit deiner Traurigkeit, da hast du den Wald wohl etwas verstanden. Aber weißt du nicht noch mehr von meiner Gestalt, kennst du nur mein Sterben, die Traurigkeit um mich, die morschen, modrigen Zweige und die gelben Nadeln meiner Bäume?"
Nein, mehr wusste der Prinz leider nicht.
"Gehe auf die Suche nach meiner Gestalt, bis du mich schnitzen kannst. Erst wenn ich befreit bin, kann der Wald wieder leben!"
"Wer bist du?" fragte der Prinz.
"Vor langer Zeit war ich überall," erklärte das Holz, "aber dann musste ich mich immer öfter verstecken, zuletzt lebte ich nur noch im heiligen Eichenhain, aber auch der beginnt nun zu verfallen. Jetzt ist dieses Holzstück alles, was mir geblieben ist und jetzt liege ich hier in deiner Hand. Befreie mich!"
Prinz Linderich setzte sich dem Holzstück gegenüber auf einen Stuhl und überlegte, wie er das seltsame Wesen, dass er da geschaffen hatte wohl zuende schnitzen könne. Aber aus irgend einem Grunde kam er nicht voran. Jeder Schnitt, den er sich zu tun vorstellte, schien das Wesen wieder zu zerstören. Er hätte zwar einfach dem Gesicht einen Hinterkopf schnitzen können. Aber er wusste, dann hätte er nur einen Holzkopf in den Händen und nicht mehr.
Nein, Prinz Linderich wusste die wahre Gestalt nicht. Stundenlang saß er vor dem Holzstück, die Nacht brach an und dann ein neuer Tag. Die Diener brachten Essen aber er aß nichts davon. Als der Prinz am nächsten Abend immer noch ungewaschen und unrasiert vor seinem Holz saß, wurde ein Arzt geholt. Aber Prinz Linderich versperrte die Tür. Die Dienerschaft klopfte und rief und bat verzweifelt um Einlass. Endlich blieb nichts anderes übrig als den König zu verständigen. Doch als der sich am nächsten Vormittag endlich von seinen Regierungsgeschäften losmachen konnte, war der Prinz verschwunden.
Prinz Linderich hatte seinen halbfertigen Holzklotz und das allernotwendigste eingepackt, hatte sich auf sein Lieblingspferd gesetzt und war fortgeritten. Er ritt lange Zeit durch das Reich seines Vaters und das Elend, das er abseits der Hauptstadt erblickte, war noch viel größer, als er gedacht hatte. Das ganze Reich lag im Sterben.
In Woodanien war Holz der einzige Rohstoff. Jedes Ding und jedes Wesen bestand aus Holz und so war nun alles und jedes zerbrechlich und morsch geworden. Ein übler Modergeruch wehte in giftigen Schwaden über die oftmals schon brachliegenden Felder. Wer hatte schon noch Lust, Bäume, Sträucher und Holzwolle anzubauen, wenn die Mühlen kein Holzmehl mehr mahlen konnten, weil der feuchtmodrige Rohstoff die Mahlsteine verklebte? Ja, als Baue musste mensch schon Angst haben, dass der Schimmel, der überall wucherte, einen selbst befallen würde.
Prinz Linderich hielt sich die Nase zu und ritt Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Als ein Jahr herum war, hatte er alle Menschen und alles besiedelte Gebiet hinter sich gelassen. Um ihn herum wucherte nur noch Wildnis und es war dem Prinz, als würde es immer dunkler werden. Die Welt schien sich ihrem Ende zu nähern. Und wirklich, als der Prinz noch drei Tagesritte weiter am Morgen nach einer unruhigen Nacht die Augen aufschlug, sah er nichts mehr.
Die Sonne zu diesem Tag hatte sich nicht mehr erhoben. Auch Geräusche hörte er keine mehr und wenn er sich zurückerinnerte, dann musste es wohl schon vier oder fünf Tage her sein, seit er den letzten Vogelschrei gehört hatte. Prinz Linderich hatte dies alles nicht bemerkt, so sehr war er in dumpfe verzweifelte Gedanken versunken gewesen.
Aber jetzt musste er sich wohl oder übel wieder der Wirklichkeit zuwenden, denn er hatte keine Ahnung, wohin er sich nun wenden sollte. Um ihn herum war nichts als Schwärze und Stille.
Oder doch nicht? Täuschte ihn seine vom Nichts verschreckte Netzhaut? Es tauchte auf einmal ein kleiner blauer Fleck am Himmel auf, jedenfalls oben, denn Himmel und Erde waren ja verschwunden. Der Fleck kam näher, bekam Umrisse und auf einmal war es dann ein Vogel. Der war so groß wie ein Tennisball und in seinem bescheiden gesenkten Schnabel hielt er eine wunderbar bunte Feder.
Langsam, unnatürlich langsam, schwebte das Wesen herab. Der Prinz hielt seine Handfläche auf und das Vögelchen ließ sich darauf nieder.
"Guten Tag," machte der Prinz, weil ihm nichts besseres einfiel. Aber er hatte den Eindruck, dass eine so banale Äußerung hier doch fehl am Platze sei.
Der Vogel antwortete trotzdem: Er schwebte hoch, ein Stück weg, ließ sich ein paar mal durchsacken, fing sich wieder, drehte noch eine Schleife und kehrte dann zurück.
Prinz Linderich schaute gebannt zu. Liebenswert war das Vögelchen aber auch irgendwie unheimlich. Es leuchtete in allen Blaufarben, die zur Verfügung standen, von türkis bis lila und es schien, als leuchteten die Farben von innen, denn es war weit und breit kein Licht, um das Wesen zu beleuchten.
Der Prinz fragte: "Sag, schöner Vogel, wo muss ich hinreiten? Ich glaube, ich habe mich verirrt!"
Der Vogel schaute ihn fragend an. Der Prinz verstand. Wenn er nach dem Weg fragte, musste er wohl zuerst erklären, wohin dieser Weg führen sollte. Aber das wusste er leider selbst nicht. Traurig ließ er den Kopf hängen.
"Ach ich glaube, ich kann deine Frage nicht beantworten," sagte er.
"Ich war sehr trübsinnig und ich wollte wissen, warum. Ich dachte, ich würde auch die glückliche, die schöne Seite der Welt sehen, wenn ich über die Gründe der Dinge Bescheid wüsste und diese Gründe habe ich hier gesucht. Es war nämlich so, dass mir aufgetragen wurde, ein Schnitzwerk zu vollenden. Ich hatte es angefangen, als ich sehr traurig war, mit so viel Trauer in meinem Herzen lässt es sich aber nun nicht zuende bringen. Und da bin ich aufgebrochen, um die Welt kennen zu lernen. Aber ich habe noch nicht viel Schönes gefunden, das Elend ist überall. Giftige Winde wehen übers Land, die Ernte verfault auf den Feldern und die Menschen sind vor Verzweiflung dumpf und teilnahmslos geworden. Nicht mehr lange, da werden sie sich nicht mehr von den Tieren unterscheiden. Wie kann ich da mit Freude meine Schnitzerei beenden?"
Der Vogel blickte den Prinzen lange und freundlich aus seinen kleinen klugen Augen an. Dann ließ er die Feder aus seinem Schnabel in die Hand des Prinzen fallen, legte den Kopf noch einmal schräg, zwinkerte und ehe Prinz Linderich es sich versah, war der kleine Vogel davon geschwebt. Bald war der kleine blaue Fleck nicht mehr zu sehen und nur die Feder lag noch in Prinz Linderichs Hand.
Bunt leuchtete die Feder in allen Farben des Regenbogens.
"Was soll ich nur damit?" fragte sich der Prinz.
Er pustete und die Feder schwebte langsam zu Boden. Gedankenlos verfolgte er sie mit seinen Blicken. Als sie bei seinen Füßen angelangt war, wurde ihr Leuchten plötzlich immer stärker und dann war es, als ob unter seinen Füßen der Boden aufriss: Licht, Farben Geräusche und Gerüche, alles flutete zum Prinzen herauf. Er sah, dass er auf einer endlosen duftenden Wiese mit blühenden Frühlingsblumen und von einem warmen Wind durchpflügten Gräsern stand.
Nein, das hatte er jetzt eben nur geträumt, die Feder lag immer noch zu seinen Füßen, sie leuchtete zwar wunderschön, war aber doch nur eine Feder. Seltsam, zu was für Phantasien sie ihn entführte. Er bückte sich, hob sie wieder auf und betrachtete sie erstaunt. Schon lange hatte ihm seine Einbildungskraft nur noch üble Dienste geleistet. Noch trostloser und noch furchtbarer hatte er sich die Welt vorgestellt, als sie es ohnehin schon war.
Dabei war die Feder so leicht und das Wissen, das er mit sich herumtrug, war so schwer! Die Vorstellung war ja auch genauso flüchtig und leicht gewesen, wie die Feder. Und doch, Prinz Linderich lächelte immer noch der Erinnerung nach, so schön gut und tröstlich war die Vorstellung gewesen nach all dem Leid, das er in dem letzten Jahr gesehen hatte.
Aber ach, es war ja alles nur ein Spiel seiner Einbildungskraft gewesen.
"Wieso habe ich nicht das Recht, mich von einem Traum trösten zu lassen ?" fragte er sich dann aber doch. "Schließlich muss das, was ich träume doch auch mit der Welt zu tun haben! Und wenn das noch nicht der Fall sein sollte, dann muss ich meinen Traum eben in die Welt hineinbringen!"
Und er wusste auch schon wie. Er hob die Feder auf, fand bei ihrem Licht sein Pferd wieder und er stellte fest, dass ihr Licht auch ausreichte, um den Weg zu erkennen. Also saß er auf und ritt zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Langsam wurde es wieder heller und als ein Monat vergangen war, erreichte er das erste Dorf.
Hier setzte er auch gleich in die Tat um, was er sich am Ende der Welt ausgedacht hatte und was dann im Laufe des letzten Monats als Plan in ihm gereift war.
Er stieg vor dem ersten Haus ab. Die meisten Menschen am Rande der Welt sind sehr gastfreundlich und so wurde auch der Prinz sofort eingeladen alles mit der Bauernfamilie zu teilen. Aber es war doch der Miene der Bäuerin anzusehen, dass sie über den Inhalt ihrer Speisekammer genau Bescheid wusste und über die Folgen, die ein unerwarteter Esser mehr hier haben konnte. Knechte, Mägde, die vielen Kinder, alle wollten sie satt werden und jetzt noch dieser Fremde!
Es herrschte Armut im Land und daher aß der Prinz beim Abendessen nur der Höflichkeit wegen einige Bissen und verhielt sich im übrigen schweigsam, zurückhaltend und wartete. Als abgeräumt war, kam seine Stunde. Er holte seine Feder hervor, die er vorsichtig in ein feines Tuch geschlagen hatte und als sich alle Augen auf die wunderbaren Farben richteten, ließ er die Feder auf den Boden fallen.
Und da geschah es auf mit der Zeit, dass Leben in die traurigen, verhärteten Mienen der Menschen kam, die Augen fingen an, vorsichtig zu strahlen, ein freudiges Lächeln verschönte die Lippen, die eine oder der andere klatschte auch begeistert in die Hände und auf einigen Wangen rollten Tränen herab. Jede und jeder hatte seinen eigenen wunderbaren Traum, sah die Welt so, wie sie beschaffen sein müsste und war glücklich.
Prinz Linderich wusste um die Zauberkraft seiner Feder und wartete lächelnd und war froh, dass ihn seine Hoffnung nicht getrogen hatte. Er wartete, bis die Menschen langsam wieder in die Wirklichkeit zurückgefunden hatten.
Sie hatten sich verändert, die Menschen. Die vor Armut und Verzweiflung geprägten Mienen waren weich geworden. Hoffnung war in ihren Augen, Lachen lag auf ihren Lippen und begeistert erzählten sie sich von ihren Träumen und einige sogar davon, wie sie gleich am nächsten Tag ans Werk gehen wollten, um den Traum zu verwirklichen.
Noch bis spät in die Nacht hinein lachten und planten und redeten die Menschen, so dass es eine Freude war, sie anzuschauen. Als endlich der letzte ins Bett gegangen war, saß nur noch Prinz Linderich allein und glücklich in der verlassenen Küche.
"Ja," dachte er bei sich, "so viel Lebensmut wird auch die Wirklichkeit morgen nicht zerstören können. Wie können so viele schöne Träume ohne Folgen bleiben?"
Der Prinz holte zum ersten mal seit langer Zeit das Holzstück wieder aus der Tasche, dass er während der ganzen Reise bei sich getragen hatte. Er schaute es an und es war auf einmal kein Rätsel mehr. Alles war sonnenklar, wie die Hoffnung, die er in den Augen der Menschen vorhin gesehen hatte. Schnell holte er sein Messer hervor und begann zu arbeiten.
Als der Morgen graute, war die Figur fertig. Ein Clown war es geworden und als Prinz Linderich sein Werk betrachtete, schien es ihm, als wollte die Figur ihm zublinzeln. Er stellte den kleinen Holzclown in das Regal über der Sitzbank.
"Hier bei dieser Familie, die auf einmal so viel Hoffnung gefasst hat, bist du gut aufgehoben," sagte er "und wenn der Tag gekommen ist für dich, zurückzukehren in die Wälder, wo du herkommst, dann sind sie hier nicht weit weg. Lebewohl!"
Die Feder aber schlug der Prinz sorgsam wieder in das Tuch und dann machte er sich auf eine lange Reise kreuz und quer durch ganz Woodanien. Überall, wo er verzweifelte Gesichter sah, holte er die Feder heraus und ließ sie vor den staunenden Augen der Menschen zu Boden schweben. Da war es dann jedes mal so, als würde aus jeder Ritze des Fußbodens und jedem Spalt in den Fenstern Hoffnung, Lebensmut und Liebe hervorquellen und die Räume füllen.
Und eines Tages war es so weit. Das neu erwachte Leben im Land ergriff auch den Wald und das Holz wurde wieder kräftiger und moderte nicht mehr und überall wuchsen kräftige junge fröhliche Bäume.
Und die Freude bei den Bewohnern von Woodanien ist bis heute geblieben. Das weiß jeder, der Marionettentheater oder Puppenbühnen im Zirkus oder in Kinderzimmern kennt. Denn dort leben die Bewohner von Woodanien auch heute noch und versuchen die Menschen zum Lachen oder zum Weinen zu bringen.
Und was geschah mit Prinz Linderich?
Sein Vater war bei seiner Rückkehr in die Hauptstadt bereits gestorben und so wurde er gleich zum König gekrönt. Er herrschte dann noch viele lange Jahre, denn in den folgenden Jahren waren die Ersatzteile für seinen Körper stets aus dem besten Holz geschnitzt, das wieder überall wuchs. Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute.
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