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Quadratur des
Kreises: wie Finnegans Wake übersetzen?
(Leseprobe aus: Dritte Wege - Kontexte für Arno
Schmidt und James Joyce,
2005, Edition ReJoyce - Hrsg. von
Friedhelm Rathjen)
Arno Schmidt, der vermeintliche "deutsche Joyce", las Finnegans Wake wahrscheinlich Anfang 1960 und brauchte ein ganzes Jahrzehnt, um über die Bedrohung durch den Joyceschen Einfluß hinwegzukommen, die sich aus jener Lektüre für ihn ergab. Einer von Schmidts Radio-Essays zu Joyce, "Der Triton mit dem Sonnenschirm" aus dem Jahre 1961, beschäftigt sich mit der Übersetzbarkeit von Finnegans Wake und inkorporiert auch Bruchstücke aus Schmidts eigener Wake-Übersetzung, die schon 1960 begonnen und bald danach aufgegeben worden war. Am Ende des "Triton"-Essays erklärt Schmidts Sprecher B.:
Ich will es ganz vorsichtig formulieren ; aber ich möchte doch dabei bleiben : das englische Original ist für den deutschen Leser völlig undiskutabel ! - Der kann nur hoffen, daß eine vermittelnde, leidlich klare, menschlich=umschreibende und reichlich kommentierende Verdeutschung, ihm, früher oder später, einen Begriff davon gibt, was mit FW beabsichtigt war.
Und Sprecher C. erwidert:
Ist es arg ketzerisch, wenn mir unwillkürlich die Bemerkung entkommt, daß jegliche Um=schreibung, in eine andere Sprache, besser sein wird, als das Original=selbst ?
"Sehr gut," entgegnet Sprecher B.3
Sehr gut also, jede Wake-Übersetzung besser als das Original - ich will aber
freimütig eingestehen, daß meine es nicht ist: sie ist unzweifelhaft
schlechter als das Original, und daraus darf man durchaus folgern, daß meine
Wake-Übersetzungen keine Wake-Übersetzungen im Sinne Arno Schmidts sind. Was
ich anstrebe, wenn ich Teile von Finnegans Wake übersetze, ist keine
Vermittlung oder Verklarung oder menschliche Umschreibung oder Kommentierung des
Originals, sondern ich möchte einen in seiner Grundsprache deutschen Text
schaffen, der ebenso unklar und unerklärt (und, wenn das möglich ist,
unerklärbar) daherkommt wie der Joycesche Text. Um dieses Ziel zu erreichen,
verzichte ich erklärtermaßen auf jedwede Theorie zur Frage, worum es in
Finnegans Wake eigentlich geht - oder, um in Arno Schmidts Begrifflichkeit zu
sprechen: ich habe und erstrebe kein "Lesemodell".
In Schmidts Augen war es beim Umgang mit dem Wake völlig unumgänglich, zu
einer solchen Gesamtinterpretation zu greifen: "bevor Sie an die Lektüre
von FW gehen, tun Sie gut, das ein= oder andere Lesemodell zu wählen."4
Als Klaus Reichert in seiner Rezension der Schmidtschen Joyce-Essays die darin
vorgetragenen seltsamsten Wake-Interpretationen Schmidts beherzt aus den Angel
hob, mochte er nur einen einzigen Punkt als angemessen gelten lassen, und das
war ausgerechnet Schmidts "These vom Lesemodell, das, um übersetzen zu
können, zuerst zu erstellen sei"5. Ich für mein Teil möchte sowohl
Reichert als auch Schmidt widersprechen und behaupten: wenn man an eine
Übersetzung geht, muß man jedwedes Lesemodell, jede Interpretation dessen, was
in Finnegans Wake vor sich geht, absolut vermeiden. Man darf nichts verstehen.
Man muß auf den Joyceschen Text mit so wenig Verständnis wie eben möglich
schauen und die Joyceschen Sätze übersetzen in Sätze, die man ebenfalls nicht
versteht.
Ich spreche hier nicht von dem "tricky problem", auf das Mitglieder
der Frankfurter Wake-Übersetzungsgruppe in einem Aufsatz hingewiesen haben:
"how to translate those words that one simply does not understand."6
Natürlich möchte ich jedes einzelne Wort ‚verstehen' - oder, um es korrekter
auszudrücken, ich möchte ‚verstehen', welche Sinnpartikel in einem gegebenen
Wort und einem gegebenen Satz vorhanden sind; als Übersetzer sollte ich aber
nicht verstehen, warum diese Partikel hier vorhanden sind. Der Unterschied, auf
den ich hinaus will, ist im Grunde der zwischen Form und Bedeutung, zwischen
Wissen und Verständnis: der ideale Übersetzer von Finnegans Wake weiß alles
über den Text, aber er versteht nichts; der ideale Übersetzer hat den
kompletten Text im Kopf, erkennt bei jedem gegebenen Wort oder Satz aus dem Wake
jedes Echo auf andere Wörter oder Sätze innerhalb oder außerhalb des Wake,
bemerkt alle syntaktischen, semantischen, lautlichen oder sprachlichen
Strukturen und versucht, möglichst viel von diesen Strukturen in seine
Übersetzung zu transferieren, ohne sich dabei zu fragen, warum Joyce diese und
nicht andere Strukturen gewählt hat. Und ich räume gerne ein, daß ich selbst
gewiß nicht ein solcher idealer Übersetzer bin: ich verstehe zwar tatsächlich
nichts, das stimmt schon, aber ich weiß auch nur wenig: wenig mehr nämlich,
als ich den Büchern solcher Joyce-Kommentatoren wie Roland McHugh entnehmen
kann.
Der ideale Übersetzer - der alles weiß und nichts versteht - dieser ideale
Übersetzer also versucht, all das, was er vom Text weiß, in seiner
übersetzten Version zu reproduzieren; er schafft es natürlich nicht, aber
läßt sich nicht von dem Bemühen abbringen, es zu versuchen, und die einzige
Hierarchie, die er kennt und akzeptiert, ist die Hierarchie zwischen
übersetzbaren und nichtübersetzbaren Anteilen seines Wissens über den Text.
Der Übersetzer im Sinne Arno Schmidts hingegen - jener, der glaubt, etwas zu
verstehen, weil er mit einem Lesemodell ausgerüstet ist - dieser Schmidtsche
Übersetzer etabliert unvermeidlicherweise eine andere Art von Hierarchie:
nämlich die Hierarchie zwischen solchen Informationen, die er versteht, und
solchen Informationen, die er nicht versteht; zwischen Informationen, die sein
Lesemodell stützen, und Informationen, die dem Lesemodell zuwiderlaufen;
zwischen dem, was er im Joyceschen Text für wichtig hält, und dem, was er für
unwichtig (oder sogar störend) hält. Es ist offensichtlich, daß ein solcher
Übersetzer eben jene Hierarchie übersetzt, die er dem Text übergestülpt hat,
und nicht den nichthierarchischen Joyceschen Text, auf den jeder Leser rechtens
Anspruch hätte, wenn er Finnegans Wake - oder eine Übersetzung von Finnegans
Wake - zum ersten Mal liest.
Die Wake-Übersetzung, um die es mir geht, ist freilich gerade nicht jene Art
Lesehilfe, mit der der Übersetzer nach Arno Schmidts Meinung den Leser
versorgen sollte - oder, um es noch genauer zu sagen: die mir vorschwebende
Übersetzung ist eine Lesehilfe nur für jemanden, der nicht gut genug Englisch
kann (bei mir selbst angefangen: ursprünglich übersetzte ich nur deshalb Teile
aus dem Wake ins Deutsche, um mir selbst einen Text zu verschaffen, den ich
ebenso flüssig lesen konnte wie ein muttersprachlicher englischer Leser das
Original); eine Lesehilfe ist die von mir angestrebte Übersetzung aber nicht
für jemanden, der etwas über Finnegans Wake erfahren will, ohne Finnegans Wake
selbst zu lesen. In den Augen Arno Schmidts sah Finnegans Wake aus wie eine
"Zerrgestalt", die das nötig hatte, was Schmidt eine "Entzerrung
ins Deutsche"7 nannte. Was ich im Sinn habe, wenn ich Teile aus Finnegans
Wake ins Deutsche zu bringen versuche, ist etwas gänzlich anderes und
entgegengesetztes: ich will das leisten, was ich an anderer Stelle einmal
"Transzerrung"8 genannt habe. Das soll heißen: ich will die Joycesche
"Zerrgestalt" in eine Version transferieren, die deutsche
Sprachbrocken hat, wo im Original englische Sprachbrocken zu finden sind, die
aber ansonsten ebenso ‚verzerrt' ist wie das Original.
Solange wir nicht wissen, worum es in Finnegans Wake eigentlich geht (falls es
darin überhaupt um etwas geht und das Buch nicht einfach selbst ein Etwas ist),
solange können wir auch nie sicher sein, ob nicht etwas verlorengeht, wenn wir
irgend etwas im Text verändern. Deswegen sollte der Übersetzer so wenig
verändern wie irgend möglich: also nicht frei übersetzen, wenn es eine
Möglichkeit gibt, pedantischer zu übersetzen; sich nicht verpflichtet fühlen,
in der Übersetzung einen guten deutschen Stil zu pflegen, wo schlechter
deutscher Stil der Satzstruktur im Original näherkommt (dies ist übrigens auch
der Grund dafür, daß ich glaube, ein guter Übersetzer und ein guter
Wake-Übersetzer seien zwei ganz und gar unterschiedliche Paar Schuh);
schließlich sollte man meines Erachtens versuchen, jeden Joyceschen Kalauer,
jede Doppeldeutigkeit, jede Anspielung, jeden Klangeffekt oder was auch immer im
Text vorkommt zu reproduzieren, und zwar möglichst genau an jener Stelle, wo es
auch im Original auftritt (vielleicht ist die Stelle bedeutsam - wissen kann der
Übersetzer das natürlich nicht, weil er nichts versteht.)
Meine Art und Weise, Finnegans Wake zu übersetzen, besteht also daraus, daß
ich erstens alle Informationsschichten, die ich im Original vorfinde,
identifiziere und voneinander ablöse, zweitens alle Informationsbrocken ins
Deutsche übertrage und drittens soviel wie möglich von diesen übersetzten
Informationsbrocken wieder miteinander vermenge. Dieser Ablauf klingt womöglich
simpel (was er nur theoretisch ist), und er klingt folgerichtig, doch man sollte
zur Kenntnis nehmen, daß manche Leute gänzlich andere Methoden bevorzugen.
Manche Leute ziehen es vor, nur die offensichtlichste Sinnschicht des Textes
herauszugreifen und alles andere wegzulassen; dies scheint die Methode des
französischen Übersetzers Philippe Lavergne zu sein. Manche Leute bevorzugen
es, die am wenigsten offensichtliche Sinnschicht des Textes herauszugreifen und
diese Schicht in hochstilisierter Manier zu reproduzieren; dies ist Arno
Schmidts Methode. Manche Leute greifen die offensichtlichste Sinnschicht des
Textes heraus, übersetzen nur diese Schicht und schütten völlig neue und
unangemessene koprophile Kalauer über diese Textschicht; dies ist Dieter
Stündels Methode. Manche Leute lösen alle Informationsschichten voneinander,
übersetzen die einzelnen Partikel und stellen die so erhaltenen Einzelbausteine
hintereinander, statt alles wieder zu amalgamieren; dies ist eine Methode, die
zu einem unterschiedlichen Grade mehr oder weniger von jedem Übersetzer
angewandt wird (manchmal sogar von mir, wie ich zugeben muß), doch
genaugenommen ist auch diese Methode einer der vielen Wege, auf denen man
Finnegans Wake zerstört, während man so tut, als übersetze man es: das
Besondere am Wake ist ja eigentlich nicht, daß in diesem Buch so unheimlich
viele Dinge gesagt werden, sondern das Besondere ist, daß diese vielen Dinge
immer gleichzeitig gesagt werden.
3
Arno Schmidt, „Der Triton mit dem Sonnenschirm (Überlegungen zu einer
Lesbarmachung von FINNEGANS WAKE von James Joyce)“, in Bargfelder
Ausgabe, Bd. II/3 (Zürich: Haffmans 1991), S. 31-70, hier S. 69.
4 Ebd., S. 54.
5
Klaus Reichert,
„Der Doktor Allwissend“, in Frankfurter
Allgemeine Zeitung (17. März 1970), Wiederabdruck in Über Arno Schmidt. Rezensionen vom „Leviathan“ bis zur „Julia“,
hg. v. Hans-Michael Bock (Zürich: Haffmans 1984), S. 178-80, hier S. 180.
6 Elisabeth Ruge, Reinhard Schäfer und Dirk Vanderbeke, „Digressions of the Book for Allemannen“, in European Joyce Studies 2. Finnegans Wake: Fifty Years, hg. v. Geert Lernout (Amsterdam: Rodopi 1990), S. 37-45, hier S. 45.
7
Schmidt, a.a.O., S. 70.
8
Friedhelm Rathjen, „Nöö, Euer Maddetät! Überlegungen zu Status und
Theorie der Schmidtschen Finnegans-Wake-Übersetzungen und ein Gegenentwurf“, in Zettelkasten
10. Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der
Arno-Schmidt-Leser 1991, hg. v. Rudi Schweikert (Frankfurt a.M.: Bangert
& Metzler 1991), S. 197-229, hier S. 220.
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