Dritte Wege von Friedhelm Rathjen, 2005

Friedhelm Rathjen

Ja und Nein
(Leseprobe aus: Dritte Wege - Kontexte für Arno Schmidt und James Joyce, 2005, Edition ReJoyce - Hrsg. von Friedhelm Rathjen)

JA weil so was doch noch nie jemand gemacht hatte bis dahin einen Text von dieser Länge schreiben und dabei keinen Absatz und kein Satzzeichen verwenden und im Grunde einen einzigen riesig langen Satz schreiben wo er immer so tat wie wenn er die Nachtgedanken einer einzigen Person also die nächtlichen Gedanken einer Person beim Einschlafen einer weiblichen Person wohlgemerkt aufzeichnete und das so getreulich wie man es sich besser kaum vorstellen konnte und ja nun gut da gab es den Schnitzler diesen Österreicher Arthur Schnitzler der schrieb seinen Leutnant Gustl und genau im Jahre 1900 war das ja wie um das neue Jahrhundert mit einer neuen Erzähltechnik einzuläuten der pur dargebotene Bewußtseinsstrom eines Menschen eben des Leutnants aus dem Titel wie lange wird denn das noch dauern fragt sich der Leser zu Beginn und dann immer wieder ja und dann dauert das den ganzen Text hindurch nichts anderes als Gustls innerer Monolog und das immerhin dreißig Seiten lang ja aber eben doch kräftig interpungiert und längst nicht so radikal wie beim Joyce später und außerdem die technischen Schwierigkeiten die Gestelztheiten und Bemühtheiten im Bewußtsein zu bleiben und doch alles mitzuteilen was der Leser wissen muß weil eben viel passiert rundherum und das gleiche Problem ja auch beim Dujardin ich meine diesen Franzosen den Joyce selbst ausbuddelte und später dann zum Erfinder erklärte dem Erfinder des inneren Monologs immerhin schon 1887 also dreizehn Jahre vor Schnitzler ausgerechnet dreizehn na ja und auch hier gleich die Frage nach der Dauer der Zeit die Uhr hat geschlagen sechs Uhr die erwartete Stunde und das gibts ja aber eben die Schwierigkeit wie teile ich mit was in der Außenwelt geschieht ein Hauch von Unechtheit und Joyce ja der wars dann der das Problem löste indem er nicht den Monolog pur gab sondern nur in Sprengseln als eine Art Beiseitesprechen immer zwischendurch in einem Text der ansonsten ordentlich erzählt oder dann auch zeitweise eher unordentlich aber immer schön gegeneinandermontiert innerer Monolog und Außenweltdarstellung in der einen oder anderen Weise und das siebzehn Episoden lang fast den ganzen Roman lang ja aber eben nur fast siebzehn das achtzehnte Kapitel dann als grandioser Schluß der Monolog ohne Unterbrechung und ohne alle Bemühtheiten machbar mit Erfolg Authentizität vorspiegelnd weil kein äußeres Geschehen mehr zu transportieren war denn dieses Geschehen das äußere war ja siebzehn Kapitel lang lang und breit erzählt worden brauchte dem Leser nicht mehr eigens geboten werden und dazu dann noch die Situation der Punkt der Handlung in der der Monolog erscheint das äußere Geschehen ist reduziert auf dieses eine Moment der einschlafenden Figur der einschlafenden Frau Molly heißt sie und ja eben eine Frau und Joyce läßt sie strömen ihren Monolog besser gesagt und läßt eben alle Schleusen öffnen und alle Kanalisierungsversuche weg und das heißt keine Interpunktion mehr die Sprache strömt drauflos das wars das war wirklich neu weil so was doch noch nie jemand gemacht hatte bis dahin und dann der große Schluß mit dem Wort des Einverständnisses der Einwilligung oder wie Joyce sagte ich bin der Fleisch der stets bejaht und also dieses Ende:

and I thought well as well him as another and then I asked him with my eyes to ask again yes and then he asked me would I yes to say yes my mountain flower and first I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.1

ja und Goyert seiner war der erste der in deutscher Sprache rauskam der erste Ulysses und wie da in der deutschen Literatur alles in den Startlöchern lag in den Endzwanzigern und Georg Goyert brachte also da den Joyce verdeutscht rein und Döblin und Jahnn waren ganz heiß hinterher ja und dann der Tucholsky mit seinem Liebigs Fleischextrakt und ahnte doch gleich was los war stocksteif stand er da der Goyert mit seiner autorisierten Eindeutschung ja und so einmal oder zweimal hat ihn ja direkt jemand im Verdacht gehabt wo sich dann einer gesagt hat das müssen wir uns doch mal näher anschauen wie der Arno Schmidt dann manches Haar fand in der Suppe ja Suppe aus Liebigs Fleischextrakt und dann schon sowieso wie er sich verteidigte und er so tat wie wenn ihm keiner das Wasser reichen könne aber verwässert hin oder her er hats immerhin irgendwie hingekriegt und das Buch rübergekriegt ins Deutsche von Anfang bis eben zu dem Ende dem dickbesagten:

und da dachte ich er so gut wie ein anderer und dann bat ich ihn mit den Augen mich noch einmal zu fragen ja und dann bat er mich ob ich wollte ja ja zu sagen meine Gebirgsblume und dann umschlangen ihn meine Arme ja ich zog ihn herab zu mir dass er meine duftenden Brüste fühlte ja und ganz wild schlug ihm das Herz und ja ich sagte ja ich will Ja.2

ja also ich glaube der andere hat sie direkt ein bißchen fester gemacht also der der nächste der zweite der Wollschläger der es dann wieder versuchte das Ding zu verdeutschen indem er den Joyceschen Nektar so lange gesaugt hat die Leser waren richtig durstig geworden nachdem der Schmidt doch erklärt hatte sie wüßten nicht wie der Ulysses eigentlich schmecke ja also da hat der Wollschläger sich die Sache mal vorgenommen und hat die Suppe direkt noch mehr angedickt und etwas mehr Würze reingetan und so ja und das klang doch dann schon mal ganz anders:

und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daß er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.3

ja frsiiiiiiiifronnnng auf einen Zug irgendwie pfeift dies Zeugs da runter also was dieser Joyce für Kraft in sich hat wie große Riesen und der Fluß schäumt nach allen Seiten über und aus den Buchseiten raus ja und dies Zeugs ist ja auch nicht zu Unrecht so berühmt geworden die armen Männeken die gegen Joyce anzuschreiben versucht haben ganz und gar chancenlos ja und so wurd er halt der berühmteste von allen und vor allem eben dies eine Buch der Ulysses und daraus eben vor allem Mollys Schlußmonolog ja mehr als jedes andere Kapitel wurde sogar separat als Buch verscherbelt Penelope als wäre der Witz nicht gerade daß es erst ganz am Schluß kommt eben nach den siebzehn andern Kapiteln na ja einer hat sogar am Schluß zu übersetzen angefangen und bloß diese Penelope eingedeutscht wollte dem Kenner in Fritzerland eine Freude machen und konnte dann nicht in die Festschrift aufgenommen werden nein weil der Ekelenkel die Festschrift ja zur Fastschrift zu reduzieren suchte ja also gabs nur diesen geheimen Privatdruck ja oder nein eher privaten Geheimdruck oder wie man sagen sollte und darin also die Version dieses Mannes aus Augsburg also ein Bayer auch das noch Volxleben oder was also die Version von Harald Beck nicht Beckett nur Beck nicht Herold nur Harald und endet entsprechend:

und ich hab gedacht na gut er so gut wie n andrer und dann hab ich ihn mit den augen gebeten noch mal zu fragen ja und dann hat er mich gefragt würd ich ja daß ich ja sag meine bergblume und erst hab ich ihn in die arme genommen ja und ihn runtergezogen zu mir daß er meine brüste spüren konnt alles parfümduft ja und sein herz hat geklopft wie verrückt und ja hab ich gesagt ja ich will Ja.4

ja sie sind ja alle so verschieden der eine Übersetzer schreibt wien linker Fuß der andre wien rechter ja aber es gibt ja auch Rechtshänder und Linkshänder müßte ja wohl eigentlich oft auch eher Rechtsfüßer und Linksfüßer heißen ja bei Fußballern gibts auch welche die können beides und ja ganz berühmte auch bloß reden können sie nicht wenn man mal versucht zuzuhören und da einer bloß immer mit dem Fuß wippt und ja rüberguckt zur Seite und nichts kann außer Kicken und Berühmtsein und ja am berühmtesten von dieser Penelopeepisode eben diese paar letzten Zeilen die Bekräftigung das Fleisch das stets bejaht ja ja das Fleisch und natürlich ists ein fleischliches ja und jeder weiß es Molly als Mutter Natur und die Natur der Sache und deswegen kann dann einer auch einfach hingehen und das ja auswechseln gegen den anderen Begriff von wegen Kick das Fleisch für das er ja steht ja und dieser Kerl der das macht dieser Schreiberling Männeken na ja man immer vorsichtig so schlecht ist er nicht jedenfalls also Marcel Beyer heißt der und legte 1991 also genau fünfzig Jahre nach Joycens Tod seinen Roman vor heißt das Menschenfleisch na ja eben das Menschenfleisch das stets bejaht und da am Ende des zehnten Kapitels da kommt dann also dies Zitat mit dem der Beyer na ja sagen wir mal den deutschen Ulysses wieder zum englischen zurückrückt:

und dann fragt ihm mit mein Aug zu frag noch mal SEX und dann er fragt mich ob ich SEX zu sag SEX mein Berge Blume und erst ich legt mein Arms darum er SEX und zog ihn her zu mir so er konnt fühln mein Brust all Parfüm SEX und sein Herz war schlagend wie wild und SEX ich sagt SEX ich will SEX5

ja also das war ja doch eine Erleichterung fasse dich kurz laß einen Furz wer weiß vielleicht war der Schweinkram den mancher darin sah gar nicht mal so übel ja aber andererseits gibts dann auch welche die sich verweigern die die Erleichterung weniger deutlich ausgebreitet haben wollen oder so ja nehmen wir zum Beispiel diese Sache mit dem Nachttopf die Kammermusik ja eben die urinierende Nymphe also das mag nun sicher nicht gleich jeder respektive jede ja so quasi öffentlich in Schwällen pinkeln und dazu in Schwällen reden wie man denkt und denken wie man redet und deshalb dann eben diese Verweigerung beispielsweise bei der namenlosen Dame von Julián Ríos na ja was heißt namenlos M steht über diesem kurzen Prosastück M wie Molly oder vielleicht auch M wie Becketts Helden benannt nach dem dreizehnten Buchstaben des Alphabets ausgerechnet dem dreizehnten na jedenfalls ja die M bei Julián Ríos verweigert sich der steten Fleischesbejahung wo heißet ja sie sagt nicht ja und ja sie strömt nicht er interpungiert sie ja und das endet dann eben ja anders:

meine szenische Version oder Perversion einer Sommernachtsillusion in Dublin tendre, aber sie weigerte sich rundweg, die Szene mit dem Nachttopf zu proben, bei der sie in Schwällen redete, dieser Alltagsstrom, und mit ihrem irischen Akzent sagen sollte L'odore, L'eau d'or, je suis ravie, glücklich unter dem Goldregen, die Wasser von Lahore oder des Orinoko jetzt, geh zum Teufel!, und sagte nein ich will nicht Nein.6

nein das ist doch keine Art bei der hier die hat überhaupt keine Manieren und überhaupt kein Benehmen weil sie beides haben will und überhaupt kein gar nichts in ihrer Natur einem derart ins Gesicht zu schlagen ja also nein widernatürlich ist das und das nicht nur bei Ríos nein auch bei diesem Priessnitz dem Österreicher Reinhard Priessnitz also was manche doch für Namen mit sich rumschleppen den sollte man glatt Miesnitz nennen so wie der drauf ist ja also nein der veröffentlichte jedenfalls vierundvierzig Gedichte unter genau diesem Titel aber klein also vierundvierzig gedichte 1978 in Linz und eins davon heißt lied für die silbe NO und hat sechs Strophen und die letzte die sechste also und ja eben es ist die letzte die schlägt wie die M von Ríos aus der Joyceschen Art:

MoNOlog Nora: ... "or shall I wear a red
NO and how he kissed me under the Moorish
wall and I thought well as well him as
aNOther and then I asked him with my eyes
to ask again NO and then he asked me would
I NO to say NO my mountain flower and first
I put my arms around him NO and drew him
down to me so he could feel my breasts
all perfume NO and his heart was going
like mad and NO I said NO I will NO."
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ja wer weiß vielleicht ist irgendwas innerlich mit manchen nicht in Ordnung daß sie immer widersprechen müssen oder sie haben ein Gewächs in sich drin wo sie die Sachen doch praktisch jede Woche derart bekriegen beispielsweise dieses Gewächs von dem Joyce da vielmehr das Gewächs von dem Gewächs von dem Joyce da ja also der Nachnachfahr der Enkel also der immer mit seinem nein bei dem ist doch nichts mehr Natur ich bin der Geiz der stets verneint ja und dann als diese Sängerin da die Bush heißt Kate Bush ja als die also den Monolog Mollys vertonen wollte oder das Ende davon ja jedenfalls hieß es dann wieder nein und ist doch wirklich schade einerseits na ja andererseits hat sie dann ihren eigenen geschrieben ihren eigenen Monolog ganz nach Molly und ist dann auch endlich der Frauenmonolog in der Fassung einer Frau vonwegen Jung C G Carl Gustav die Methode mit der man aus Gustav Gasthof macht der jedenfalls ja der meinte doch Joyce habe von der Seele einer Frau mehr Ahnung als er selber ja ja na was heißt Seele never mind my soul just get my tie right jedenfalls die Kate Bush als Frau die stets sich wagt nimmt sich Mollys sinnliche Rolle und schreibt sie neu und schreibt sie um und das ganze heißt The Sensual World und geht dann ums Umschreiben und Neuschreiben selber und nimmt die Verneinung und Verweigerung zurück und na ja nimmt aber selbst auch eine Umkehrung vor genug von den Bergblumen genug vom geduldigen Papier und ab gehts in die Welt der Sinne:

Stepping out, off the page into the sensual world
And then our arrows of desire rewrite the speech, mmh, yes,
And then he whispered would I, mmh, yes
Be safe, mmh, yes, from mountain flowers?
And at first with the charm around him, mmh, yes,
He loosened it so if it slipped between my breasts
He'd rescue it, mmh, yes,
And his spark took life in my hand and, mmh, yes,
I said, mmh, yes,
But not yet, mmh, yes,
Mmh, yes.
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Westerholz - Jeersdorf - Scheeßel, 1979-2002

1      James Joyce, Ulysses, hg. v. Hans Walter Gabler et alii (Harmondsworth: Penguin 1986 / Student’s Edition), 14.1524-25., 18.1604-1608.

2      James Joyce, Ulysses, üb. v. Georg Goyert (Zürich: Rhein-Verlag 1930), Bd. 2, S. 611.

3      James Joyce, Ulysses, üb. v. Hans Wollschläger (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1975), S. 1015.

4      James Joyce, Ulysses. „Penelope“, üb. v. Harald Beck für Fritz Senn (Augsburg: Privatdruck 1998), S. 43.

5      Marcel Beyer, Das Menschenfleisch (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1991), S. 68.

6      Julián Ríos, „M“, in Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 38 (Oktober 1991), S. 92-95, hier S. 95.

7      Reinhard Priessnitz, „lied für die silbe NO“, in ders., vierundvierzig gedichte (Linz: edtion neue texte 1978), S. 17.

8      Kate Bush, The Sensual World (LP EMI-Electrola 064-7 93078 1, Titelsong), zitiert nach der Textbeilage.

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