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Mit unbekanntem
Ziel
(aus: Mit
unbekanntem Ziel, Roman, Frankfurter
Verlagsanstalt, Übertragung Christiane Kuby)
1
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Raya Mira Salomon verschwand am Abend des 31. August 1997 nach bewährtem
Rezept: Sie verließ das Haus, um sich in der Kneipe an der Ecke Zigaretten zu
holen, und kam nicht mehr zurück.
Im Nachhinein erstaunt es mich nicht, dass sie so verschwand, denn sie hatte
einen Hang zu Klischees: So glaubte sie etwa, Omo wasche weißer, weil das Haus
ihrer Großmutter danach gerochen hatte, und französische Autos konnte sie
nicht ausstehen. An ihren Klischees hielt sie halsstarrig fest, für sie waren
es natürlich keine, sondern Prinzipien, wodurch sie sich moralisch absicherte,
auch wenn von "moralisch" oder "unmoralisch" gar keine Rede
sein konnte, weil es einfach um Vorlieben ging.
Ich habe mich oft gefragt, ob sie nicht auf elegantere Weise hätte weggehen können:
ein stilles Verschwinden nach einem langen Spaziergang am Strand, eine einsamen
Wanderung in den Bergen, die keinerlei Spuren hinterlässt - jedenfalls etwas
weniger Banales als das Holen einer Schachtel Zigaretten -, oder ob dieses
Verschwinden für sie ebenso trivial war wie der Kauf eines Päckchens Omo,
etwas so Unbedeutendes, dass man es gedankenlos tut.
Der Wirt hatte sie als Letzter gesehen, sie hatte bei ihm Zigaretten gekauft und
trank noch einen Whisky an der Bar. Es war ein ruhiger Abend. Draußen regnete
es in Strömen, und da die Kneipe vor allem auf Passanten angewiesen ist, blieb
die Kundschaft aus. Der Mann erinnerte sich, dass sie sich die Lippen nachzog,
bevor sie wieder hinausging, sonst war ihm nichts Besonderes aufgefallen.
Auch ich ahnte an jenem Tag nichts von dem, was kommen würde. Wie jedes Jahr
feierten wir den Geburtstag unserer Tochter mit einer Flasche Wein aus ihrem
Geburtsjahr. 1991 war ein hervorragendes Weinjahr gewesen, besonders für die
Riojas, die mit den Jahren immer besser werden. Ich hatte einen Clos Abadia
Raimat geöffnet, der trotz seines relativ geringen Alters viel Sauerstoff
braucht, um sein Bukett voll zu entfalten. Am Nachmittag hatten wir die Flasche
entkorkt, anschließend einen Whisky getrunken, um unsere Zungen zu lösen. Raya
Mira war eine schweigsame Frau. Sogar während der Schwangerschaft trank sie tüchtig,
weil sie, wie sie sagte, keine Lust habe, neun Monate lang zu schweigen.
Daher war es für uns nichts Ungewöhnliches, erst einmal einen Whisky zu
trinken; wir saßen auf der Terrasse unter dem Balkon, und es regnete, wie es
nur an heißen Nachsommertagen regnen kann. Zwischen unseren Gläsern stand der
Wein und nahm den Ozon in sich auf. Schweigend blickten wir auf die
Rhododendronschösslinge, die sich unter den Wassermassen bogen; das Wasser aus
dem undichten Regenrohr, das ein Loch in die Erde schlug.
Raya schenkte sich ein zweites Glas Whisky ein. Auch daran war nichts Ungewöhnliches.
Sie war sehr beherrscht in ihrer Maßlosigkeit, manchmal ein Glas, manchmal zwei
Gläser über den Durst, nie bis zur Betrunkenheit und selten mit der Absicht,
etwas Wichtiges mitzuteilen.
"Der Rhododendron ersäuft", sagte sie, als es aufgehört hatte zu
regnen.
In der Stille nach dem Wolkenbruch lauschten wir den fallenden Tropfen und
blickten auf die zarten P?änzchen, die bis zum vorletzten Blatt im Wasser
standen.
Der Garten war nie meine Idee gewesen, ich bin kein Gartenfreund. Ebenso wenig
habe ich bei Raya eine besondere Liebe zu Pflanzen entdecken können. Die
Blumen, die ich ihr mitbrachte, warf sie achtlos in den Mülleimer, sobald sie
ihre Blätter hängen ließen, nie wäre sie darauf gekommen, das Wasser zu
erneuern oder die Stiele noch einmal abzuschneiden. Und doch war sie es gewesen,
die plötzlich Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um dieses Stückchen Land
zu erstehen, auch wenn wir dafür eine ganze Menge opfern mussten: sie ihr Dünenhaus,
ich meine Etagenwohnung in der Innenstadt. Doch es ging ihr gar nicht um den
Garten, begriff ich später, und nicht einmal um das Kind, das sie damals schon
heimlich trug. Wir wohnten noch keine vierundzwanzig Stunden in unserer neuen
Wohnung, da sah ich Raya in der Kühle des Oktobermorgens auf der Terrasse
sitzen, die Hände um eine Tasse Kaffee gepresst, den Blick auf unendlich
gestellt.
P?ichtbewusst p?anzte sie später die Rhododendren, die sie von ihrer Mutter
geschenkt bekam, und setzte jedes Jahr obsessiv die Stecklinge, weil sie wusste,
wie groß die Sterblichkeitsrate unter ihren Händen war. Im Nachsommer sagte
sie: "Der Rhododendron ersäuft", im Winter: "Der Rhododendron
erfriert", und im Sommer: "Der Rhododendron vertrocknet". Und saß,
zu jeder Jahreszeit, allmorgendlich um Viertel nach sechs auf der Terrasse und
starrte an den Rhododendren vorbei ins Nichts.
Wohin verschwindet man an einem Abend im August, wenn man so schön ist wie Raya
Mira Salomon? Die Lippen geschminkt wie immer, die Nägel rot lackiert, das Haar
mit einer einzigen Nadel hochgesteckt. Trotz der drückenden Hitze trug sie eine
Lederhose, dafür aber keine Strümpfe; die Zehennägel hatte sie sich lackiert,
wie um den Füßen ein gewisse Würde zu verleihen. Raya hielt ihren Körper in
Ehren, wenig an ihr verriet, dass sie ein Kind getragen hatte. Ein kleines,
elegantes Bäuchlein, das sich nicht mehr glätten ließ, trug sie wie eine
Mutterschaftstrophäe, genau wie die Lachfältchen um die Augen und die paar
Dutzend grauer Haare.
Es dauerte einen Moment, bis ich mir vergegenwärtigen konnte, was sie an dem
Abend angehabt hatte, dazu musste ich ihren Kleiderschrank genau durchsehen.
Mich störte diese Gedächtnislücke nicht, aber die Ermittlungsbeamten
brauchten die Information für eine exakte Suchmeldung. Auch deren Wichtigkeit
entging mir in dem Moment. Raya muss das Seidenjäckchen getragen haben, das ich
ihr irgendein Weihnachten geschenkt hatte, und das Bustier, das sie sich für
einen Pappenstiel bei der Hema gekauft hatte.
Raya kaufte gern bei der Hema ein, das war vergleichbar mit Omo, eine Überzeugung,
die durch nichts zu erschüttern war.
Ich schenkte die Weingläser voll und ging in die Küche Brot schneiden. Das
Tropfen aus der Regenrinne verwandelte sich in ein leises Rauschen.
"Ich hole mir nur rasch Zigaretten", sagte sie und fuhr in die
Sandalen, die an der Küchentür standen.
Das ist das letzte Bild, das ich von ihr habe: zehn rote Zehennägel in offenen
Schuhen auf der Fußmatte vor der Küchentür.
"Es fängt wieder an zu regnen", rief ich ihr nach, doch da war sie
schon weg.
Wohin geht man mit lackierten Nägeln, offenen Schuhen und einer Lederhose, die
keinen Regen verträgt? Die Kneipe ist ein paar hundert Meter entfernt, Raya ist
wahrscheinlich gerannt, um vor dem Guss anzukommen, doch als sie eintrat, war
sie schon nass. Der Wirt gab ihr ein Geschirrhandtuch, mit dem sie sich das
Gesicht abtrocknen konnte, daran erinnerte er sich noch, es sei etwas
Lippenstift darauf gewesen.
In den Wochen nach ihrem Verschwinden tauchten diese Füße ständig in meinen
Träumen auf. Kokette Fußnägel, die wie Blumen aus der Erde sprossen, in der
der Mörder sein Opfer begraben hatte. Rote Flecken in der Entengrütze des
Grabens, in den sie hineingelaufen war. Abgerissene Zehen, die sich rot gegen
die grauen Kieselsteine einer Bahnlinie abhoben.
Später tauchten sie auch tagsüber auf: Ihre Zehennägel lagen auf dem Markt
zwischen den Himbeeren, stachen aus den Tulpen des Blumenhändlers heraus, waren
der Paprika in den Oliven.
Ich weiß noch, dass der Wein außergewöhnlich war. Ich hatte auf sie gewartet,
um mit ihr anzustoßen. Diesen Augenblick liebten wir beide besonders: Brot
essen, Wein trinken, das Bündnis zu Ehren des Geburtstags unserer Tochter
erneuern.
Ich wartete, bis der Regen aufgehört hatte, Raya Mira war jetzt eine gute
Stunde fort. War da ein Schauder, wunderte ich mich, empfand ich Angst? Eine
stille Verzwei?ung überkam mich, als mir klar wurde, dass ich etwas unternehmen
musste, dass es ungewöhnlich war, dass sie, meine Frau, einfach so wegblieb.
Doch wie die Betäubung beim Zahnarzt allmählich dem unterschwelligen Schmerz
weicht, so fühlte ich eine Betäubung in mir aufsteigen - von den Füßen über
die Knie den Rücken hinauf, über die Ellenbogen zum Hals -, eine Betäubung,
die den Schmerz einschläferte, der noch kommen sollte.
Mir blieb nichts anderes übrig, als das Glas zu heben und den Wein zu trinken.
(Das erste Mal, als meine Tochter an meiner Nase nuckelte - sie muss sehr klein
gewesen sein, muss geglaubt haben, es sei die Brustwarze, ihre Lippen pressten
sich um meine Nasenspitze, ihre Backen bewegten sich heftig, voller Verlangen
nach der Milch, die gleich sprudeln würde -, es war reine Poesie, ein Genuss,
der weit über alles Sinnliche hinausging.)
Der Schluck, den ich an jenem Abend nahm, war wie der Mund meiner Tochter um
meine Nasenspitze. Es war der beste Wein, den ich je gekostet hatte.
Bei Tagesanbruch klingelte es. Ich habe nicht geschlafen in jener Nacht, obwohl
ich auch nicht bei vollem Bewusstsein war. Ich muss gewacht haben, wie ein Hund
seinen Hof bewacht, der Körper im Ruhezustand, die Ohren gespitzt. Die Klingel
erschreckte mich nicht, mit allen Fasern war ich bereit für diesen Augenblick.
Sollte sie ihre Schlüssel vergessen haben? Sie hatte keinen Schlüsselbund
mitgenommen, das wusste ich. Ihre Eitelkeit verbietet ihr, die Taschen ihrer
Hose zu benutzen. Also schellt sie, es ist fünf Uhr früh, sie wird sagen:
"Ich geh schlafen, bis später!" - denn nichts ist für sie so
dringend, dass es sofort besprochen werden muss.
Sollte sie sich für den einen Seitensprung, den ich je gemacht habe, gerächt
haben? Sollte sie ihrem Helden begegnet sein? Ich würde die Tür öffnen ohne
eine Miene zu verziehen, würde sie ausziehen und ins Bett legen und mich dann
zufrieden unter die Dusche stellen nach dieser denkwürdigen Nacht. Und später
würde ich sie - stolz auf meine Selbstbeherrschung und ganz kurz froh darüber,
sie demütigen zu können - fragen: "Und, wie war es? Das erste Mal?"
Die Dumpfheit verließ meinen Körper allmählich. Erst taute mein Kopf auf, das
Klopfen des Regenrohrs hallte noch in meinem Schädel nach. Finger und Zehen
bitzelten vor Kälte; das Auge, bisher nach innen gewandt, sah die Sonne
aufgehen und sah den kleinen Rhododendron, der die Sint?ut der vergangenen Nacht
überlebt hatte.
Es war fünf Uhr morgens, und es hatte geklingelt.
Vor mir stand der Wirt der Kneipe, in die Raya zum Zigarettenholen gegangen war,
und hielt ihre Sandalen in der Hand. Lässig baumelten sie an seinen Fingern,
und in dem Augenblick kam es mir zu Bewusstsein: Sie sind leer.
Rayas Sandalen, in denen sie gestern das Haus verlassen hatte. Ohne Nägel, ohne
Füße, ohne Frau.
Der Wirt sah mich prüfend an. Ich nahm die Sandalen in Empfang, bedankte mich
und schloss die Tür. Ich kam nicht auf den Gedanken, ihm die Fragen zu stellen,
die man in so einer Situation stellt. Was machen Sie hier um fünf Uhr in der Früh?
Wann hat sie Ihre Kneipe verlassen? Und wie - mit wem?
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