Cox oder der Lauf der Zeit von Christoph Ransmayr, 2016, S. FischerChristoph Ransmayr

Cox oder der Lauf der Zeit
(Leseprobe aus: Cox oder der Lauf der Zeit, Roman, 2016, S. Fischer).

1 Háng zho¯u,

die Ankunft

Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen

Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qianlong,

der machtigste Mann der Welt und Kaiser von

China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhandlern

die Nasen abschneiden lies.

Nebelbanke zogen an diesem milden Herbsttag uber

das glatte Wasser des Qiantang, dessen sandiges, in

Nebenarmen zerfliesendes Bett von mehr als zweihunderttausend

Zwangsarbeitern mit Schaufeln und Korben

vertieft worden war, damit gemas den Wunschen

des Kaisers ein Fehler der Natur korrigiert werde und

dieser Flus, schiffbar gemacht, das Meer und die Bucht

von Hang zho ̄u mit der Stadt verbinde.

Das Nebeltreiben verbarg das Schiff des Ankommlings

immer wieder vor den Blicken der Menschenmenge,

die sich auf dem dicht am Hafen gelegenen

Richtplatz versammelt hatte. Nach dem Polizeiprotokoll

waren es zweitausendeinhundert Zuschauer, Zeugen

der Unfehlbarkeit und Gerechtigkeit des Kaisers

Qianlong, viele von ihnen festlich gekleidet, die den Auftritt

des Scharfrichters plaudernd oder ehrfurchtig

schweigend erwarteten und dabei den Dreimaster aus

den Flusnebeln heranschweben, immer wieder darin

verschwinden und mit jedem neuerlichen Auftauchen

bedrohlichere Gestalt annehmen sahen. Was fur ein

Schiff!

Selbst einige der an Pfahle geketteten Verurteilten

hoben den Kopf und blickten nach dem lautlos driftenden

Barkschoner mit seinen tiefblauen Schrat- und

Rahsegeln, wahrend die um das Schafott Versammelten

vergessen zu haben schienen, das alle Aufmerksamkeit

dieser Welt doch allein dem Kaiser und den Vollstrekkern

seines Willens zustand, allein dem Sohn des Himmels

gehorte, der jede Zuwendung und jeden Blick nur

gnadenhalber mit anderen Menschen und Dingen teilte:

Keine Flutwelle, kein Vulkanausbruch und kein Erdstos,

nicht einmal die Verfinsterung der Sonne konnten

auch nur einen einzigen Gedanken rechtfertigen, der

sich ohne Erlaubnis vom Glanz und der Allmacht des

Kaisers ab- und den Tatsachen der gewohnlichen Welt

zuwandte.

Der Kaiser hatte mit der Vertiefung des Qiantang gezeigt,

das sein Wille eine ganze Stadt ans Meer versetzen

und das Meer bis an die Garten und Parks von Hang

zho ̄u heranfuhren konnte. Einlaufende Schiffe wurden

seither vom Gezeitenschwall wie eine Opfergabe des

Ozeans bis an die Kais und Speicher der Stadt herange11

tragen, wahrend der mit dem Wechsel von Ebbe und

Flut seine Fliesrichtung umkehrende Flus als ein Spiegel

kaiserlicher Macht ganze Flotten tragen konnte.

Aber was galt ein Allmachtiger, dessen Gesetze jede

Regung des Lebens, den Lauf eines Flusses, Kustenlinien,

selbst das Augenspiel und die geheimsten Gedanken

bestimmten, wenn ein noch nie gesehener Grossegler

uber das schwarze, nach der Kalkmilch der Gerber

stinkende Wasser des Qiantang heranglitt? Und der Kaiser

war unsichtbar. Das Schiff dagegen war es nicht –

oder war den Blicken zumindest immer nur fur einige

Herzschlage entzogen, bevor die Nebelschwaden es

wieder in eine untrugliche Wirklichkeit entliesen.

Rezension I Buchbestellung IV12 LYRIKwelt © S. Fischer