Atlas eines ängstlichen Mannes von Christoph Ransmayr, 2012, S. FischerChristoph Ransmayr

Fernstes Land
(Leseprobe aus: Atlas eines ängstlichen Mannes, Prosa, 2012, S. Fischer).

Ich sah die Heimat eines Gottes auf 26°

28H südlicher Breite und 105° 21H westlicher Länge: eine

menschenleere, von Seevögeln umschwärmte Felseninsel

weit, weit draußen im Pazifik. Mehr als dreitausendzweihundert

Kilometer waren es von diesen umbrandeten,

baum- und strauchlosen Klippen ohne Süßwasser, ohne

Gras, ohne Blütenpflanzen und Moos bis zur chilenischen

Küste, von wo mein Schiff vor einer Woche mit Kurs auf

Rapa Nui, die Osterinsel, ausgelaufen war.

An die Reling gelehnt, an der ich mich wegen der hohen

Dünung immer wieder mit beiden Händen festhalten

mußte, beobachtete ich seit einer Stunde, wie der am

Ende kaum dreißig Meter aus dem Wasser ragende Umriß

der Insel zwischen Wellenbergen aufgetaucht, wieder

versunken und schließlich doch über den Horizont gestiegen

war und nun dem Schiff so nahe kam, daß die verwehenden

Wasserstaubfahnen der gegen die Felsen donnernden

Brecher Bullaugen und Ferngläser beschlugen.

Daß dieses unter der Märzsonne glühende, wüste Stück

Land überhaupt in Sicht gekommen war, lag an einem

Hunderte Seemeilen langen Ausweichmanöver, mit dem

der Kapitän die Ausläufer eines riesigen, von Kap Hoorn

ausgehenden Sturmtiefs umschiffen wollte. Die Dünung,

selbst hier und bei strahlendem Himmel immer noch

acht bis zehn Meter hoch, ließ bedrohliche Rückschlüsse

auf die Wellenhöhen und Sturzseen in unserem ursprünglichen

Fahrwasser zu.

Der Name Friedlicher oder Stiller Ozean, hatte der Kapitän

seine allmorgendlichen, über Bordlautsprecher bis

an festgeschraubte Betten und Frühstückstische übertragenen

Durchsagen zu Position, Luftdruck, Seegang und

Kurs beendet, sei schon zur Zeit seiner ersten Befahrung

durch europäische Seeleute bloß der Name einer vergeblichen

Hoffnung gewesen. Der Pazifik, hier im Süden

oder Tausende Seemeilen weiter in alle Richtungen der

Windrose, sei weder stiller noch friedlicher als andere, auf

weniger schöne Namen getaufte Meere und erhebe sich

nicht anders als diese unter dem Druck von Stürmen und

der Anziehungskraft des Mondes zu Wassergebirgen, die

man ohne Not besser nicht durchquerte.

Aus kartographischer Sicht war die vulkanische Felsformation

vor uns nur der kahle, umtoste Gipfel eines

dreitausendfünfhundert Meter aus der Tiefsee hochragenden

Berges, der auf den Seekarten als Salas y Gómez

verzeichnet war und so an zwei, am Ende doch vergessene,

spanische Kapitäne erinnern sollte – der eine hatte

die nur wenige hundert Meter messende Felsformation

als erster Europäer gesichtet, der andere hatte sie ein Lebensalter

danach betreten und kartographiert.

Aber die Rapa Nui, sagte ein erschreckend dünner

Mann, der sich neben mir an der Reling festhielt, jenes

rätselhafte Volk, das um den Preis des eigenen Untergangs

die Osterinsel mit nahezu tausend Steinstatuen ge-

schmückt hatte, seien schon Jahrhunderte vor diesen

vermeintlichen Entdeckern mit Binsenflößen über eine

Distanz von fast vierhundert Kilometern immer wieder

hierher gesegelt und gerudert und hatten diesem Ort

einen schöneren, viel schöneren Namen gegeben: Manu

Motu Motiro Hiva. Das sei manchmal mit Vogelinsel auf dem

Weg in fernstes Land, aber auch mit Insel auf dem Weg in die

Unendlichkeit übersetzt worden. Denn aus welchen Tiefen

der polynesischen Inselwelt die Rapa Nui ursprünglich

auch immer gekommen waren, sagte der dünne Mann,

am Ende hatte sich in ihren Überlieferungen wohl jede

Erinnerung an den Ort ihres Ursprungs und an alles Festland

verloren und der Überzeugung Platz gemacht, daß es

außer ihnen keine Menschen auf dieser Welt gab und in

einem unendlichen Ozean unter einem unendlichen

Himmel kein Land neben ihrer eigenen Insel.

Ich hatte Mühe, den dünnen Mann zu verstehen.

Nicht allein wegen des Tosens von Wasser und Wind oder

weil jene seltsame Mischung aus Englisch und Spanisch,

die er sprach, immer auch Worte aus einer oder mehreren

Sprachen enthielt, die ich noch nie gehört hatte, sondern

vor allem, weil auch jetzt und wie schon bei unseren

Begegnungen in den vergangenen Tagen, stets in der

Schwebe blieb, ob er mit mir oder bloß mit sich selber

sprach – über die Reling hinweg aufs Meer.

Was für ein Schock mußte es gewesen sein, sagte er, als

die Rapa Nui auf einem ihrer ausgedehnten Fischzüge,

vielleicht auch bloß nach einer durch Strömungen und

Stürme erzwungenen Irrfahrt, auf diese Vogelinsel gestoßen

waren. Ein Schock, der sie am Ende glauben ließ, die

Heimat eines Gottes gefunden zu haben. Denn wenn es

in dieser Unendlichkeit tatsächlich noch ein zweites Land

gab, dann mußte dort, sichtbar oder unsichtbar, der wohnen,

dem das Dasein der fernen Heimat und von Himmel

und Erde und allem, was im Wasser oder an der Luft lebte,

zu verdanken war – ein Allmächtiger, den sie Make-Make

nannten.

Der dünne Mann war auf dem Weg von Puerto Montt

nach Hause, nach Hanga Roa, dem nach einer jahrhundertelangen

Geschichte der Entvölkerung einzigen noch

bewohnten Ort der Osterinsel. Sein Vater, hatte er schon

am ersten Abend nach dem Auslaufen aus Puerto Montt

in der Bar auf dem Achterdeck erzählt oder auch bloß vor

sich hin gesagt, sei ein Argentinier gewesen, der sein Leben

auf Ölbohrinseln verbracht habe, seine Mutter aber

eine Rapa Nui.

Das weite, mit Meeresfischen auf tiefblauem Grund

bedruckte Buschhemd, das den dünnen Mann umflatterte,

war durchnäßt von der Gischt, die manchmal bis

zum Handlauf der Reling hochschäumte, und wenn der

Wind den nassen Stoff für einen Augenblick an seinen

Brustkorb drückte, erschien seine Gestalt noch zerbrechlicher

und abgezehrter. Der dünne Mann war mir bereits

am ersten Morgen nach dem Auslaufen am Frühstücksbüffet

aufgefallen, als er ein Stück Lachs, dann ein Stück

Schinken, dann ein Stück Honigmelone auf seinen Teller

gelegt, einen Augenblick innegehalten und dann Schinken,

Lachs und Melone doch wieder auf den überladenen

Altar des Büffets zurückgelegt und zu einer Schale Tee

nur ein Stück dunkles Brot gegessen hatte.

Richtig, sagte er später, es war im Verlauf eines langen

Abends, am dritten oder vierten Tag unserer Bekanntschaft,

Essen sei für ihn oft eine quälende Verpflichtung.

Eigentlich habe er niemals Hunger und müsse sich manchmal

selbst zum Trinken zwingen. Und dennoch verfolge

ihn das Gefühl, so schwer und massig wie eine der Moais,

der kolossalen Steinfiguren auf der Osterinsel, zu sein, für

deren Herstellung und Transport die Rapa Nui über die

Jahrhunderte alle ihre Kräfte erschöpft und ihre Palmenwälder,

ihre Fischgründe, ihre Gärten und Felder und

schließlich sogar den Frieden zwischen den Clans der Insel

geopfert hatten.

Diese Figuren, die alle dem Meer den Rücken zuwandten

und so ausnahmslos ins Landesinnere und damit

vielleicht sogar ins Innerste ihrer Bewohner starrten,

seien lange Zeit Monumente eines Ahnenkults gewesen,

der die Gegenwart mit der Ewigkeit verbinden sollte.

Aber nach und nach seien sie zu Macht- und Statussymbolen

verkommen und gewachsen und größer, immer

größer geworden und hatten schließlich das Leben auf der

Insel aufzufressen begonnen.

Im Tuffsteinbruch Rano Raraku, aus dem fast alle der

Moais geschlagen und dann zu den über die ganze Osterinsel

verstreuten Zeremonialplattformen, Ahus, geschleppt

worden waren, sagte der dünne Mann, seien noch heute

nebeneinander und übereinander und immer noch mit

dem Fels verwachsene Kolosse von zwanzig Metern Höhe

und mehr zu sehen – und konnten dort nun bis in alle

Ewigkeit darauf warten, endlich vom Fels gelöst, aufgerichtet

und in mühseligen Prozessionen auf rollenden Pal-

menstämmen zu ihren Ahus transportiert zu werden.

Denn am Ende hatten die Rapa Nui, versklavt von ihren

eigenen steinernen Geschöpfen, ihre Insel in ein baumund

strauchloses Ödland verwandelt und hatten keine

Mittel und keine Kräfte mehr für die Fertigstellung und

Bewegung der vermeintlich mächtigsten, in Wahrheit

aber bloß letzten Kolosse.

Der Hunger!, war der dünne Mann überzeugt, der

Hunger sei vielleicht die verborgene und wahre Bestimmung

dieses Volkes, seines Volkes, gewesen. Denn als

alles, was zu fällen war, gefällt, alles, was zu fischen und

zu jagen war, gefischt und erjagt, die Palmenhaine verschwunden

und nicht einmal genug Holz geblieben war,

um noch Fischerboote zu bauen, waren die Clans, die das

Inselreich bis dahin unter sich geteilt und bestellt hatten,

übereinander hergefallen, hatten die unter unsäglichen

Mühen errichteten Moais der jeweiligen Nachbarn gestürzt,

enthauptet und sich am Ende nicht nur gegenseitig

umgebracht, sondern auch gefressen. Daß durch die

Ruinen der Welt der Rapa Nui schließlich noch Kolonialherren

trampelten, die riesige Schaf- und Rinderherden

über das entvölkerte Land trieben, die letzten Bewohner

der Insel in umzäunte Areale verbannten oder als

Sklaven zum Guanoabbau an die peruanische Steilküste

verschleppten, war nur die Vollendung eines Unheils, das

im Herzen der Insel und nicht irgendwo in der Ferne begonnen

hatte.

Seine Mutter, sagte der dünne Mann, sei vor vier Jahren

nach ärztlichem Befund zwar an einer Blutvergiftung

gestorben, in Wahrheit aber wohl verhungert. Jahrelang

habe sie fast alles, was sie zu sich nahm oder was der Vater

sie bei seinen seltenen Besuchen zu essen zwang, heimlich

wieder erbrochen. Manchmal habe er noch jetzt dieses

Würgen im Ohr, das nach jeder Mahlzeit zu hören

war, wenn er ihr durch einen engen dunklen Gang des

Elternhauses auf Hanga Roa zur Toilette nachschlich.

Aber vielleicht sei dieses Hungern, sei dieses Fasten

auch bloß der verzweifelte Versuch gewesen, sich vom

Schicksal ihres Volkes zu lösen und sich in einen, ja,

Astralleib, habe sie gesagt, in einen Astralleib zurückzuziehen,

der endlich frei war von der unseligen Abhängigkeit

von ein paar Bissen Brot. Denn wer nicht nach Brot hungerte,

hatte auch keinen Hunger nach Feldern, Weidegründen,

Macht, wollte niemanden beherrschen, niemanden

töten, niemanden fressen. Vielleicht war es das, was

die Moais sahen, wenn sie dem Pazifik, dem mächtigsten

Element dieser Erde, den Rücken zukehrten, um allein

ins Innere der Insel und ihren Bewohnern ins Herz zu

blicken.

Und er, sagte der dünne Mann, er habe nach dem Tod

seiner Mutter, ohne es zu wollen und zunächst auch ohne

sich dessen bewußt zu sein, die Appetitlosigkeit wohl als

Erbe übernommen und dadurch vielleicht ihren lebenslangen

Traum erfüllt. Denn anders als sie, die manchmal

doch der Freßgier erlegen war, wenn sie in den Nächten

heimlich und schlaftrunken in der finsteren Küche in sich

hineinschlang, was immer sie fand, dann aber doch jeden

Bissen wieder erbrach, habe er alle Lust am Essen vielleicht

für immer verloren.

Der dünne Mann umklammerte die Reling so fest,

daß seine Fingerknöchel sich weiß abzeichneten. Als die

Gischt seine Handrücken benetzte und glitzern ließ, erschien

seine Haut so zart, ja gläsern wie die von feinsten

Adern durchzogenen Netzflügel einer Florfliege.

Was habe denn näher gelegen, sagte er und schwankte

vor und zurück, ohne den Handlauf loszulassen, als sich in

Zeiten der Not, in Zeiten des Hungers auf den Weg in

die Heimat des Gottes zu machen und um Beistand, um

Erlösung von diesem allesfressenden Hunger zu bitten –

auf den Weg nach Manu Motu Motiro Hiva, zur Insel, hinter

der die Unendlichkeit begann? Wie viele Rapa Nui

waren wohl auf dieser Wallfahrt verschwunden? Auch

wenn sie es meisterhaft verstanden, nicht nur die Sterne,

sondern auch das Relief und die Farbe der Wellen, die

Strömungen, Windstärken, selbst die Ornamente des Vogelflugs

in ihr navigatorisches Kalkül einzubeziehen, war

es doch eine Fahrt auf einem Binsenfloß geblieben, auf

einem Schilfbüschel!, bei einem Seegang wie diesem hier.

Rußseeschwalben, sagte der dünne Mann und zeigte

auf stumme, möwenähnliche Vögel mit schwarzweißen

Schwingen, die von einem kotbedeckten Felsturm aufgeflogen

waren und unser Schiff neugierig umkreisten,

Rußseeschwalben seien den Rapa Nui heilig gewesen.

Mit ihrem Erscheinen begann der Frühling oder das, was

auf der Osterinsel als Frühling gefeiert wurde. Das ganze

Jahr, ja die Zeit selbst sei von diesen Vögeln sozusagen in

Gang gesetzt worden. Vielleicht waren es auch die hier

brütenden, geheiligten Rußseeschwalben gewesen, die

zum Glauben geführt hatten, hier wohne ein Gott. War es

nicht bemerkenswert, was für ein Leben es auf diesen vul19

kanischen Klippen gab, und bemerkenswert, welche

wunderbaren Namen dieses Leben führte – Weihnachtssturmtaucher,

Maskentölpel, Meerläufer, Feenseeschwalben

… Sie alle brüteten hier.

Als der dünne Mann in die Brusttasche seines Hemdes

griff und daraus ein von der Gischt getränktes Stück

dunkles Brot hervorzog, glaubte ich, er würde versuchen,

die Rußseeschwalben zu füttern, die hier, so weit draußen

und fern aller nautischen Routen, vielleicht weder

Menschen noch Schiffe kannten. Aber der dünne Mann

führte das nasse Brot zum Mund und begann langsam,

den Blick unverwandt auf die schwarze, auf und ab tanzende

Insel gerichtet, zu essen.

Rezension I Buchbestellung IV12 LYRIKwelt © S. Fischer