Der fliegende Berg von Christoph Ransmayr, 2006, S. FischerChristoph Ransmayr

1 Auferstehung in Kham. Östliches Tibet, 21. Jahrhundert.
(Leseprobe aus: Der fliegende Berg, Roman, 2006, S. Fischer)

Ich starb

6840 Meter über dem Meeresspiegel

am vierten Mai im Jahr des Pferdes.

Der Ort meines Todes

lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel,

in deren Windschatten ich die Nacht überlebt hatte.

Die Lufttemperatur meiner Todesstunde

betrug minus 30 Grad Celsius,

und ich sah, wie die Feuchtigkeit

meiner letzten Atemzüge kristallisierte

und als Rauch in der Morgendämmerung zerstob.

Ich fror nicht. Ich hatte keine Schmerzen.

Das Pochen der Wunde an meiner linken Hand

war seltsam taub.

Durch die bodenlosen Abgründe zu meinen Füßen

trieben Wolkenfäuste aus Südost.

Der Grat, der von meiner Zuflucht

weiter und weiter

bis zur Pyramide des Gipfels emporführte,

verlor sich in jagenden Eisfahnen,

aber der Himmel über den höchsten Höhen

blieb von einem so dunklen Blau,

daß ich darin Sternbilder zu erkennen glaubte:

den Bärenhüter, die Schlange, den Skorpion.

Und die Sterne erloschen auch nicht,

als über den Eisfahnen die Sonne aufging

und mir die Augen schloß,

sondern erschienen in meiner Blendung

und noch im Rot meiner geschlossenen Lider

als weiß pulsierende Funken.

Selbst die Skalen des Höhenmessers,

der mir irgendwann aus dem Klumpen

meines Handschuhs gefallen

und in die Wolken hinabgesprungen war,

blieben wie eingebrannt in meine Netzhaut:

Luftdruck, Meereshöhe, Celsiusgrade . . .

jeder Meßwert des verlorenen Instruments

eine glühende Zahl.

Als zuerst diese Zahlen

und dann auch die Sterne verblaßten

und schließlich erloschen, hörte ich das Meer.

Ich starb hoch über den Wolken

und hörte die Brandung,

glaubte die Gischt zu spüren,

die aus der Tiefe zu mir emporschäumte

und mich noch einmal hochtrug zum Gipfel,

der nur ein schneeverwehter Strandfelsen war,

bevor er versank.

Das Krachen des Steinhagels,

der mir die Hand wundgeschlagen hatte,

das Fauchen der Böen, mein Herzschlag . . .

verhallten in der Flut.

War ich am Grund des Meeres?

Oder am Gipfel?

In einem schmerzlosen Frieden,

von dem ich heute weiß,

daß er tatsächlich das Ende war, mein Tod

und nicht bloß völlige Erschöpfung,

Höhenwahn, Bewußtlosigkeit,

hörte ich eine Stimme, ein Lachen:

Steh auf!

Es war die Stimme meines Bruders.

Wir hatten uns im Wettersturz

der vergangenen Nacht verloren.

Ich war gestorben.

Er hatte mich gefunden.

Ich öffnete die Augen. Er kniete neben mir.

Hielt mich in seinen Armen. Ich lebte.

Mein Puls tobte in der Steinschlagwunde

an meiner Hand; mein Herz.

Wenn ich heute

an jene Mondnacht zurückdenke,

in der ich mit meinem Bruder

aus der Gipfelregion jenes Berges,

den die Nomaden von Kham Phur-Ri nennen:

Der fliegende Berg,

in die Tiefe zurückgeklettert, zurückgetaumelt war,

einen vom Eis verglasten Grat hinab,

blankgewehte Felsrinnen, schwarze Eiskamine hinab

und dann durch den hüfthohen Schnee jenes Sattels,

auf dem wir uns verloren . . .

Wenn ich an diesen Irrweg durch ein Eislabyrinth

in die bewohnte Welt denke,

die irgendwo unter Wolkentürmen im Abgrund lag,

dann sehe ich immer auch Nyema,

höre ihre besänftigende Stimme,

das Klimpern der Korallen- und Muschelketten um ihren Hals

und spüre die Wärme ihrer Hände,

sehe Nyema,

als wären es ihre Arme

und nicht die meines Bruders gewesen,

die mich damals umfingen:

Niemand, höre ich Nyema sagen,

niemand stirbt auf seinem Weg nur ein einziges Mal.

Nyema Dolma:Wie beharrlich sie war,

wenn sie mir ein Wort ihrer Sprache

oder bloß einen Handgriff zu erklären versuchte.

Wie warm ihr Atem,

wenn sie den Namen einer Pflanze

an meinem Ohr buchstabierte.

Ihr geflochtenes Haar roch nach Yakwolle

und Rauch, und während sie sprach,

schrieb sie mit ihrem Zeigefinger

manchmal schnelle, fliegende Zeichen

auf meinen Arm, meinen Handrücken –

Spiralen,Wellenlinien, Kreise.

Steh auf!

Ich hatte die Spur meines Bruders

in einem Schneesturm verloren,

in dem der Mond wie unter einer Sturzwelle

schwarzen Wassers erloschen war.

Der Sturm hatte uns auseinandergerissen

und mich in einer Finsternis,

in der allein der von Eiskristallen zersiebte

Schein meiner Stirnlampe zu sehen war,

in den Windschatten einer Felsnadel gejagt.

Dort hatte ich bis zum Sonnenaufgang überlebt.

Steh auf!

Mein Bruder kniete neben mir.

Hielt mich in seinen Armen.

Erhob sich dann wie unter einer Zentnerlast

und versuchte auch mich hochzuziehen.

Lachte.

Fluchte vor Ratlosigkeit.

Sein Gesicht, seine Sturmmaske,

war eine Fratze aus Eis.

Wieviel Zeit war seit unserer Trennung vergangen?

Die Sonne stand nun hoch über dem Gipfelgrat.

Der Himmel:wolkenlos.

Und im Schatten der Felsnadel,

im Schatten meiner Zuflucht:Windstille.

Ich lebte.

Es schneite.

Schwarzer Schnee?

Schwarzer Schnee:

Ich hatte die Spur meines Bruders

in einem Schneesturm verloren,

in dem der Mond wie unter einer Sturzwelle

schwarzen Wassers erloschen war.

Der Sturm hatte uns auseinandergerissen

und mich in einer Finsternis,

in der allein der von Eiskristallen zersiebte

Schein meiner Stirnlampe zu sehen war,

in den Windschatten einer Felsnadel gejagt.

Dort hatte ich bis zum Sonnenaufgang überlebt.

Steh auf!

Mein Bruder kniete neben mir.

Hielt mich in seinen Armen.

Erhob sich dann wie unter einer Zentnerlast

und versuchte auch mich hochzuziehen.

Lachte.

Fluchte vor Ratlosigkeit.

Sein Gesicht, seine Sturmmaske,

war eine Fratze aus Eis.

Wieviel Zeit war seit unserer Trennung vergangen?

Die Sonne stand nun hoch über dem Gipfelgrat.

Der Himmel:wolkenlos.

Und im Schatten der Felsnadel,

im Schatten meiner Zuflucht:Windstille.

Ich lebte.

Es schneite.

Schwarzer Schnee?

Schwarzer Schnee:

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