Der Schreier von Moor
(Leseprobe
aus:
Morbus Kitahara, Romans, S. Fischer)
Bering war ein Kind des Kriegs und kannte nur den Frieden. Wann immer die Rede von der
Stunde seiner Geburt war, sollte er daran erinnert werden, daß er seinen ersten Schrei in
der einzigen Bombernacht von Moor getan hatte. Es war eine regnerische Aprilnacht
kurz vor der Unterzeichnung jenes Waffenstillstandes, der in den Schulstunden der
Nachkriegszeit nur noch Der Friede von Oranienburg hieß.
Ein Bombergeschwader zog damals nach der adriatischen Küste ab und warf den Rest seiner
Feuerlast über dem See von Moor in die Finsternis. Berings Mutter, eine Schwangere mit
geschwollenen Beinen, trug eben einen Sack Pferdefleisch vom Anwesen eines
Schwarzschlachters. Das weiche, kaum ausgeblutete Fleisch lag schwer in ihren Armen und
zwang sie zu einer Erinnerung an den Bauch ihres Mannes - als sie über den Platanen am
Seeufer eine ungeheure Faust aus Feuer zum Himmel steigen sah, und noch eine... und ließ
den Sack auf dem Feldweg zurück und begann wie von Sinnen auf das lodernde Dorf
zuzulaufen.
Die Hitze des größten Brandes, den sie je gesehen hatte, versengte ihr schon Augenbrauen
und Haare, als aus einem schwarzen Haus plötzlich zwei Arme nach ihr griffen und sie in
die Tiefe eines Kellers zerrten. Dort weinte sie, bis ihr ein Krampf den Atem nahm.
Zwischen schimmeligen Fässern brachte sie dann ihren zweiten Sohn um Wochen zu früh in
eine Welt, die in das Zeitalter der Vulkane zurückzufallen schien: In den Nächten
flackerte das Land unter einem roten Himmel. Am Tag verfinsterten Phosphorwolken die
Sonne, und in Schuttwüsten machten die Bewohner von Höhlen Jagd auf Tauben, Eidechsen
und Ratten. Aschenregen fiel. Und Berings Vater, der Schmied von Moor, war fern.
Noch Jahre später sollte dieser Vater, taub für die Schrecken der Geburtsnacht seines
Sohnes, seine Familie mit der Beschreibung jener Leiden ängstigen, die er, er in
diesem Krieg ertragen hatte. So trocknete Bering jedesmal die Kehle aus, und seine Augen
brannten, wenn er wieder und wieder hörte, sein Vater habe als Soldat solchen Durst
gelitten, daß er am zwölften Tag einer Schlacht sein eigenes Blut trank. Es war in der
libyschen Wüste. Es war am Paß von Halfayah. Dort hatte die Druckwelle einer
Panzergranate den Vater ins Geröll geworfen. Und als ihm in der Glut dieser Wüste
plötzlich ein rotes, seltsames kühles Rinnsal über das Gesicht lief, schob der Vater
den Unterkiefer vor wie ein Affe, schürzte die Lippen und begann zu schlürfen, verstört
und voll Ekel zuerst, dann aber mit wachsender Gier: Diese Quelle würde ihn retten. Er
kehrte mit einer breiten Narbe auf der Stirn aus der Wüste zurück.
Berings Mutter betete viel. Auch als der Krieg mit seinen Toten von Jahr zu Jahr tiefer in
die Erde sank und schließlich unter Rübenfeldern und Lupinen verschwand, hörte sie in
Sommergewittern noch immer das Donnern der Artillerie. Und in manchen Nächten erschien
ihr die Heilige Maria wie damals und flüsterte ihr Prophezeiungen und Nachrichten aus dem
Paradies zu. Wenn Berings Mutter nach dem Erlöschen Mariens ans Fenster trat, um das
Fieber der Erscheinung zu lindern, sah sie das lichtlose Ufer des Sees und sein hügeliges
Brachland, das in schwarzen Wogen auf noch schwärzere Bergketten zurollte.
Berings Brüder waren beide verloren; tot der eine, der jüngere, ertrunken im See von
Moor, als er im eisigen Wasser einer Bucht nach Zähnen tauchte, nach der
versenkten, von Rotalgen und Süßwassermuscheln überwachsenen Munition einer
versprengten Armee, nach kupfernen Projektilen, die er mit Steinen von den Patronenhülsen
geklopft, durchbohrt und wie Fangzähne an einer Schnur um den Hals getragen hatte.
Verloren auch der andere, der ältere, ein Auswanderer irgendwo in den Wäldern des
Staates New York. Die letzte, Jahre zurückliegende Nachricht von ihm, eine Ansichtskarte,
zeigte den Hudson River, dessen graue Flut immer auch die Trauer über den Ertrunkenen
wieder wachrief.
Wenn Berings Mutter am Todestag ihres ertrunkenen Sohnes ein Gebinde blauer Anemonen und
in Holznäpfe eingegossene Wachslichter im See aussetzte, dann trieb stets auch ein Licht
für die Polin Celina davon, die ihr in der Bombennacht beigestanden war.
Celina, eine aus Podolien verschleppte Zwangsarbeiterin, hatte sich damals in den
Erdkeller eines brennenden Weingutes geflüchtet und Berings Mutter mit in die Sicherheit
gezerrt. Sie hatte der schreienden, von plötzlichen Wehen überfallenen Schmiedin
zwischen Eichenfässern ein Lager aus Säcken und feuchter Pappe bereitet und dann das
Neugeborene mit einem Schürzenband und ihren Zähnen abgenabelt und mit Wein gewaschen.
Während aus der Oberwelt allein das Krachen und die Erschütterungen der Einschläge in
die von Unschlittkerzen kaum erhellte Tiefe drangen, hielt die Polin Mutter und Kind in
ihren Armen, betete laut zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau und trank dazu mehr und
mehr schlecht vergorenen Wein, bis sie zwischen Stoßgebeten und Litaneien Gericht zu
halten begann über die vergangenen Jahre:
Der Feuersturm dieser Nacht sei die Strafe der Madonna, daß Moor seine Männer in den
Krieg geworfen und in schrecklichen Armeen nach Szonowice, ja bis an das Schwarze Meer und
nach Ägypten habe ziehen lassen, Vergeltung dafür, daß ihr Bräutigam Jerzy an den
Ufern des Bug als Lanzenreiter gegen Panzer stürmen mußte und dann von den Laufketten
... seine schönen Hände ... sein schönes Gesicht ...
Fürstin des Himmels!
Strafe für das verglühte Warschau und für den Steinmetz Bugaj, der mit seiner ganzen
Familie und Nachbarschaft auf den Holzplatz der Köhlerei von Szonowice getrieben wurde;
ihr eigenes Grab mußten sie dort schaufeln,
Madonna, Trösterin der Betrübten!
Rache für die entehrte Schwägerin Krystyna,
Du Zuflucht der Sünder!
und für den Kürschner Silberschatz aus Ozenna ... Zwei Jahre hatte sich der
Unglückliche in einer Kalkgrube versteckt gehalten, bis man ihn verriet und fand und in
Treblinka für alle Ewigkeit in den Kalk warf,
Königin der Barmherzigkeit!
Sühne! für die Asche auf der polnischen Erde und für die zerstampften Wiesen Podoliens
...
So klagte und weinte die Polin Celina noch, als es in der Oberwelt längst totenstill
geworden und Berings Mutter vor Erschöpfung eingeschlafen war.
Die Männer von Moor, flüsterte Celina in die winzigen Fäuste des Säuglings, die sie
wieder und wieder an ihren Mund drückte und küßte, die Männer von Moor hätten sich
gegen die ganze Welt erhoben - und diese Welt werde nun in ihrer Wut wie das Jüngste
Gericht mit allen Lebenden und Toten über die Felder heranstürmen, Engel mit
Flammenschwertern, Kalmücken aus den Steppen Rußlands, Horden friedloser Seelen, die
ohne den Trost der Kirche aus ihren sterblichen Hüllen geschlagen worden waren,
Gespenster...! Und polnische Ulanen, rasend auf ihren Pferden, und von Patronengurten und
Bajonetten klirrende Juden aus dem Heiligen Land und alle, die nichts mehr zu verlieren
und keinen anderen Glauben zu gewinnen hatten als den an die Rache.
Amen.
Die Zwangsarbeiterin Celina Kobro aus Szonowice in Podolien war schließlich das erste
Opfer in Moor, das vier Tage später unter den Kugeln eines siegreichen, über das Dorf
hereinreichenden Bataillons starb. Es war ein Mißverständnis. Ein schreckhafter
Infanterist verwechselte die vermummte Gestalt der Polin, die ein Pferd durch die
Dunkelheit führte, mit einem Heckenschützen, einem flüchtenden Feind, schrie zweimal
vergeblich in einer unverständlichen Sprache Halt und Alarm - und schoß.
Schon der erste Feuerstoß traf Celina in Brust und Hals und verwundete das Pferd. Celina
hatte dem Ackergaul die Nüstern zugebunden und seine Hufe mit Putzlappen umwickelt, um
das herrenlose Tier in aller Stille aus dem überrannten Dorf ins Versteck einer
Fichtenschonung zu führen und so vor der Beschlagnahme oder Schlachtung zu retten; der
Gaul war ihre Beute. Er sprang lahmend in die Nacht davon, während Celina auf
moosigen Steinen lag und die näherkommenden Sturmschritte des Infanteristen nur noch als
den fernen, seltsam feierlichen Lärm ihres Todes wahrnahm: ein Blätterrauschen, ein
Brechen von Zweigen, ein tiefes, abgrundtiefes Atmen - und endlich jenen unterdrückten
Schrei, einen Fluch des Schützen, nach dem jedes Geräusch erstarb und für immer an die
Stille zurückfiel.
Celina wurde am nächsten Morgen unter den verkohlten Akazien der Bahnstation neben einem
Mineur aus dem Moorer Steinbruch begraben, einem kriegsgefangenen Georgier, der wenige
Stunden nach dem Einmarsch der Sieger an seinem Hunger gestorben war.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © S. Fischer