Der Weg nach Surabay
(Leseprobe aus: Der Weg nach Surabay,
Roman, S. Fischer)
Es war ein dünner,
panischer Gesang. Wenn das Gebirge leiser wurde, schwächer die Windstöße über den
Geröllhalden und Felsabstürzen und eine emporrauchende Nebelwand auch das Getöse der
Großbaustelle Limberg zu einem fernen Dröhnen dämpfte, dann hörte man diesen Gesang.
Es war das Todesgeschrei der Ratten. Naß, zerzaust, in schwarzen Scharen waren die Ratten
aus den Ruinen des Arbeiterlagers am Wasserfallboden gekrochen, aus den ins Gestein
gesprengten Latrinen, Abfallgruben und Stollen, und hatten sich vor der Flut zu retten
versucht. Wochenlang, heißt es, hielten sie einen Felskegel besetzt, eine täglich
kleiner werdende Insel, und pfiffen und schrien ihr Entsetzen gegen das schon
unerreichbare Ufer, kletterten immer höher, kämpften um jeden Halt ihrer verschwindenden
Zuflucht, fielen schließlich übereinander her. Langsam und trübe stieg die Flut ihnen
nach. Das Gletscherwasser füllte alle Gruben und Hohlräume aus, drängte in jede Falte
des Hochtales, hob liegengebliebenes Bauholz, Balken, Gerüstteile auf und schloß sich
über allem, was sich nicht heben ließ. Der Spiegel des Limbergstausees, hoch über
Kaprun und sechzehnhundert Meter über dem Meer, stieg ruhig, träge, stieg, überspülte
schließlich die Zuflucht der Ratten und wusch den Stein leer.
Gewiß, dieser Untergang ist nur ein marginales Bild aus der Baugeschichte der drei
großen Staumauern von Kaprun, eine Beiläufigkeit aus der Zeit des ersten Anstaus zu
Limberg 1949 und 1950, und ist nichts gegen die Tragödien und Triumphe, die man in den
Jahren der Errichtung der weit in die Hohen Tauern verstreuten Anlagen des
Speicherkraftwerkes Glockner-Kaprun beklagt und gefeiert hat. Dennoch fehlt die Erinnerung
an den Untergang der Ratten in kaum einem Bericht und keiner Zeugenaussage derer, die
damals an den Mauern geplant und gelitten haben. Einmal hämisch ausgeschmückt und dann
wieder als karge, apokalyptische Parabel erschien dieser Untergang immer wieder in der
Überlieferung. Als bloße Karikatur einer Katastrophe eignete er sich vielleicht auch wie
kaum ein anderes Bild zur Illustration jener verborgenen Angst, die dem Anblick von
Staudämmen als Makel anhaftet --der Angst vor der Flutwelle, die nach dem Bersten der
Limbergsperre hoch wie ein Dom die langen Stufen des Kapruner Tales hinabspringen würde.
Innerhalb von zwanzig Minuten - man hat auch das »Undenkbare« längst an Modellen im
Maßstab eins zu hundert geprobt - würde die ungeheure Welle das am Talausgang liegende
Dorf erreichen, darüber hinwegrasen, dann in das Salzachtal hinausfluten und nichts
hinter sich lassen als Schutt und einen großen Morast.
Aber in Kaprun, heißt es, fürchte sich schon lange keiner mehr. In den drei Jahrzehnten,
die seit der Krönung der Kapruner Talsperren vergangen sind - der 120 Meter hohen und 357
Meter langen Limbergsperre, die den Stausee am Wasserfallboden hält, und der ähnlich
mächtigen Drossen- und Moosersperre, zwei durch einen Felskegel voneinander getrennte
Mauern, die den im höchsten und letzten Ausläufer des Tales auf zweitausend Meter
gelegenen Stausee Mooserboden dicht unter die Gletscher zwingen -, in diesen drei
Jahrzehnten also haben die Inklinatoren, die Teleformeter, Sammelglocken, Klinometer,
Pegel und Pendel, haben Hunderte in die Dämme eingemauerte Kontrollvorrichtungen keinen
Wert angezeigt, der Furcht bestätigt oder gar einen Alarm ausgelöst hätte. Daß für
die Stunde des Undenkbaren nach wie vor acht Sirenenwagen bereitstehen, daß auf einer
Almwiese im Ortsteil Lehen, unerreichbar für die Flutwelle, nach wie vor ein
weißgekalktes Häuschen instand gehalten wird, das dem Bürgermeister und der Exekutive
in dieser Stunde als Kommandostand dienen soll, und daß schließlich auch der
Flutwellenalarm nach wie vor und regelmäßig geübt wird, ist bloß Vorschrift und
Routine. Im Kapruner Tal ist das Vertrauen in die Technik groß wie die Staumauern selbst:
Die Alarmübungen bleiben stets auf wenige Eingeweihte beschränkt, von den Sirenen wird
auch probeweise kein Gebrauch gemacht, kein Laut soll die Touristen beunruhigen, und die
Hinweistafeln für das Verhalten im Ernstfall sind längst aus dem Ortsbild verschwunden.
Alle nötigen Anweisungen wurden auf diskrete Flugblätter gedruckt und an die Kapruner
Haushalte verschickt. Dort vergilben sie jetzt. Das ist alles. Es herrscht Ruhe im Tal.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © S. Fischer