Sabine Raml

Stadt, Land, Fluss

So viele Flüsse und ich hatte sie fast vergessen. Nicht so schnell, Stevan, der Rhein ist es nicht, kürzer, der Fluss und auch das Wort, denk nach, vielleicht fällt er dir noch ein. Natürlich habe ich ihn erwähnt, ganz sicher sogar, er ist der Fluss, der unbedingt übrigbleiben muss, wenn die Welt untergeht. Wir fahren hin, gleich morgen, dann vergisst du ihn nie mehr. Vier Buchstaben, ein kleines Wort, sicher ahnst du es bereits, trau dich ruhig.

Sonntagsmorgens liegt die Straße da und schläft, sie ist ganz still und leer und irgendwie länger als sonst. Über den Türen blaue Steine gegen den bösen Blick, sie leuchten in der Morgensonne und wirken heller, als sie eigentlich sind. Ali hat sie verschenkt, er hat gleich einen ganzen Koffer davon mitgebracht, es lag aber noch jede Menge Raki in diesem Koffer, viele Flaschen, und eine von ihnen ist kaputt gegangen und ausgelaufen, und alle Beschenkten mussten erstmal ihren Stein säubern und ich sah mir dieses Massengeputze an und dachte: Das bringt jetzt doppelt Glück oder gar keins mehr. Bei Rosi halt ich kurz an, stehe da wie vor einer Kirche, lege den Kopf in den Nacken und winke, bis mir ganz schwindelig wird. Achtundachtzig und immer noch steht Rosi ganz früh auf und schlägt ihre Bettwäsche aus und hängt sie ins offene Fenster. Eigentlich müsste sie sich mal ausruhen, mal lange liegen bleiben oder in den Park gehen und die Enten füttern, mal nichts tun. Schon jetzt weiß ich, wie sehr mir Rosis Bettzeug mal fehlen wird. Und während ich langsam weitergehe und schon die rote Eisfahne sehe, erinnere ich mich, wie alles vor einigen Monaten war, da stand Stevan ganz alleine im leeren Lokal oder saß in seiner Hängematte und las in dicken Büchern, von denen er nicht aufschaute, auch dann nicht, wenn ihn jemand rief. Die Kinder riefen häufig seinen Namen. Sie zogen die Silben lang und auseinander, sie lachten, dann hörte man lange nichts, aber sie kamen schnell wieder, ließen ihn nicht aus den Augen. Während sie warteten, bemalten sie mit Kreide die Straße, überall diese Sonnenblumen und schiefen Autos. Dann endlich ging Stevan ins Haus, im Vorbeigehen rief er ihnen lachend „Na?“ zu. Aber dieses Lachen war nur äußerlich, innen war es leer und wund. Vielleicht stimmt es und Stevan las Geschichten aus seiner Heimat. Der Krieg, hatte Vater erklärt, hat alles zerstört, deshalb ist Stevans Familie damals geflohen. Wenn du ihm ein Blatt Papier und bunte Stifte gibst, malt er keine Sonne, sondern Wolken, Schatten, Dunkelheit. Vater weiß genau, wovon er spricht, als kleiner Junge hat auch er einen Krieg erlebt, einen besonders schlimmen, wie er sagt, wenn man ihn danach fragt, und dabei zittert seine Unterlippe leicht, als erinnere sie sich an etwas, über das sie lieber schweigen würde. Was Vater noch sagt: Trauer bleibt immer, sie bleibt ganz nah, sie ist wie Luft. Wenn er im Kiosk steht, ist der Umsatz höher. Zahlen fliegen nur so herum, und Vater hält sie klein, die Zahlen, die meisten geben, was sie gerade haben, mal mehr, mal weniger, immer aber genug, sagt Vater, auf die Gesamtzahl kommt es schließlich an. Bier, Schnaps, es herrscht fast so was wie Hektik, und hinterher ist der Kühlschrank völlig leer und ich wasche ihn aus, weil ich denke, noch mal schafft er das nicht, doch er schafft es jedes Mal. Vaters Geheimnis: Er erzählt den Kunden stundenlang nur Geschichten vom Licht, die nämlich spielen niemals im Krieg.

Die meiste Zeit throne ich auf einem alten, rostigen Barhocker und warte auf Kundschaft. Ein Fenster, zwei Dachschrägen, zwölf Quadratmeter. Zu klein für viele, doch groß genug für mich. Ich mag meine Arbeit, die hat was Gemütliches, besonders, wenn der Regen auf das Dach trommelt und ich ihn am liebsten hereinlassen würde. Wir verkaufen: Lakritzschnecken, Kondome, Hundefutter, Toilettenpapier, Brausepulver, Luftschlangen und was man sonst noch braucht. Manchmal löse ich Kreuzworträtsel oder stelle das Radio lauter, sie spielen Bob Dylan, Grönemeyer, AC/DC, Maffay und neuerdings Lena. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich gegenüber Stevan mit seinem schweigsamen Gesicht und dem Dreitagebart, er putzt die Tür zu seiner Bumbar und sieht ganz zufrieden aus dabei. Immer noch lachen einige über diesen Namen, aber leer ist Stevans Lokal schon lange nicht mehr. Wenn es warm genug ist, stellt er sich einen Stuhl vors Lokal und ich trage meinen Hocker vor den Kiosk, und dann sitzen wir da im späten Licht und lächeln uns an.

Die Straße. Sechsunddreißig Zechenhäuser, auf jeder Seite achtzehn, alle gleich klein, wie Puppenhäuser. Als Kind dachte ich, die Erwachsenen spielen irgendein komisches Spiel und vertauschen alles heimlich untereinander. Wenn ich dann von der Schule nach Hause kam, schaute ich zuerst auf das Küchenfenster, auf die Gardine und dahinter, ob Mutter auch wirklich am Herd stand und Kartoffeln aufsetzte. Wasser, das alles blind machte nach einiger Zeit. Dazu Worte, die immer weniger wurden, die tröpfelten, wie Wasser, das jemand sehr langsam abstellt. Schließlich blieb Mutter still. Das Haus blieb, die Gardine blieb, nur Mutter verschwand, es war also alles andere als ein Spiel.

Einmal stand ich neben Stevan auf dem Fußballplatz. Bochum gegen Schalke, vor Aufregung schrie ich, bis ich heiser wurde, alle schreien, bis sie heiser wurden, nur Stevan nicht, er drehte seinen Kopf zur Seite und war plötzlich weit weg, zählte an den Fingern die Rufe eines Kuckucks nach. Warum machst du das, fragte ich ihn, als das Spiel vorbei war, doch Stevan lächelte nur verlegen. Vielleicht verstand er meine Frage auch nicht, sein Deutsch war noch sehr schlecht damals, wenn er den Mund aufmachte, stolperten nur einige Vokale heraus, mehr nicht.

Die meisten kommen einfach irgendwann und irgendwoher, ohne besonderen Grund, für immer oder eine Weile. Ali zum Beispiel direkt aus Istanbul. Von seiner achtunddreißig-stündigen Autofahrt redet er immer noch, er sagt: Ich habe mir den Hintern für euch platt gesessen, und als ich nicht mehr konnte, bin ich ausgestiegen und habe gleich diese Spatzen singen hören und da musste ich bleiben. Im Grunde liebt Ali die Vögel noch viel mehr als Stevan seinen Kuckuck. Weil die Freiheit alles ist, sagt Vater. Das liegt doch glasklar auf der Hand.

Auch Kriege gehen vorbei. Stevans Lebensstationen danach: Paris und Athen. Deine Eltern mögen Hauptstädte wohl besonders, fragte ich, als ich davon erfuhr, und wie immer hat Stevan genickt, ganz nach innen. Mit Stadt, Land, Fluss hat er deutsch gelernt, jeden Tag ein neues Wort, nach einer Weile tanzte das Alphabet vor meinen Augen. Stevan saß vor seinem Lokal und hat eine Zigarette geraucht und mir einen Buchstaben vorgegeben und dann hat er das nachgesprochen, was ich ihm über die Straße zugerufen habe. Später habe ich ihn auch Berufe und Sprichwörter erraten lassen. Hast du keinen Fluss mehr, hat Stevan gefragt, wozu habt ihr ein so großes Land. Und Vater hat ihm einen Atlas geschenkt, damit er nachsehen kann, wo all die Städte und Länder und Flüsse überhaupt liegen. Stevan sagt, dass er in zwei, drei Jahren wieder gehen wird, weil er Angst hat, sonst den Absprung zu verpassen. Heimatangst, nenn ich diesen Satz, ernst nehmen kann ich ihn nicht. Wenn Stevan sich unbeobachtet fühlt, steht er oft am Fenster und schaut hinaus, einfach so.

Am nächsten Tag zeige ich Stevan die schönste Stelle an der Ruhr. Wie von oben sehe ich uns in meinem alten VW nach Essen fahren, wir fahren der Arbeit davon und wirbeln mehr Staub auf, als nötig wäre. Bob Dylan im Radio, natürlich, When the ship comes in, und wir singen laut mit und halten unterwegs an einer kleinen Imbissbude und essen eine Currywurst. Der Himmel ist groß, finde ich, viel größer als sonst. Oder er ist immer so groß und ich sehe es bloß nicht. Ich parke das Auto am alten Güterbahnhof, schon seit Jahren ist er stillgelegt und blickt uns an, als habe er nur auf uns gewartet. Was ich Stevan lieber nicht sage: Wir haben Schlüssel und Münzen auf die Gleise gelegt und stundenlang auf den nächsten Zug gewartet, wir hatten keine Ahnung, wie gefährlich das ist. Wir laufen am Bahndamm entlang. Am liebsten würde ich die Augen schließen, mal sehen, wie der Weg in meinem Kopf weitergeht. Endlich riechen wir Wasser und Erde und nasses Gras. Stevan sieht lange auf die Ruhr und schüttelt den Kopf.

„Aber bei euch muss es doch auch Flüsse geben“, sage ich, „wenn man dich so sieht, könnte man meinen, du hättest in einer Wüste gelebt.“

„Ich war lange nicht da“, sagt er, „so lange, dass ich mich an keinen einzigen Fluss mehr erinnern kann, aber das Meer, das war ganz in der Nähe.“

Wir schweigen eine Weile und schauen in den Himmel, Stevan in die Wolken, ich in die Sonne, vielleicht auch umgekehrt.

Und dann schwimmen wir, schwimmen, bis die Ruhr eine Biegung macht und ganz breit wird, hier, schreie ich Stevan zu, ist Vater mal aus dem Schlauchboot gekippt, wir drehen besser um. Weiter hinten stehen Menschen, ich erkenne nicht mal, ob es Junge oder Alte sind, aber sie winken und ich winke zurück, Stevan winkt zurück, immer abwechselnd winken wir und nur mit einer Hand. Fehlt nur noch ein Flugzeug über uns und alle fürchten, wir ertrinken gerade.

Ich denke mir Flüsse aus, nur für Stevan. Flüsse, die es gar nicht gibt. Ich erfinde einfach welche und beschreibe sie ganz genau, ich sage, der ist besonders schmal, aber er hat oft Hochwasser, du solltest auf keinen Fall gute Schuhe anziehen, wenn du da lang läufst, und im Winter friert er leicht zu und dann kann man ganz toll Schlittschuh laufen. Zu jedem neuen Namen nickt Stevan und sieht aus, als sähe er den Fluss, den ich gerade beschrieben habe, genau vor sich. 

Später trinken wir ein Bier zusammen und etwas Scharfes und dann spazieren wir durch die Siedlung. Wir reden über den Juni und dass es da endlich heiß werden soll. Es ist so kalt hier, sagt Stevan und ich verteidige mein Land, ich sage: „Du hast recht, es ist viel kälter als sonst, aber du wirst sehen, nächstes Jahr erlebst du einen richtig schönen Frühling. Und überhaupt ist der Mai bei uns sonst schon Sommer, die Sonne brennt lustige Kreise in die Vorgärten, Stevan, die musst du sehen, unbedingt. Vielleicht ist ja auch der Vulkanausbruch schuld an dem schlechten Wetter, dann kannst du hinreisen, wohin du willst, es wird nicht wärmer, im Gegenteil, immer kälter wird es, sogar die Erdachse hat sich verschoben, stell dir das mal vor.“

Minutenlang stehen wir stumm voreinander. Ich fühl mich leer, als hätte ich was losgelassen, das lange an mir hing. Und dann redet er, redet ohne Punkt und Komma, er atmet nicht mal mehr gleichmäßig. Wir laufen eine Runde nach der anderen, drehen Extraschleifen, gehen rauf und runter, links und rechts, vor und zurück, keine Pause, kein Stillstand, es ist so schön hier. Neue Kinder springen um uns herum. So weit sind wir also schon gegangen. Nie mehr will ich aufhören damit, nie mehr soll Stevan schweigen, denke ich, und beiße mir auf die Unterlippe.

Stevan erzählt in seiner Sprache. Eine Sprache, die mir fremd ist, die ich nicht verstehe, die ich nicht durchschaue, nicht mal einen Satz lang. Ich nicke trotzdem, ich nicke wie sonst Stevan, lange genug habe ich ihn dabei beobachtet, und er lacht, als er das sieht. Sein Mund ist von oben bis unten mit Geschichten gefüllt, die er alle heimlich gesammelt hat, die er einfach nicht vergessen konnte.

Ich träume. Im Traum bin ich der Kiosk, ich brenne lichterloh. Die Männer aus der Straße löschen, sie schütten Wasser aus Eimern und Töpfen auf das Haus und Stevan kommt als Einziger auf die Idee, einen Schlauch zu nehmen, er spannt ihn von seinem Lokal quer über die Straße und sieht aus wie ein echter Feuerwehrmann. Als er mich erkennt, schreit er mir nur ein einziges Wort zu, er schreit: Ruhr. Dann löst er sich auf und ich erwache schweißgebadet. Natürlich öffne ich sofort das Fenster, nach so einem Traum brauche ich Luft, viel Luft, mehr als überhaupt da ist. Der Kuckuck singt wieder, er ruft sehr laut, vielleicht ruft er Stevan. Ich zähle mit, ganz leise, elf, zwölf, ich zähle bis einundzwanzig, dann schließe ich die Augen kurz und reiße sie gleich wieder auf. Zwei Jahre, denke ich, sind lang noch nicht rum, es gibt ja noch jede Menge Inseln und Berge, unzählige Namen, die er noch lernen kann. Und ich renne los und gehe um sein Haus, immer wieder, ziehe einen großen Kreis und dann einen kleinen, kletter auf den Gartenzaun und spähe durchs Küchenfenster. Alles bleibt dunkel und still, nur eine Katze sitzt da, mitten auf der Fensterbank. Eine Katze, die ich nicht kenne. Sie putzt sich und schaut dabei von unten nach oben, direkt zu mir. „Weißt du, wo er ist“, frage ich leise, da springt sie, und erst jetzt sehe ich, dass ihr eine Hälfte vom Schwanz fehlt. Ich denke an den Hund meiner Kindheit, Balu, der hatte nur drei Pfoten, und ich überlege, ob das irgendein Zeichen ist und wenn ja, welches. Die Katze streckt sich und ihren Halbschwanz zum Himmel, schleicht auf leisen Pfoten davon. Die Bumbar, natürlich, sicher konnte Stevan nicht schlafen, sicher steht er schon hinter dem Tresen und spült die Biergläser von letzter Nacht, vielleicht hockt da auch noch der letzte Gast, weil er nicht weiß, wohin mit sich, und Stevan kann ihn nicht alleine lassen, auf keinen Fall. Er weiß doch, wie das ist, wenn man da liegt und um einen herum ist alles dunkel.

Wenn ich ruhig atme und langsam gehe, schaff ich den Weg. Die Luft ist kühl heute, der Vulkan, überlege ich, brodelt ja immer noch, er spuckt riesige Wolken und die machen alles grau und kalt. Rosis Bettzeug hängt im Fenster. Das ist mal ein gutes Zeichen, finde ich, das ist so ein verdammt gutes Zeichen, dass ich nicht nur winke, sondern auch noch rufe, ich rufe: Einen schönen guten Morgen, liebe Rosi, geht’s gut? Rosi hält einen Moment inne und setzt gleich ihre Brille auf und schaut zu mir runter. „Is was?“ fragt sie schließlich und ich schüttel den Kopf und sage doch noch was: Ruh dich mal aus, Rosi, du stehst ja früher auf als die Vögel. Dann atme ich tief ein und aus. Die Eisfahne. Weit ist es nicht mehr, ich gehe ein bisschen schneller und stelle mir vor, wie ich Stevan von Mutter erzählen werde. Ich werde sie beim Namen nennen, ich werde nichts verschweigen, die Krankheit nicht, den Tod nicht, meine Angst am allerwenigsten. Ich weiß nicht, ob die Wolken wirklich stillstehen am Himmel oder ob es nur so aussieht, also schaue ich nicht mehr hin, senke den Blick, lasse ihn ein wenig runtergleiten, obwohl er das nicht will. Er wehrt sich, weil es eng wird für ihn, ich schließe schon die Tür zum Kiosk auf. Zwölf Quadratmeter, das Lager nicht mitgerechnet. Sofort sehe ich mich da liegen auf den kalten, nackten Fliesen, ich schlafe oder auch nicht, zwischen all den Kisten und aufgerissenen Paketen und dem Geruch von Weingummi in der Nase, damals schien alles verkehrt. Der Kiosk war alles für mich, er war die Stadt, das Land und der Fluss. Ich könnte Stevan sagen, dass sich das geändert hat. Dass meine Welt größer geworden ist durch ihn. Es ist nicht so schwer, ich nehme einfach den Hocker und trage ihn raus, stell ihn dicht vor die Wand, gleich neben die Fahne. Still und frisch ist die Luft plötzlich und nun bewegen sich auch die Wolken wieder, sie ziehen langsam von rechts nach links und keine überholt eine der anderen. Stevan sitzt da auf seinem Stuhl und lächelt mich an und ich lächel zurück und überlege mir ein neues Wort, eines, das wir beide noch nicht kennen.

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