Alexius unter der Treppe von Kuno Raeber, 2002, Nagel & KimcheKuno Raeber

Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze

Alexius, wenn Linda die Treppe vor ihm hinaufging und zwei, drei Stufen in einem Satz übersprang, wandte sich ärgerlich ab und zurück und sah zur Haustür hinaus auf die Avenue of the Americas. In der Nähe waren die Häuser noch niedrig, nur vier bis sechs Stöcke hoch, dann wurden sie immer höher und höher, bis hinauf zu dem weißen Turm und Tempel, der den Silberhimmel ritzte: bis zu jener Spitze, die ihm bewies, daß hier alle Städte der Welt gipfelten und sich vollendeten. Die es ihm bewiesen hätte, wenn er nur das Auge besaß, aus der bewegten Nähe in die Ferne zu steigen. Aber er blieb gefangen in den Gassen um Our Lady of Pompej, wo die Kohlköpfe und Artischocken vor den Läden auf den Handkarren lagen, wo Stapel von alten Nummern der Times und der Village Voice den davonrollenden Kürbissen den Weg verlegten, wo die Melonen süßlich faulten und die jungen Männer, teils in dunklen Anzügen und weißen Hemden, nicht anders als schon ihre Väter zu Hause in Priolo und in Canicattini, teils in Lederjacken und Blue jeans, ins Leere himmelten und nicht einmal mehr die neuen Automodelle und die Mädchen wahrnahmen, geschweige denn die Frauen in den schwarzen Kopftüchern, die durch das Portal unterm Campanile, an der Hand kleine weiße Mädchen mit weißen Schleifen im Haar, die Kirche betraten: Wie hätte die weiße Spitze den Alexius, bis zum Bersten angefüllt mit naher Bewegung, noch ansaugen können? Sein Blick, kaum daß er ihn fortriß von Linda und durch die offene Haustür hinauswarf, sackte gelähmt von ihr ab.

II

Jetzt, da das alles längst vorbei war und ihn die Betrachtung dessen, was um ihn vorging, in einem noch höheren Maße, als er damals auch nur für möglich gehalten hätte, in Anspruch nahm, dachte er nicht mehr an die versunkenen Bilder. Wo doch diese Betrachtung so viel mehr verlangte, so viel abenteuerlicher war, so viel spannender als alle Aktion. (Wenn er das nur schon damals gewußt, klagte er zuweilen. Als ob er früher das Auge, zu sehen, besessen hätte, die Empfindsamkeit, die ihm nun diese Intensität der Beobachtung erlaubte!) Und seine Stellung, aus der er nur wegrückte, um auf das Klosett in der Ecke neben der Tür zu gehen, die Kauerstellung unter der Treppe, in der er, auf sein kleinstes Maß zusammengeknickt, Stunde um Stunde, Tag für Tag verharrte, so daß es nicht erstaunlich gewesen wäre, wenn er allmählich zum schieren Auge eingeschrumpft wäre, quälte ihn und erleichterte seine Arbeit mitnichten. Tatsächlich war er schon dies schiere Auge, das Hausauge, das Stadtauge, das Weltauge, das, ohne selbst gesehen zu werden, alles sah. Das wohl gesehen wurde, aber nicht beachtet und zur Kenntnis genommen. "Das Auge Gottes wacht über der Welt und über den Menschen und im Innersten der Welt und der Menschen selbst, und es sieht nicht nur, was sie tun, sondern auch alles, was sie denken und wollen, ob es böse sei oder gut. Selbst unsichtbar, sieht es. Und wehe dem, der seiner vergißt, der des Wachenden nicht achtet und bei seinem Tun und Trachten des Sehenden nicht allzeit gedenkt." Alexius schmerzte der Rücken, alle Glieder taten ihm weh, aber er merkte es immer weniger. Gemerkt hätte er nur, wenn ihn seine Augen geschmerzt hätten: Sein Körper war nur noch deren Gestell und Träger, so daß er ihn nicht mehr fühlte und nicht spürte, wie nicht nur die Kleider daran zu Lumpen und Fetzen zerfielen, sondern wie auch der Körper selbst verkam und Fett ansetzte an den falschen Stellen und abmagerte an den falschen Stellen, wie die Haut in Säcken von seinem Skelett hing, am Bauch, an der Brust, am Hintern in häßlichen Taschen niederschlotterte. Doch glücklicherweise interessierte sich niemand mehr für diesen Körper, war von seiner Schönheit oder Häßlichkeit niemand mehr betroffen. Alexius selbst am allerwenigsten: Erst wenn einmal seine Augen übergequollen und zugeschwollen wären und er nicht mehr gesehen hätte, erst dann hätte er angefangen, sich Sorgen zu machen.

Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Nagel & Kimche