Der Flügelgast von Anna Radlowa, 2006, Pforte Verlag

Anna Radlowa

Das Schiff der Gottesmutter

(Leseprobe aus: Das Schiff der Gottesmutter, Drama, 2006, Pforte Verlag - Übertragung Alexander Nitzberg)

 

Ein Gemach im Schloss. Eine Liege und Nacht. Ein Spiegel. Die

Zarentochter Elisabeth und eine Zofe.

 

Zofe:

Ihre Kaiserliche Hoheit, es ist eine grosse Nacht,

die Tochter Pjotrs - vergessen, um den Thon gebracht -

wird morgen nun doch zur russischen Zarin.

 

Elisabeth:

Wer soll mich, wer soll mich vor dem Raubvogel bewahren?

 

Zofe:

Alle Heere, Ihro Hoheit, sind mit Ihnen im Bund.

In einer knappen Stund

kommen die Herrscherin und ihr Bastard ins Verlies.

 

Elisabeth:

Verliess, verliess mich deine Kraft, Herr?

 

Zofe:

Alle Kraft des Reiches ist mir Ihnen.

Der deutsche Geist ist unterträglich schwer,

nun soll eine Russin in Russland walten.

 

Elisabeth:

Ach, Lisa, du redest ja immer noch davon,

mein Herz dagegen ist kaum zu halten,

rast wie ein Vogel im Käfig, will in die Weite fliehn.

 

Zofe:

Heut Nacht, Zarenkind, wird Ihnen die Krone des Reiches verliehn.

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