Nizza - mon amour von Fritz J. Raddatz, 2010, Arche

Fritz J. Raddatz

Nizza - mon amour
(Leseprobe aus: Nizza - mon amour, 2010, Arche).

So viele Städte in einer Stadt. Nizza, wie Rom

erbaut auf sieben (oder mehr?) Hügeln, ist eine

gro ße siebenschwänzige Katze: mal auf Sammetpfoten

und mal krallenkratzig; mal liebevoll schnurrend

und mal fauchend; mal schmeichlerisch sich

anschmiegend mit seidenem Fell und mal gesträubt

wütig – dem eigenen vitalen Rhythmus untertan

und sonst niemandem. Stolz, verschwiegen, rätselvoll

und lasterhaft. Unergründlich wie jede schöne

Frau. La ville ist weiblich. »La ville inconnue«, sang

die Piaf, der Spatz, und entzückende kleine Nachäfferspätzinnen

plärren dies vor so manchem Straßencafé,

besonders gerne am »Palais de Justice«.

Ei nen Baldachin aus Rosen hat man der zärtlich

»Gas sen junge«, »le môme«, genannten Chanso

nette aufgespannt auf der kleinen Place Edith Piaf,

eine Art Ro sen-Voliere, aus deren geschwungenen

Gittern die roten, gelben, orangefarbenen gefi ederten

Blüten hervorfl attern wie ihr Lied.

Der Tanzfächer, die schöne Frau. Ich muß dem

noch eine Metapher im Femininum hinzufügen –

eine der ganz großen, staunens- wie bewundernswerten

Besonderheiten, die Nizza und ihr herrliches

Umland bieten; denn ich schreibe hier nicht

nur meine Impressionen dieser Stadt nieder, die

der hervorragende Frankreich-Kenner Johannes

Willms einmal spöttisch »Stuttgart am Meer« genannt

hat. Ich erlaube mir, den Fächer ganz weit

auszufalten. Auf unseren Streifzügen werden wir

mal bis Monte Carlo gelangen und mal bis Antibes,

bis Villefranche, Èze und Vence ohnehin; einmal

mit besonders kühn ausgreifendem Schritt gar bis

Sanary-sur-Mer. Ein Juwel – Nizza – lebt ja auch

durch seine kostbar ziselierte Fassung – die Umgebung

–, und so ziert also, wie den schlanken

Hals einer Schönen, mal vielfach eng gelegt, mal

ohne Knoten weit ausschwingend, die erlesene

Kette wunderbarster Museen unsere Stadt. »Nizza,

22. Januar 1892«, notierte Edvard Munch in seinem

Tagebuch – das Datum gilt inzwischen als Geburtsstunde

seines weltberühmten Gemäldes »Der

Schrei«. Doch keineswegs immer – wenn auch oft –

geht es hier um »große Kunst«. So beginne ich

meine weit ausgreifende Wunderreise in dem entzückenden

Schmetterlingsmuseum im Château von

Tourette-Levens, hoch oben an der alten Salzstraße

nach Piemont gelegen. Da wispern dem Besucher

Hunderte der »plus beaux papillons du monde«

Märchen aus alten Zeiten und fernen Kontinenten

ins Ohr: schillernd und in den schier unglaublichsten

Farben leuchtend, als habe der liebe Gott

emaillierten Lack auf die manchmal handtellergroßen

Flügel getupft.

Vorher noch ein Blick in das charmante »Musée

des Métiers Traditionels« gleich nebenan, ein

winziges Kellergewölbe mit alten Gerätschaften,

Eisenpfl ügen, hölzernen Weinpressen oder einer

»Gaffe du charretier«, einem alten Kärrner-Geschirr,

und all jenem Handwerksgerät, von dem

Marx nicht zu Unrecht behauptete, an ihm manifestiere

sich noch die nicht-entfremdete Arbeit der

Menschen – und danach möchte man sich Zauberschwingen

leihen und weit hinausschweben über

die Berge und die liebliche Landschaft. Vielleicht

würde man dann landen in dem nur fünf Kilometer

von Nizza entfernt gelegenen Bergnest Falicon,

gleich vor der Statue des »Ste-Vincent – Protecteur

de Falicon« oder – kulinarischer – im Terrassenrestaurant

»Au Thé de la Reine«; wem das Geld beim

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