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Herznovelle
(Leseprobe aus:
B
ernhard steht im Badezimmer und kontrolliert michbeim Kontrollieren des Spiegelschränkchens. Ich sehe
sein besorgtes Gesicht, halb verdeckt von meinem, ein
Auge mit dunklem Brillenrand späht hinter meinen
Haaren hervor. Ich kann es nicht leiden, wenn er besorgt
ist, das überträgt sich und besorgt mich gleich
mit. Ich habe eigene Sorgen und benötige seine nicht.
Er pflegt sie, seine Sorge, eine Bewegung von mir nicht
rechtzeitig mitzubekommen, zu spät zu sein, nicht hilfreich
genug, nicht zur Stelle, an der man ihn brauchen
könnte.
Ich schließe die spiegelnde Tür, sein Gesicht gleitet mit
ihr zur Seite, weg aus meinem Gesichtsfeld, aber ich
höre seinen Atem immer noch hinter mir, spüre seinen
Körper an der Schwelle. Seine Sorge steht hinter ihm,
überragt ihn genau um das Stück, das den Abstand
seines Kopfes über meinem ausmacht. Ich habe keine
Lust, Teil einer Sorgenmatrjoschka-Serie zu sein.
»Hast du die Koffer schon hinuntergetragen?«, frage
ich, um ihn aus dem Weg zu bekommen.
»Ja«, sagt er, »ich wollte nur nachsehen.«
»Ich bin gleich fertig.«
»Ja. Ich weiß.«
Er rührt sich nicht vom Fleck. Die Luft wird knapp im
Bad, das warm und feucht ist, ich habe gerade noch
eine Dusche genommen, der große Spiegel neben der
Wanne ist beschlagen, das Handtuch habe ich achtlos
auf den Boden geworfen, weiß mit mintfarbenem
Rand auf beigen Kacheln.
Ich hebe meinen Fuß mit sauber manikürten Nägeln
und setze ihn auf den Stoff, meine Zehen sinken in die
dichten Fasern, die vollgesogen sind mit Feuchtigkeit.
Ich sehe im Nebel des Spiegels große rote Flecken auf
meiner Haut, die sich über die zarten Fältchen des Dekolletés
gebreitet haben. Wenn ich einen solchen Fleck
berühre, wird er unheimlich weiß in der Mitte, bevor
er in ein noch tieferes Rot wechselt.
Ich werde mich jetzt nicht kratzen.
Die Flecken brauchen Zeit zum Verschwinden.
Ich habe Zeit.
Es riecht nach guter Seife und meinem Parfum. Ich
halte die Flasche immer noch in der Hand. Goldener
Verschluss mit den Firmeninitialen, zwei C ineinander
verschlungen, meine Finger auf der Flasche mit goldenem
Ring am Ringfinger, zwei Goldstränge, ebenfalls
ineinander verwoben, ich muss dran denken, dass unsere
Eheringe von Chanel inspiriert worden sind und
dass die Flasche mit »Allure« beschriftet ist, und muss
lächeln.
Bernhard lächelt mit.
»Alles wird gut«, sagt er und zwinkert.
»Bitte pack mir das noch ein«, antworte ich und strecke
den Arm nach hinten aus und reiche ihm die Flasche,
ohne mich umzudrehen.
»Ich habe es vergessen.«
Bernhard verschwindet aus der Spiegelfläche. Ich
schließe kurz die Augen. Die Blumen: gegossen. Die
Nachbarin wird sicher wieder eine meiner Lieblings-
13pflanzen vergessen. Die Küche geputzt, Lebensmittel
eingefroren.
Ob ich auch alle Bücher in den Koffer geschlichtet
habe, kann ich beim besten Willen nicht mehr feststellen.
Auf meinem Nachtkästchen liegen jedenfalls keine
mehr. Aufladekabel, Kopfhörer. Notfalltropfen, die
meine wohlmeinende Freundin Carla spendiert hat. In
meiner Handtasche stapeln sich bereits mehrere unangebrochene
Fläschchen. Ich glaube nicht daran. Aber
eingepackt habe ich sie.
Ich gehe nackt durch das Haus.
»Wo bleibst du«, ruft Bernhard.
»Gleich«, sage ich, »du bist doch kein Taxi, oder?«
Mein Kleid hängt über dem Sessel im Schlafzimmer.
Hut, Handschuhe, Mantel darübergeworfen. Hautfarbene
Unterwäsche. Das Höschen klebt sich an die noch
feuchte Haut, ich muss die Spitze wieder entwinden
und über meinem Hintern glattstreichen. Durchsichtige
Strumpfhosen, die meine Beine auch im Winter
bloß erscheinen lassen. Bequeme Schuhe. Aber elegant.
Als ich das Kleid vorsichtig über meine geföhnten
Haare ziehe, zittern meine Hände. Ich sehe sie zittern
und spüre nichts.
Bernhard steht draußen vor dem Gartenzaun, den
Koffer neben sich, die Autoschlüssel kreisen unaufhörlich
um seine Finger und klimpern. Als er mich sieht,
lächelt er wieder.
(...)
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