Herznovelle von Julya Rabinowich, 2011, Deuticke

Julya Rabinowich

Herznovelle
(Leseprobe aus:
Herznovelle, 2011, Deuticke).

Bernhard steht im Badezimmer und kontrolliert mich

beim Kontrollieren des Spiegelschränkchens. Ich sehe

sein besorgtes Gesicht, halb verdeckt von meinem, ein

Auge mit dunklem Brillenrand späht hinter meinen

Haaren hervor. Ich kann es nicht leiden, wenn er besorgt

ist, das überträgt sich und besorgt mich gleich

mit. Ich habe eigene Sorgen und benötige seine nicht.

Er pflegt sie, seine Sorge, eine Bewegung von mir nicht

rechtzeitig mitzubekommen, zu spät zu sein, nicht hilfreich

genug, nicht zur Stelle, an der man ihn brauchen

könnte.

Ich schließe die spiegelnde Tür, sein Gesicht gleitet mit

ihr zur Seite, weg aus meinem Gesichtsfeld, aber ich

höre seinen Atem immer noch hinter mir, spüre seinen

Körper an der Schwelle. Seine Sorge steht hinter ihm,

überragt ihn genau um das Stück, das den Abstand

seines Kopfes über meinem ausmacht. Ich habe keine

Lust, Teil einer Sorgenmatrjoschka-Serie zu sein.

»Hast du die Koffer schon hinuntergetragen?«, frage

ich, um ihn aus dem Weg zu bekommen.

»Ja«, sagt er, »ich wollte nur nachsehen.«

»Ich bin gleich fertig.«

»Ja. Ich weiß.«

Er rührt sich nicht vom Fleck. Die Luft wird knapp im

Bad, das warm und feucht ist, ich habe gerade noch

eine Dusche genommen, der große Spiegel neben der

Wanne ist beschlagen, das Handtuch habe ich achtlos

auf den Boden geworfen, weiß mit mintfarbenem

Rand auf beigen Kacheln.

Ich hebe meinen Fuß mit sauber manikürten Nägeln

und setze ihn auf den Stoff, meine Zehen sinken in die

dichten Fasern, die vollgesogen sind mit Feuchtigkeit.

Ich sehe im Nebel des Spiegels große rote Flecken auf

meiner Haut, die sich über die zarten Fältchen des Dekolletés

gebreitet haben. Wenn ich einen solchen Fleck

berühre, wird er unheimlich weiß in der Mitte, bevor

er in ein noch tieferes Rot wechselt.

Ich werde mich jetzt nicht kratzen.

Die Flecken brauchen Zeit zum Verschwinden.

Ich habe Zeit.

Es riecht nach guter Seife und meinem Parfum. Ich

halte die Flasche immer noch in der Hand. Goldener

Verschluss mit den Firmeninitialen, zwei C ineinander

verschlungen, meine Finger auf der Flasche mit goldenem

Ring am Ringfinger, zwei Goldstränge, ebenfalls

ineinander verwoben, ich muss dran denken, dass unsere

Eheringe von Chanel inspiriert worden sind und

dass die Flasche mit »Allure« beschriftet ist, und muss

lächeln.

Bernhard lächelt mit.

»Alles wird gut«, sagt er und zwinkert.

»Bitte pack mir das noch ein«, antworte ich und strecke

den Arm nach hinten aus und reiche ihm die Flasche,

ohne mich umzudrehen.

»Ich habe es vergessen.«

Bernhard verschwindet aus der Spiegelfläche. Ich

schließe kurz die Augen. Die Blumen: gegossen. Die

Nachbarin wird sicher wieder eine meiner Lieblings- 13

pflanzen vergessen. Die Küche geputzt, Lebensmittel

eingefroren.

Ob ich auch alle Bücher in den Koffer geschlichtet

habe, kann ich beim besten Willen nicht mehr feststellen.

Auf meinem Nachtkästchen liegen jedenfalls keine

mehr. Aufladekabel, Kopfhörer. Notfalltropfen, die

meine wohlmeinende Freundin Carla spendiert hat. In

meiner Handtasche stapeln sich bereits mehrere unangebrochene

Fläschchen. Ich glaube nicht daran. Aber

eingepackt habe ich sie.

Ich gehe nackt durch das Haus.

»Wo bleibst du«, ruft Bernhard.

»Gleich«, sage ich, »du bist doch kein Taxi, oder?«

Mein Kleid hängt über dem Sessel im Schlafzimmer.

Hut, Handschuhe, Mantel darübergeworfen. Hautfarbene

Unterwäsche. Das Höschen klebt sich an die noch

feuchte Haut, ich muss die Spitze wieder entwinden

und über meinem Hintern glattstreichen. Durchsichtige

Strumpfhosen, die meine Beine auch im Winter

bloß erscheinen lassen. Bequeme Schuhe. Aber elegant.

Als ich das Kleid vorsichtig über meine geföhnten

Haare ziehe, zittern meine Hände. Ich sehe sie zittern

und spüre nichts.

Bernhard steht draußen vor dem Gartenzaun, den

Koffer neben sich, die Autoschlüssel kreisen unaufhörlich

um seine Finger und klimpern. Als er mich sieht,

lächelt er wieder.

(...)

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