Sankt Thomas von Wilhelm Raabe, 2003, Go-VerlagWilhelm Raabe

Sankt Thomas
(Leseprobe aus:
Die Schwarze Galeere/Sankt Thomas, Erzählungen, 2003, Go-Verlag).

"Bei allen Heiligen, was ist geschehen? was geschieht? was bedeutet dieser Lärm?", rief die Nichte des Gouverneurs.

"Man hat doch nirgends Ruhe vor ihnen!", sprach die Señora im höchsten Grade erzürnt. "Da möchte ja selbst die heilige Inquisition an der Gerechtigkeit Gottes – er vergebe mir meine Sünden! – verzweifeln! Es ist nicht zu ertragen!" - "Die Ketzer! die Niederländer! die holländischen Rebellen!", jammerten die spanischen Dienerinnen. "Sie kommen mit hundert Schiffen. Sie haben den Kapitän Giralto über das Meer in die Bucht gejagt! Die heilige Jungfrau schütze uns, man zählt ihrer tausend Segel von den Türmen!" - "Das ist eine Fabel, ein törichter Schrecken", sagte Camilla; aber die Dueña schüttelte den Kopf, der Lärm der Stadt Pavaosa wuchs von Augenblick zu Augenblick, die Lärmtrommeln der Besatzung rasselten auf den Wällen des Schlosses, und Doña Camilla Drago eilte durch die Gänge des Gartens, ihren Oheim aufzusuchen, – die tropische Nacht brach schnell herein.

Der Kapitän José Giralto war in der Tat mit seiner Brigantine Corona de Aragon übel zugerichtet in den Hafen von Pavaosa eingelaufen; vierzig niederländische Segel hatte er von der großen Kanaria her im Nacken gehabt und war der Gefangenschaft oder dem Untergange nur durch mannigfache Wunder der Geschicklichkeit und des Seemannsglückes entgangen. Dem wildesten Aufruhr war die Stille der Stadt und des Schlosses gewichen; Verwirrung herrschte überall und stieg, je dunkler es wurde; mit Fackeln und Windlichtern lief man durcheinander, auf den Bastionen wurden die Geschütze in Bereitschaft gesetzt, die waffenfähigen Kolonisten fanden sich mit Schwert und Spieß und Luntenbüchse auf den Sammelplätzen ein, Reiter sprengten die Küste entlang und ins Land hinein, um die vereinzelt Wohnenden zu warnen; ein Gemurmel und verhaltenes Lachen lief durch das eingeborene schwarze Volk, welches ebenfalls seine Boten zu den Bergen, zu den freien Brüdern sandte. Vom Meere bis zu den höchsten Spitzen der Gebirge wurden von den Negerkriegern die Streitkeulen geschwungen, die Köcher mit Pfeilen gefüllt und die Sehnen der Bogen geprüft; – auf dem Turme Abreojos fasste Don Franzisko Meneses die Hand seiner Nichte und seufzte:

"Mein Kind, mein Kind, ich wollte, du säßest in einem Kloster zu Madrid!" - "Das wollte ich nicht, Señor", sprach Doña Camilla Drago. "Ich bin die Tochter eines guten Kavaliers, ich bin Euer Blut; wenn ich vor jedem Wölkchen zittern wollte, so würde ich zwei edlen Häusern gar arge Schande machen. Beim heiligen Michael dem Erzengel, mein Oheim, wir wollen Gott danken für die Wolke, von deren Nahen uns der Kapitän Giralto Nachricht gebracht hat: es war doch recht heiß geworden auf Sankt Thomas. Vorwärts zu Land und See und – Spanien, schließ dich!" - "Du bist ein gutes Kind, Camilla!", sagte der Gouverneur; "ich habe es ja immer gesagt, aber Vorwürfe macht sich der Mensch auch immer, zumal wenn solch eine hübsche junge Dame für seine Grille büßen und leiden soll. Der Kapitän Giralto wird sich nicht verzählt haben – vierzig Segel – wahrlich, es wird in der nächsten Zeit ein recht lebendiges Leben auf der Reede und um die Wälle von Pavaosa sein!" - "Umso besser", sprach Doña Camilla. "Da sind sie übrigens!" Sie deutete in die Nacht hinaus, in weiter Ferne flimmerten einige rote Pünktchen, das waren die Laternen an den Masten der nahenden niederländischen Flotte.

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Goverlag