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Frauen im
Schlafrock
(Leseprobe aus: Frauen im Schlafrock, Roman, 2005, Skarabaeus)
Früher erzählten einsame Männer an der Bar von unglücklichen, tristen Ehen voller Missverständnisse, heute erzählen sie von funktionierenden Partnerschaften voll solider Kameradschaft, denen allerdings die Leidenschaft abhanden gekommen ist. Sie scheuen sich auch nicht, Namen und Details zu nennen, und so erfuhr ich, dass Pauls Freundin Marlene hieß, bei einer Immobilienfirma arbeitete und dass sich die privaten Verbindlichkeiten in einem beinahe schon unentwirrbaren Grad der Verflechtung befanden: Er war ihr vor mehr als zehn Jahren hierher nach München gefolgt, sie hatte ihm sein Studium mitfinanziert und sie hatten zusammen im Haus ihrer Eltern eine große Wohnung ausgebaut. Aber nicht nur Verpflichtung hielt sie beide zusammen. Sie mochten sich noch immer. Möglicherweise, wer kann das nach so langer Zeit schon so genau sagen, liebten sie einander noch. Trotzdem hätte Paul gern auch einmal eine andere Frau geküsst, aber er wollte dieser anderen Frau nicht wehtun. Sie sollte wissen, worauf sie sich einließ, wenn sie mit ihm unter den Deckmantel der Verschwiegenheit schlüpfte.
»Es müsste natürlich unter uns bleiben«, sagte Paul und ich sah ihm an, dass er überzeugt war, es gut hinter sich gebracht zu haben.Fast hat es etwas Rührendes, wenn jemand bei so viel Offenheit an die Beständigkeit von Geheimnissen glaubt. Wahrscheinlich war er aber nur ein alter Routinier, der mit erprobter Unschuldsmiene statt auf schöne Worte auf Ehrlichkeit setzte. Die Generation meiner Mutter hat sich noch von schönen Worten verführen lassen, meine Generation aber, weitere zwanzig Jahre auf- und demnach abgeklärter in Liebesdingen, gesteht sich von vornherein ein, dass schöne Worte eben nur schöne Worte sind. Und weil wir nichts mehr fürchten als getäuscht zu werden, nehmen wir es in Kauf, wenn eine Beziehung bereits mit einer Enttäuschung beginnt.
Als Paul mich fragte, ob bei mir zu Hause denn niemand warte, überdachte ich schnell, ob meine Wohnung aufgeräumt war, und sagte dann: »Auf mich wartet niemand. Wir können gern bei mir noch etwas trinken!«
Von da an kam er jeden Freitagabend zu mir, bei sich ergebender Gelegenheit hin und wieder auch unter der Woche. In seltenen Fällen, wenn Marlene auf Dienstreise war, hatten wir sogar das Wochenende für uns. An den Freitagabenden blieb er ziemlich genau zweieinhalb Stunden. Oft ging ich anschließend noch aus, traf Bekannte und machte halbherzige Eroberungen, die ich umso mehr genoss, weil ich keinerlei Absichten hatte, mich mit jemandem einzulassen. Zumindest in der ersten Zeit genügten mir die wenigen Stunden mit Paul. Die Liebe zeitlich einzugrenzen hatte durchaus etwas für sich: Wir brauchten uns nicht am Dazwischen aufzureiben, an diesem ernüchternden Dazwischen, wenn sich der liebevolle Blick von einem abwendet und die Stimme, die einem gerade erst zärtliche Worte ins Ohr geflüstert hat, den Tonfall ändert und behauptet, es gäbe jetzt Wichtigeres zu tun.
Rezension I Buchbestellung I home 0I06 LYRIKwelt © Skarabaeus