Marcel Proust

Combray
(Leseprobe aus: Combray, 2002, Verlagsbuchhandlung Liebeskind Verlag - Übertragung Michael Kleeberg).

Lange Zeit habe ich mich zu früher Stunde schlafen gelegt. Zuweilen fielen mir die Augen, kaum war die Kerze gelöscht, so schnell zu, daß ich nicht dazu kam, mir zu sagen: »Ich schlafe ein.« Und eine halbe Stunde später weckte der Gedanke, es sei Zeit, Schlaf zu finden, mich auf; ich wollte den Band weglegen, den ich in Händen zu halten glaubte, und die Kerze ausblasen; ich hatte während meines Schlafs nicht aufgehört, mir Gedanken über das soeben Gelesene zu machen, doch diese Gedanken hatten eine etwas eigentümliche Wendung genommen; es kam mir vor, als sei ich selbst das, wovon das jeweilige Werk sprach: eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz I. und Karl V. Diese Gewißheit überdauerte meinen Schlaf einige Sekunden lang; sie schockierte keineswegs meinen Verstand, lag jedoch wie Schuppen auf meinen Augen und hinderte sie daran wahrzunehmen, daß der Leuchter nicht mehr brannte. Dann begann sie, mir unverständlich zu werden wie die Gedanken einer früheren Existenz nach der Seelenwanderung; das Thema des Buches löste sich von mir, es stand mir frei, mich mit ihm zu beschäftigen oder auch nicht; im selben Augenblick vermochte ich wieder zu sehen und war ganz erstaunt, mich in Dunkelheit gehüllt zu finden, die meinen Augen sanft und erholsam war, aber womöglich noch mehr meinem Geist, dem sie wie eine grundlose Tatsache erschien, unverständlich, wie etwas wirklich Dunkles. Ich fragte mich, wie spät es wohl sein mochte; ich hörte das Pfeifen der Züge, das, von näher oder fernerher kommend, mich wie der Ruf eines Vogels im Wald, die Distanzen überbrückend, die Weite der menschenleeren Landschaft ermessen ließ, durch die der Reisende dem nahen Bahnhof zueilt; und der kurze Weg, den er zurücklegt, wird sich durch die angeregte Stimmung, die er all den unbekannten Orten und ungewohnten Handlungen verdankt, der letzten Unterhaltung und dem Abschied im fremden Lampenschein, die ihm noch in der nächtlichen Stille nachgehen, der süßen Gewißheit baldiger Heimkehr, in seine Erinnerung einprägen.
Ich schmiegte meine Wangen an die schönen Wangen des Kopfkissens, die in ihrer Fülle und Frische den Wangen unserer Kindheit gleichen. Ich riß ein Streichholz an, um einen Blick auf meine Uhr zu werfen. Bald Mitternacht. Dies ist der Augenblick, in dem der Kranke, der gezwungenermaßen auf Reisen gehen und in einem unbekannten Hotel nächtigen mußte, von einem Anfall aus dem Schlaf gerissen, voller Erleichterung einen Streifen Tageslicht unter der Tür entdeckt. Welche Freude, es ist schon Morgen! Jeden Moment werden die Bediensteten aufstehen, er wird läuten können, man wird ihm zu Hilfe kommen. Die Hoffnung auf lindernden Beistand macht ihm Mut zum Leiden. Hat er nicht eben Schritte gehört? Die Schritte nähern und entfernen sich wieder. Und der Streifen Tageslicht, der unter der Tür war, ist verschwunden. Es ist Mitternacht; man hat das Gas gelöscht; der letzte Bedienstete ist fort; und er wird die ganze Nacht über ohne eine Arznei leiden müssen.

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