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Eine Liebe Swanns
(Leseprobe aus: Eine Liebe Swanns, 2004, Verlagsbuchhandlung
Liebeskind - Übertragung
Michael
Kleeberg)
Um dem »kleinen Kreis«, der »kleinen
Schar«, der »kleinen Clique« der Verdurins anzugehören, war eine
Voraussetzung hinreichend, die aber war notwendig: Man mußte stillschweigend
einem Credo anhängen, einer dessen Glaubenssätze besagte, daß der junge, in
jenem Jahr von Madame Verdurin protegierte Pianist, von dem sie sagte: »Das
sollte verboten gehören, Wagner so spielen zu können!«, sowohl Planté als
auch Rubinstein »in Grund und Boden spielte« und daß Doktor Cottard ein
besserer Diagnostiker sei als Potain. Jedes »neue Mitglied«, das die Verdurins
nicht davon überzeugen konnten, daß die Abendgesellschaften der Leute, die
nicht bei ihnen verkehrten, so langweilig waren wie drei Tage Regenwetter, fand
sich umgehend ausgeschlossen. Da die Frauen, was das betrifft, widerstrebender
als die Männer jegliche mondäne Neugierde und die Lust, sich persönlich über
den Reiz der anderen Salons kundig zu machen, ablegen, und die Verdurins zum
andern spürten, daß dieser Geist der Überprüfung und dieser Dämon der
Oberflächlichkeit ansteckend sein und sich fatal auf die Rechtgläubigkeit der
kleinen Kirche auswirken mochten, hatten sie sich gezwungen gesehen,
nacheinander alle »Getreuen« weiblichen Geschlechts zu verstoßen.
Abgesehen von der jungen Frau des Doktors, waren sie in diesem Jahr (obwohl
Madame Verdurin selbst tugendhaft war und aus einer ehrbaren, maßlos reichen
und völlig namenlosen bürgerlichen Familie stammte, zu der sie nach und nach
von selbst jede Beziehung abgebrochen hatte) fast vollständig auf eine beinahe
aus der Halbwelt stammende Person zusammengeschrumpft, Madame de Crécy, die
Madame Verdurin bei ihrem Vornamen ansprach, Odette, und als »einen Schatz«
bezeichnete, sowie die Tante des Pianisten, die zu ihrer Zeit den Türzug
bedient haben mußte; beides Leute, die nichts von der guten Gesellschaft wußten
und deren Naivität man mit solcher Leichtigkeit hatte weismachen können, die
Prinzessin von Sagan und die Herzogin von Guermantes wären gezwungen,
irgendwelche Unglücklichen zu bezahlen, um Gäste bei ihren Diners zu haben, daß,
hätte man ihnen angeboten, sie ins Haus dieser beiden großen Damen einladen zu
lassen, sowohl die ehemalige Concierge als auch die Kokotte verächtlich
abgewinkt hätten.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Verlagsbuchhandlung Liebeskind