aus: Dumm gelaufen
Es tanzt der Adolf HitlerVon den politischen Folgen durch den Tod Herben Schmackes, und warum die Glatzen niemand schlagen will, obwohl sie um Schläge betteln!
Es krawallte. Es randalte. Kommissar Brook smogte der Atem. Brand- und Gasgeruch sperrten
seine Nasenwege und penetrierten den Hinterhof Die Architektur der Wohnblocks war wie
verwandelt. Stumm. Und sinister. Und Mauer an Mauen So wucherten die Häuser lotrecht und
drohend in den tintigen Himmel. In der Art, wie sich der Hinterhof Brook zu erkennen gab,
mit seinen T-Träger-Palisaden, dem Bauschutt und den Betonquadern, mußte Brook
Mittelalter denken. Unter seinem Balkon lag die Sandkiste; Das Niemandsland, der
Todesstreifen, auf dem Polizeihunde in den Sand kackten.
Schlachtgesänge hallten in den Tiefen vom Hinterhof. Und alles drehte sich um den Tod von Herbert Schmackes. Sein Tod; ein politisches Fanal.
»Die Rechten sind immer die Mörder«, schrien die Linken.
»Die Linken haben ihn auf dem Gewissen«, grölten die Rechten.
Herbert Schmackes, auf Wolken gebettet, hielt aus sicherer Distanz seinen Mund.
»Ob Ost, ob West! Nieder mit der Nazipest!« kletterte es an den Hauswänden hoch.
»Deutschland den Deutschen!« chorte es zurück.
»Ruhe da unten, Ruhe da unten, oder wir holen die Polizei!« müllerten, meierten und schultzten die Mieter im Schutz ihrer Sozialwohnungen.
Bill Brook lehnte sich weiter über die Brüstung seines Balkons. Er observierte das Ameisen der Autonomen; sie trugen schwarze, blanke Helme wie Insektenköpfe. Und die neuen deutschen und gestiefelten Liedgutträger mit den stacheligen Haaren auf ihren Schädeln, denen Brook nicht recht traute, aber von rechts alles zutraute. Dazwischen sehr demonstrativ, aber immerhin demokratisch: ein lautloser Streit der Transparente. »Mehr Rasse, mehr Klasse! Grabkisten für Faschisten! Polen, Türken, Libanesen, alle leben von unserem Geld! Auf die Glatzen, bis sie platzen! Laßt uns endlich Feinde sein!«
Die Polizei hielt sich schon längst auf dem Spielplatz in der Sandkiste, einer Art politischen Mitte, auf. Sie stoppten rechts. Sie stoppten links. Sie hielten noch ihre psychologische Ausbildung zurück.
Vor ihren Schildern patrouillierten Gesinnungstouristen; aus Hoyerswerda, Kreuzberg, Prenzlau, Mölln und aus den anderen Sumpfgebieten Deutschlands, ihre politischen Masken starr auf den Feind gerichtet.
Schon wechselte ein Stein den anderen. Ein Stock sprach sich mit dem nächsten aus. Molotow-Cocktails wärmten die Szene auf. Das Tränengas tauchte alles in ein sanftes Licht. Im Hinterhof verbreitete sich eine unverwechselbare Atmosphäre, Deutschland 93, und alle Parteien schienen sich Heimat zu fühlen, während sie sich die Köpfe einschlugen.
Im Schutz der Hauswände priesen fahrende Händler handliche, gebrauchte Pflastersteine aus Berlin an, erfahrene Baseballschläger aus Rostock, frische Asche in Urnen aus Mölln, Kanister voll Benzin, und als Schmankerl gab es bei jedem Verkauf ein Stuck Draht aus der Vergangenheit, gratis und unsortiert, aus den Zäunen der Atomkraftwerke in Deutschland.
Unterdessen lichterlohte eine Wohnung. Und ein Demonstrant fackelte nicht lange auf. Eine Gruppe Polizisten hustete Gas. Viel Schaum. Viel Schlägerei. Viel Kronen. Fielmann. Die Polizisten holten sich Schläge ab. Ohne Kampf Und ohne Widerstand. Plötzlich verzog sich die Mannschaft der Ordnungsgewalt für zwei Stunden in die Halbzeit. Hemden, Schilder und Schlagstöcke mußten gewechselt werden. Einige brauchten ein paar Mützen voll Schlaf oder ein gepflegtes Bier Sie ließen die Demonstranten in Stich.
Prompt traten die streitenden Parteien Kellertüren ein, verwüsteten auch die Waschküche von Denise und warfen Brandsätze in die offenen Fenster der Mieten
»Demonstranten, ohe, so unendlich frei kann nur noch die See sein ... !« schmetterten die Mieter an den Fenstern. Aufgekratzt sahen sie zu, daß viele der Demonstranten nach Luft schnappten, verletzt waren, aber vergeblich um Hilfe riefen.
Gefährliche Sprechblasen flogen durch die Luft. Und zerplatzten in den Köpfen der Glatzen - und in denen der Zaungäste!
»Es kann doch nicht sein, daß ich einen Moll werfen kann und die Polizei nichts macht.« klagte die erste Glatze. »Das ist doch Scheiße, daß das hier alles zugelassen wird.«
»Warum schlägt mich niemand. Ich will, daß das jetzt vorbei ist, daß ich gleich tot bin! Ich will doch nur ein Held sein!« mukschte die zweite Glatze.
»Da zünde ich einen Autonomen an und niemand will ihn löschen!« empörte sich die dritte Glatze und schaufelte von selbst Sand über den brennenden Autonomen.
Die Enttäuschung unter den Glatzen mündete in noch mehr Gewalt.
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