Puppenstille von Martin Prinz, 2003, Jung und JungMartin Prinz

Inspektor Starek geht zu weit
(aus: Puppenstille, 2003, Jung und Jung)

A candy colored clown they call the sandman
Tiptoes to my room every night
Just to sprinkle stardust and to whisper:
“Go to sleep, everything is alright.”
Roy Orbison, In Dreams

1. Der Strick 

In dieser wie in jeder anderen Stadt wachen die Menschen als Niemands auf. Der ganze Morgen ist voll mit gerade aufgewachten Niemands. Leblose, die sich im ersten Augenblick an nichts erinnern, nicht einmal an den eigenen Alltag, und dennoch Tag für Tag als eben jene Menschen an die Ufer eines neuen Morgens treiben, die sie immer schon waren.

Inspektor Starek holt in der Früh immer zuerst die Zeitung. Schläfrig tappt er dann, eine hagere Gestalt, mit der Selbstvergessenheit des gerade Aufgewachten durch die Wohnung, als fiele es ihm schwer, aus den ersten, blinden Augenblicken wieder herauszufinden.

Auch an diesem Dienstagmorgen betätigte Starek auf seinem Weg zur Wohnungstür mit automatischen Handgriffen den Wasserkocher. Ganz so, als wäre nichts geschehen. Kurz zuvor hatte jedoch das Telefon geläutet.

„Eine Erhängte ist gemeldet worden“, hörte er Hofers ersten Satz noch in seinem Kopf nachhallen.

Hofer, der in der Früh eigentlich neu eingelangte Meldungen sowie Berichte und Laborergebnisse laufender Fälle für die Vormittagsbesprechung vorbereiten sollte, hatte sofort darauf bestanden, selbst an den Fundort der Leiche zu fahren.

Starek hatte es, wie in letzter Zeit immer bei derartigen Entscheidungen, vermeiden wollen, mit Hofer, seinem Stellvertreter, darüber zu diskutieren, ob es nicht etwa klüger wäre, einen ihrer Beamten zur ersten Abklärung hinzuschicken.

Nun blieb die Planung der vormittäglichen Koordinationssitzung an ihm hängen. Vermutlich war es die Scheu vor Konfrontationen, die ihm, seit er Gruppenleiter geworden war, immer mehr als mangelnde Koordinationsfähigkeit nachgesagt wurde.

Eine kühle, herbstliche Luft strömte durch die gekippten Küchenfenster herein. Starek fröstelte. Die Fliesen unter seinen nackten Sohlen waren kalt. Doch Starek fühlte sich unter der Gänsehaut, die ihm über den Rücken lief, wohl. Er spürte, daß auf diese Weise sein Körper, der ihm jede Nacht abhanden kam, wieder zu ihm zurückkehrte und jene Leere verstellte, die tagsüber an jeder seiner Bewegungen und Wahrnehmungen saugen würde.

Vorsichtig schaute er durch den Spion. Halbnackt wollte er nicht in die erstaunten Blicke einer Nachbarin oder eines Nachbarn laufen.

Niemand war zu sehen. Auch die Alte nicht, die als einzige das WC am Gang noch benutzte und in der Früh mit ihrem Stecken immer einen metallenen Kübel Richtung Klotür schob.

Er sperrte auf, bückte sich nach der Zeitung. In dem Augenblick, bevor er mit dem Blatt in der Hand wieder in seiner Wohnung verschwand, stand er, nur mit seiner Unterhose bekleidet, in der Tür.

Noch nie war es ihm passiert, daß in diesem Moment jemand aus einer der anderen Wohnungen auftauchte. Wenn, würde er sich vermutlich kaum rechtzeitig zurückziehen können. Seine helle Haut mit den immer mehr werdenden Altersflecken und auch der leichte Bauchansatz, den sonst nur seine Freundin Anna wahrnahm, wären dann für jeden sichtbar.

Da sah er den Strick. Ein dicker Strick lag auf der Fußmatte neben der Zeitung.

Sofort fiel Starek seine Mutter ein. Und die Angst, die er als Kind so oft vor dem Betreten ihres Zimmers gehabt hatte; jene buchstäblich grundlose Furcht, im nächsten Augenblick ihren leblosen Körper von der Decke hängen zu sehen.

Starek richtete sich auf. Und als müßte er sich schnell von dieser plötzlichen Erinnerung ablenken, starrte er wieder auf den Strick und dachte an den Zeitungsburschen, der Nacht für Nacht die Stiegen herauflief, ihm eine neue Ausgabe vor die Tür legte, dann die Stiegen wieder hinuntertippelte, hinaus, sich aufs Rad schwang oder gleich ins nächste Stiegenhaus eilte.

Manchmal, wenn er nicht einschlafen konnte, hielt Starek, angesichts der Tatsache, daß der Zeitungsbursche nur eine dünne Wand von seinem Kopfpolster entfernt vorbeihastete, den Atem an. Dennoch wußte Starek, daß der Kerl mit dem eigenartigen Fund nichts zu tun haben konnte.

Der Strick lag direkt vor seiner Wohnungtür. Er ragte mitten in sein Privatleben. Im ersten Augenblick war Starek völlig gelähmt. Und trotz der Merkwürdigkeiten und Verbrechen, die ihm in seinem Berufsalltag immer wieder begegneten, schien ihm seine Routine als Spürhund kaum zu helfen; so als hätte er, obwohl er sich immer noch von allen nur Inspektor nennen ließ, vergessen, daß er, bevor er leitender Beamter geworden war, fast die Hälfte seines bisherigen Lebens Kriminalinspektor gewesen war.

Starek nahm die Zeitung samt Strick und ging zurück in seine Wohnung. Offenbar hatte die Hausmeisterin ihre Runde durch das Haus noch nicht gemacht. Die Schwingenschrot hätte vermutlich auf der Stelle gegen die Tür geklopft und ihn gefragt, was der Strick hier solle.

Vor einiger Zeit hatte sie zwei leere Weinkartons, die er kaum eineinhalb Tage vor seiner Wohnungstür stehen gelassen hatte, einfach durch das Gangfenster in den Hof geworfen.

Als er abends die Kartons im halben Haus gesucht hatte, hatte die Schwingenschrot, die gleich die Stiegen heraufgekommen war, nur Richtung Fenster gedeutet und lachend „Flugpost!“  gesagt.

Starek wußte, daß die Hausmeisterin ihn angesichts eines solchen Fundes sofort für verrückt erklären würde. Schon sah er ihr etwas derbes und doch mausartiges Gesicht vor sich, ihren Blick, der ihm sagen würde, sie habe so etwas ohnedies längst geahnt.

In der Küche legte er den zu einer Schlinge geknüpften Strick auf den Tisch, auf den er beim Heimkommen zunächst alles legte. Er goß den Tee auf und ging mit Teekanne, Tasse und Zeitung ins Eßzimmer.

Den Mechanismus, sich vor plötzlich auftauchenden Ängsten oder Schrecknissen sofort in alltäglichsten Vorgängen zu verstecken, als wäre nichts geschehen, hatte Starek seit seiner Kindheit zu derartiger Perfektion gebracht, daß ihm das kaum mehr bewußt war.

Angesichts der lebenslangen Angst um seine Mutter, mit der er erst in den letzten Jahren einigermaßen zu Rande gekommen war, hatte er derartige Ablenkungsmanöver immer gebraucht, um sich nicht ständig darin zu verlieren.

Starek saß da, die Teetasse in der rechten Hand, die Zeitung blätterte er mit der linken durch. Die Morgensonne durchbrach den Nebel und überflutete so unversehens das große Zimmer mit Licht, daß man die vor den Fenstern herrschende Herbstkälte schnell vergaß.

Langsam weckte ihn der frische Tee aus seiner in letzter Zeit immer stärker spürbaren morgendlichen Antriebslosigkeit, die sogar den Schreck vor der Wohnungstür überdauert hatte.

Das Eßzimmer war jetzt voll heller Wärme. Blinzelnd mußte er lesen, um die Buchstaben im grauen Zeitungspapier zu entziffern. Um die Zeit lag ihm nichts daran, das Gelesene zu begreifen oder gar zu überdenken, vielmehr war diese alltägliche Lektüre wie ein langsames In-den-Tag-hinein-Schwimmen, ein Morgensport.

(...)

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