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Sturz durch alle Gefühle
(Leseprobe aus:
Sturz durch alle Spiegel, Prosa, 2009,
Ammann).
Der Frisch also, der ist Ihr Vater!? Sie erschrak – daß
er nicht Max Frisch sagte, auch nicht Herr
Frisch, und vor allem: in welchem Ton er es sagte! Aber auch er schien
erschrocken. Sie schaute weg.
Bis dahin war es ein Spiel gewesen, mehr nicht. Sie hatten den Sommer über
miteinander telefoniert; immer wieder hatte er sie angerufen. Ihr gefiel,
angerufen zu werden von ihm. Immer öfter. Bis in den Herbst hinein. Von
verschiedenen Orten rief er an, auch von unterwegs, aus dem Auto, aus dem Zug,
von der Jagd. Sie würde ihn nie anrufen, versprach sie ihm schon sehr bald; ohne
daß er darum gebeten hatte.
Sie mochte seine Anrufe; sie waren lustig und leicht, oft mußte sie schallend
lachen über das, was er erzählte; einmal, an einem Sonntagmittag, aus den
slowenischen Wäldern: Heute in der Früh hab ich einen Hirsch geschossen, und
jetzt bin ich sehr glücklich, nu, da dachte ich an Sie und habe Sie angerufen .
. .
Und wenn sein Anruf für mehrere Tage ausblieb, fing sie an zu warten; bei jedem
Klingeln ihn zu erwarten; und wenn das Telefon stumm blieb, mit halbem Ohr zu
lauschen, ob es nicht doch endlich läute; und gleichzeitig sich zu fragen, ob
sie ihn vielleicht gelangweilt habe beim letzten Anruf und er nun keine Lust
mehr verspüre, mit ihr weiter-zuplaudern.
Oft morgens schrieb sie auf, was sie in der Nacht geträumt hatte oder am Abend
gelesen, von dem sie glaubte, es könnte ihm, wenn sie es ihm beim nächsten Anruf
erzähle, gefallen. Alles, was sie in jenem Sommer las, all die Texte, die sie
für ihre Istanbul-Anthologie zusammensuchte, las sie immer auch im Hinblick
darauf, was sich eigne, ihm zu erzählen.
Und dann eben: Ich möchte Sie gerne sehen, ich möchte Sie treffen irgendwo und
sprechen mit Ihnen. Natürlich, sie hatte gehofft, daß es dazu käme. Auch sie
wollte es.
Venedig bot sich an: jene Ausstellung interessierte sie beide, Venezia e l’Islam
– ihn als Sammler von Kunstgegenständen aus dem islamischen Raum, und sie, die
während ihrer Arbeit oft auf Venedig gestoßen war, wollte sehen, wie von der
Lagune aus auf Istanbul geschaut wird.
Aber dann war sie hingefahren, um ihn zu sehen, vor allem deshalb.
Rezension I Buchbestellung I home IV09 LYRIKwelt © Ammann