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Der Klang der
Zeit
(Leseprobe aus:
Der Klang der Zeit,
Roman, 2004, S. Fischer)
Dezember 1961
Irgendwo in einem leeren Saal singt mein Bruder noch immer. Seine Stimme ist
noch nicht verhallt. Nicht ganz. Wo immer er sang ist etwas zurückgeblieben,
etwas wie Vertiefungen, wie Rillen in den Wänden, die nur darauf warten, daß
ein künftiger Phonograph sie wieder zum Leben erweckt.
Mein Bruder Jonah steht reglos an den Flügel gelehnt. Er ist gerade einmal
zwanzig. Die sechziger Jahre haben eben erst begonnen. Noch liegt das Land im
letzten Schlaf seiner trügerischen Unschuld. Niemand hat von Jonah Strom
gehört, niemand außer unserer Familie. Dem was von ihr übrig ist. Wir sind
nach Durham in North Carolina gekommen, in den alten Konzertsaal der
Duke-Universität. Er hat die Endrunde eines landesweiten Gesangswettbewerbs
erreicht, von dem er später behaupten wird, er habe nie daran teilgenommen.
Jonah ist allein auf der Bühne, ein wenig rechts von der Mitte. Zur Seite
geneigt, als suche er Rückhalt in der geschwungenen Flanke des Konzertflügels,
seiner einzigen Zuflucht. Er beugt sich nach vorn, schweigend, gekrümmt wie die
Schnecke eines Cellos. Die linke Hand stützt sich auf die Kante des Flügels,
in der rechten hält er einen Brief, den es längst nicht mehr gibt. Er grinst,
kann selbst kaum glauben, daß er hier ist, dann holt er Luft – und singt.
Eben noch hockt der Erlkönig auf meines Bruders Schulter und flüstert
verführerisch vom Tod. Im nächsten Augenblick tut sich eine Falltür auf, und
mein Bruder ist anderswo; ausgerechnet Dowland zaubert er hervor, eine
hinreißende kleine Frechheit für die Ohren dieses verblüfften
Liederpublikums, das gar nicht merkt, wie es ihm ins Netz geht:
Time stands still with gazing on her face,
Stand still and gaze for minutes, hours, and years to give her place.
All other things shall change, but she remains the same,
Till heavens changéd have their course and time hath lost his name.
Zeit steht still, schau ich in ihr Gesicht,
Steh still und schau, Minute, Stund und Jahr, sie schwindet nicht.
Wenn alles auch vergeht, bleibt sie doch ewiglich,
Bis der Planenten Lauf sich kehrt und Zeit heißt nicht mehr Zeit.
Zwei Strophen, und das Lied ist zu Ende. Stille liegt über dem Saal. Sie
schwebt über den Reihen wie ein Ballon am Horizont. Zwei Taktschläge, in denen
selbst Atmen ein Verbrechen wäre. Dann gibt es nur eins, was diesen Bann
bricht: Applaus. Dankbare Hände setzen die Zeit wieder in Gang, der Pfeil nimmt
seinen Flug wieder auf und bringt meinen Bruder auf den Weg zu seiner
Bestimmung.
So sehe ich ihn, auch wenn er danach noch ein Dritteljahrhundert zu leben hat.
Das ist der Augenblick, in dem die Welt ihn entdeckt, der Abend, an dem ich
höre, wohin seine Stimme unterwegs ist. Ich selbst bin auch auf der Bühne,
sitze an dem zerkratzten Steinway mit den abgegriffenen Tasten. Ich begleite
ihn, versuche mit ihm Schritt zu halten und nicht der Sirenenstimme zu lauschen,
die mir zuflüstert Laß die Finger ruhen, dein Boot zerschellen an der
Tasten Riff, und stirb in Frieden.
Zwar mache ich keine schlimmen Patzer, aber der Abend zählt nicht zu den
Höhepunkten meiner musikalischen Laufbahn. Nach dem Konzert bitte ich meinen
Bruder noch einmal, er soll mich gehen lassen und sich einen ebenbürtigen
Begleiter suchen. Wieder lehnt er ab. >>Ich habe schon einen Begleiter,
Joey.<<
Ich bin mit ihm auf der Bühne. Aber ich bin auch unten im Saal, da wo ich bei
Konzerten immer sitze: in der achten Reihe, links, gleich neben dem Gang. Von
meinem Platz aus kann ich mich spielen sehen, kann das Gesicht meines Bruders
studieren – nah genug, um alles zu sehen, und doch weit genug ab, daß mich
der Anblick nicht um den Verstand bringt.
Eigentlich müßten wir vor Lampenfieber wie gelähmt sein. Der Raum hinter der
Bühne ist ein einziges blutendes Magengeschwür. Musiker, die ihre gesamte
Jugend mit der Vorbereitung auf diesen Augenblick zugebracht haben, malen sich
jetzt aus, wie sie den Rest ihrer Tage damit zubringen werden zu erklären,
warum sie in der entscheidenden Sekunde scheiterten. Der Konzertsaal füllt sich
mit Neid und Mißgunst, Familien, über Hunderte von Meilen angereist, müssen
mit ansehen, wie ihr ganzer Stolz auf die hinteren Ränge verwiesen wird. Nur
mein Bruder hat keine Angst. Er hat seinen Preis schon gezahlt. Dieser
öffentliche Wettbewerb hat nichts mit Musik zu tun. Musik, das sind die Jahre
des gemeinsamen Singens im schützenden Schneckenhaus unserer Familie, bevor
diese Schale zerbrach und zu Asche verbrannte. Jonah gleitet durch die Angst
hinter der Bühne, durch die unterdrückte Übelkeit in den Garderoben, als sei
das alles nur die Generalprobe für eine längst abgesagte Aufführung. Auf der
Bühne, mitten in diesem Meer aus Panik, wirkt seine Ruhe elektrisierend. Die
lässige Hand auf dem schwarzen Lack des Flügels betört die Zuhörer, nimmt
den Klang seiner Stimme vorweg, noch ehe er den Mund aufmacht.
Ich sehe ihn an diesem Abend seines ersten öffentlichen Triumphs, aus vier
Jahrzehnten Abstand. Das Gesicht ist noch weich um die Augen, da wo das Leben
später seine Spuren eingravieren wird. Das Kinn bebt ein wenig bei Dowlands
Viertelnoten, doch die Töne sind makellos rein. Er neigt den Kopf nach rechts,
als er zum hohen C ansetzt, als weiche er zurück vor den verzückten Zuhörern.
Ein Schauder huscht über sein Gesicht, ein Blick, den nur ich erkenne, von
meinem Platz hinter dem Flügel. Die Hakennase, die vollen braunen Lippen, die
markanten Wülste über den Augen – beinahe mein eigenes Gesicht, nur
leidenschaftlicher, ein Jahr älter, einen Ton heller. Der verräterische Ton:
der dunkle Schatten unserer Schande.
Der Gesang meines Bruders will die Guten erretten und die Bösen in den Tod
treiben. Mit seinen zwanzig Jahren kennt er beide schon sehr genau. Das ist es,
was seine Stimme zum Klingen bringt, was seine Zuhörer ein paar Sekunden lang
den Atem anhalten läßt, bevor sie die Kraft zum Applaudieren finden. Sie
hören den Abgrund, den diese schwerelose Stimme überbrückt.
Das Jahr ist ein verschwommenes Schwarzweißbild, eingefangen von den
lauschenden Ohren der Zimmerantenne. Die Welt unserer Kindheit – diese
rationierte Radiowelt des großen Kriegs gegen das Böse – wird zum bunten
Kodakbild. Ein Mensch fliegt ins All. Astronomen empfangen pulsierende Signale
von künstlichen Himmelskörpern. Weltweit spielen die Vereinigten Staaten mit
dem Feuer. Berlin kann jeden Augenblick in Flammen aufgehen. Südostasien ist
ein Schwelbrand, nur Rauchkringel steigen aus den Bananenblättern auf. Zu Hause
staut sich eine Welle von Neugeborenen hinter den Glasscheiben der
Säuglingsstationen von Bar Harbor bis San Diego. Unser hutloser junger
Präsident spielt Football auf dem Rasen des Weißen Hauses. Spione, Beatniks
und technische Neuerungen aller Art überschwemmen das Land. In Montgomery,
Alabama brennt schon seit fünf Jahren eine Lunte, deren Feuer ich erst fünf
Jahre darauf sehen sollte. Und in Durham, North Carolina lassen sich
siebenhundert ahnungslose Menschen in einen Berg entführen, der sich von Jonahs
Stimme auftut.
Bis zu diesem Abend hat niemand außer uns meinen Bruder singen gehört. Jetzt
ist das Geheimnis heraus. Als der Beifall losbricht, sehe ich hinter dem hastig
aufgesetzten Lächeln ein Zaudern auf dem rostbraunen Gesicht. Er blickt sich
um, sucht einen Schatten jenseits des Rampenlichts, in den er abtauchen kann,
doch es ist zu spät. Mit unsicherem Grinsen und einer einzigen, oft geprobten
Verbeugung nimmt er sein Urteil an.
Noch zweimal holen sie uns mit ihrem Applaus zurück; beim zweitenmal muß Jonah
mich mit Gewalt auf die Bühne zerren. Dann verkünden die Preisrichter die
Gewinner in den einzelnen Sparten – drei, zwei, eins –, als sei die
Duke-Universität Cape Canaveral und dieser Wettbewerb der Start einer weiteren
Mercury-Kapsel, als sei Amerikas neue Stimme ein weiterer Shepard oder Grissom.
Wir stehen hinter der Bühne, die anderen Tenöre umringen Jonah; sie hassen ihn
schon jetzt und überhäufen ihn mit Lob. Ich bezwinge den Impuls, auf diese
Gruppe einzureden, ihnen zu versichern, daß mein Bruder nichts Besonderes ist,
daß alle Bewerber gleicht gut gesungen haben. Die anderen werfen Jonah
verstohlene Blicke zu, studieren sein nicht einstudiertes Auftreten. Sie
analysieren seine Strategie, für die nächste Runde. Erst der effektvolle
Auftakt mit Schubert. Dann der linke Haken mit Dowland, dieser schwebende, lang
gehaltenen Ton über dem hohen A. Das was sie niemals sehen können, weil sie
nicht genug Abstand haben, hat meinen Bruder längst mit Haut und Haaren
verschlungen.
Mein Bruder steht in seinem schwarzen Abendanzug im Gewirr der Schnüre hinter
der Bühne und mustert die ansehnlicheren unter den Sopranistinnen. Steht
still und schaut. Er singt für sie, private Zugaben, nur in seiner
Phantasie. Alle wissen, daß er gewonnen hat, und Jonah müht sich, es
herunterzuspielen. Die Preisrichter rufen seinen Namen. Unsichtbare Menschen
jubeln und pfeifen. Für sie ist er der Sieg der Demokratie, wenn nicht
Schlimmeres. Jonah dreht sich zu mir um, zögert den Augenblick hinaus.
>>Joey. Bruder. Es muß doch eine anständigere Art geben, sein Geld zu
verdienen.<< Er bricht ein weiteres Gesetz, als er mich mit auf die Bühne
zerrt, um den Preis entgegenzunehmen. Und sein erster öffentlicher Triumph eilt
mit Riesenschritten der Vergangenheit zu.
Danach schwimmen wir in einem Meer kleiner Freuden und gewaltiger
Enttäuschungen. Gratulanten stehen Schlange, um die Gewinner zu
beglückwünschen. Eine alte, gebeugte Frau berührt Jonahs Schulter; sie hat
Tränen in den Augen. Ich staune über meinen Bruder, denn er spielt weiter
seinen Part, als sei er wirklich das ätherische Wesen, das sie nach seinem
Auftritt in ihm sieht. >>Hören Sie niemals auf mit Singen<<, sagt
sie, dann zieht ihre Pflegerin sie hastig weiter. Ein paar Gratulanten später
ein stocksteifer Oberst im Ruhestand, bebend vor Erregung. Sein Gesicht ein
Schlachtfeld der Feindseligkeit, so aus der Fassung, daß er es selbst nicht zu
fassen vermag. Ich spüre seinen gerechten Zorn, lange bevor er uns erreicht,
die Wut, die wir bei Leuten seines Schlages schon allein dadurch auslösen, daß
wir uns in die Öffentlichkeit wagen. Er wartet bis er an der Reihe ist, die
Zündschnur seines Zorns wird immer kürzer, genau wie die Schlange der
Gratulanten. Vorn angekommen geht er zum Angriff über. Ich weiß schon vorher,
was er sagen wird. Er mustert das Gesicht meines Bruders wie ein unschlüssiger
Anthropologe. >>Was seid ihr Jungs eigentlich?<<<
Die Frage, mit der wir großgeworden sind. Die Frage, die keiner von uns Stroms
je verstanden hat, geschweige denn beantworten konnte. Ich habe sie schon so oft
gehört und bin doch jedesmal sprachlos. Jonah und ich sehen uns nicht einmal
an. Wir sind daran gewöhnt, zu tun, als sei nichts geschehen. Ich will etwas
sagen, die Wogen glätten. Aber der Mann wirft mir einen Blick zu, und ich
spüre, dieser Blick ist das Ende meiner Jugend.
Jonah hat seine Antwort; ich habe meine. Aber er ist der, der im Rampenlicht
steht. Mein Bruder holt Luft, als seien wir noch oben auf der Bühne, die kleine
Nuance im Atmen, die mich in die Tasten greifen läßt. Einen winzigen
Augenblick lang hat es den Anschein, als wolle er >>Fremd bin ich
eingezogen<< anstimmen. Doch dann schmettert er seine Antwort wie ein
Buffo in der komischen Oper:
>>I am my mammy's ae bairn,
Wi' onco folk I weary, Sir . . . <<
>>Meiner Mutter Sohn bin ich,
Fremde Menschen mag ich nicht . . . <<
Sein erster Abend in der Welt der Erwachsenen, doch er ist noch ein Kind voller
Übermut, weil er gerade zu Amerikas neuer Stimme gekürt worden ist. Seine
Solo-Zugabe erregt allgemeine Aufmerksamkeit. Jonah ignoriert die Köpfe, die
sich nach ihm umdrehen. Es ist 1961. Wir sind in einer bedeutenden
Universitätsstadt. Man wird nicht wegen Übermuts aufgehängt. Hier hat man
schon seit mindestens einem halben Dutzend Jahren niemanden mehr wegen Übermuts
gehängt. Mein Bruder lacht, als er den Vers von Burns zum Besten gibt, er
glaubt, er könne den Oberst mit acht Takten Humor zum Schweigen bringen. Der
Mann wird aschfahl. Sein Körper spannt sich und zuckt, am liebsten würde er
Jonah packen und zu Boden stoßen. Aber die Schlange eifriger Bewunderer schiebt
ihn weiter und zum Bühnenausgang hinaus, wo ihn, wie der prophetische Blick auf
dem Gesicht meines Bruders längst verkündet, der Schlag treffen wird.
Das Ende des Defilees bilden unser Vater und unsere Schwester. So sehe ich sie,
von der anderen Seite eines Lebens. Noch unsere, noch eine Familie. Pa grinst
wie ein gestrandeter Einwanderer, und genau das ist er ja auch. Nach einem
Vierteljahrhundert in diesem Land rechnet er offenbar immer noch damit, daß man
ihn verhaftet. >>Wenn man dein Deutsch hört, könnte man meinen, du
wärst ein Polacke. Von wem hast du deine Aussprache gelernt? Eine
Schande!<<
Jonah hält unserem Vater die Hand vor den Mund. >>Psst, Pa. Um Himmels
willen. Erinnere mich dran, daß ich mich nie wieder mit dir in der
Öffentlichkeit blicken lasse. >Polacke< ist ein Schimpfwort.<<
>> >Polacke<? Du spinnst. Wie sollen sie denn sonst heißen,
Bub.<<
>>Ja, Bub.<< Ruth, unsere Stimmenimitatorin, trifft den Ton
täuschend echt. Sie ist erst sechzehn, aber am Telefon hat sie sich schon mehr
als einmal erfolgreich für ihn ausgegeben. >>Wie sollen sie denn sonst
heißen, die Leute aus der Polackei?<<
Wieder zuckt die Menge zusammen; dieser Blick, der so tut, als sei nichts
gewesen. Wir sind ein einziger Verstoß gegen alles, was ihnen heilig ist. Aber
hier, im Kreise der klassisch Gebildeten, lächeln sie tapfer in Dur. Sie
drängen weiter zu den anderen Gewinnern, lassen uns noch einen letzten
Augenblick lang allein, ein letztesmal geborgen in unserer kleinen Nation. Vater
und ältester Sohn tanzen zu den letzten Tönen des Schubert, die noch in dem
leeren Konzertsaal widerhallen. Ihre Schultern berühren sich. >>Glaub
mir<<, sagt der Ältere zum Jüngeren. >>Ich habe im Leben schon
ziemlich viele Polacken kennengelernt. Beinahe hätte ich ein Mädchen aus der
Polackei geheiratet.<<
>>Dann wäre ich ein Polacke geworden?<<
>>Ein Beinahe-Polacke. Ein kontrafaktischer Polacke.<<
>>Ein Polacke in einem Paralleluniversum?<<
Sie plappern drauflos, kleine Witze über seinen Beruf. Ein Possenspiel für die
eine, deren Namen heute keiner von uns nennen wird, die Frau, der wir jede Note
des gewonnenen Wettbewerbs darbringen. Ich blicke hinüber zu Ruth, wie sie im
Rampenlicht steht, beinahe kastanienbraun – die einzige, die auf dieser Welt
die Züge unserer Mutter bewahrt. Meine Mutter, die Frau, die mein Vater beinahe
nicht geheiratet hätte, eine Frau, die mehr und länger Amerikanerin gewesen
war als alle, die an diesem Abend im Konzertsaal saßen.
>>Du warst auch gut, Joey<<, beteuert meine kleine Schwester.
>>Ehrlich. Wirklich klasse.<< Ich umarme sie zum Dank für ihre
Lüge, und sie strahlt, ein Juwel. Wir schlendern zurück zu Pa und Jonah.
Wieder vereint, die überlebenden vier Fünftel des Stromschen Familienchors.
Aber Pa und Jonah brauchen niemanden. Pa hat sich den Erlkönig vorgenommen und
Jonah übernimmt die Begleitung, geht in die Tiefen seiner
Dreieinhalb-Oktaven-Stimme und versucht sich an etwas, das die linke Hand auf
nicht vorhandenen Klaviertasten spielt. Er summt die Begleitung, die er gern von
mir gehört hätte. Wie es gespielt werden sollte, in einem himmlischen
Traum-Ensemble. Ruth und ich treten hinzu, wir können nicht anders, und
übernehmen die Zwischenstimmen. Leute lächeln im Vorübergehen, aus Mitleid
oder Scham, nur scheinbar zwei verschiedene Dinge. Doch Jonah ist der aufgehende
Stern dieses Abends, für den Augenblick über jede Kritik erhaben.
Die Konzertgäste werden behaupten, sie hätten ihn gehört. Sie werden ihren
Kindern von dem Abgrund erzählen, der sich auftat, davon daß der alte
Konzertsaal auf einmal keinen Boden mehr hatte und sie in einem luftleeren Raum
hingen, von dem sie gedacht hatten, die Musik sei dazu da, ihn zu füllen. Aber
die Person in ihrer Erinnerung wird nicht mein Bruder sein. Sie werden
erzählen, wie sie beim ersten Ton dieser magischen Stimme die Köpfe hoben.
Doch die Stimme in ihrer Erinnerung wird nicht die seine sein.
Die wachsende Gemeinde seiner Zuhörer wird zu Jonahs Konzerten pilgern, sie
werden die Eintrittskarten teuer handeln und seine Karriere verfolgen, auch noch
in den letzten Jahren nach unserer Trennung. Kenner werden seine Platten
aufspüren und die Stimme auf der Scheibe fälschlich für die seine halten. Die
Stimme meines Bruders ließ sich nicht aufzeichnen. Er hatte etwas gegen alles
Dauerhafte, wollte sich nie festlegen lassen, eine Abneigung, die aus jeder Note
klingt, die er je aufgenommen hat. Er war ein umgekehrter Orpheus: Blickst Du voraus,
wird alles was du liebst vergehen.
Es ist 1961. Jonah Strom, Amerikas neue Stimme, ist zwanzig. So sehe ich ihn,
vierzig Jahre später, acht Jahre älter als mein älterer Bruder je werden
wird. Der Saal hat sich geleert, doch mein Bruder singt noch immer. Er singt bis
zum letzten Takt, bis alle Bewegung zum Stillstand kommt, bis er in die
Finsternis der Fermate eintaucht, ein Junge, der für eine Mutter singt, die ihn
längst nicht mehr hören kann.
Rezension I Buchbestellung I home II04 LYRIKwelt © S. Fischer