Baden bei Gewitter
(Leseprobe aus: Baden bei
Gewitter, Roman,
2002, Frankfurter Verlagsanstalt)
Blumendraht, eine
Erinnerungsstütze
Ich öffne die Tür und trete im Bademantel auf den Flur. Vor mir bewegt sich etwas Rotes,
etwas Blaues, das Oberteil eines Jogginganzugs. Der Mann fährt zusammen und weicht
zurück. "Mensch, haben Sie mich erschreckt. Da bleibt einem ja das Herz
stehen."
"Tut mir leid", sage ich, "das war nicht meine Absicht." Ich strebe
auf die Sitzgruppe zu und lasse mich in die Polster sinken. Eine Krankenschwester schiebt
ein Bett vorbei.
Der Mann im Jogginganzug geht hektisch hin und her, von einem Ende des Flures zum anderen,
dicht an der Wand entlang. Um die Sitzgruppe muß er einen Bogen machen. Als er an mir
vorbeikommt, wirft er mir einen mißtrauischen Blick zu. Nach der zweiten Runde stoppt er
vor dem Beistelltischchen und tippt über dem Aschenbecher auf seine Zigarette. Nervöser
Blick über die Schulter. Er hat den Aschenbecher knapp verfehlt.
"Was ich noch sagen wollte", sagt er zu mir. "Sie sollten etwas behutsamer
vorgehen. Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen."
Ich sehe unbeteiligt geradeaus. Ich habe keine Ahnung, was er von mir will.
"Nein", fügt er eilig hinzu, "ich will Ihnen gar keine Vorwürfe machen.
Nur daß Sie keinen Ärger bekommen."
"Vielen Dank", sage ich. Ich greife nach einer Illustrierten und schlage sie
energisch auf.
Diesmal habe es zwar ihn getroffen, er habe sich so erschreckt, daß die Schmerzen sofort
wieder eingesetzt hätten, aber darum gehe es ihm gar nicht, er sei nicht nachtragend. Er
wolle mich nur warnen, nicht auch den Schwestern auf diese abrupte Weise in den Rücken zu
fallen. Meine stürmische Art. Ich solle das nicht als Kritik auffassen. Er meine es nur
gut mit mir. Es sei ein Fehler, sich beim Personal gleich unbeliebt zu machen. Man habe
unter den gegebenen Umständen ohnehin nicht viel zu lachen.
Er drückt die Kippe aus, steckt sich umständlich eine neue Zigarette in den Mund und
hält sie beim Sprechen mit den Lippen fest, bis er es geschafft hat, sie anzuzünden.
Die Rücksichtslosigkeit und die unpersönliche Behandlung, die man während eines
Krankenhausaufenthaltes erfahre, sei mit nichts anderem zu vergleichen. Darüber rede man
am besten gar nicht. Das sei einzigartig. Man werde herumgeschoben wie ein Gegenstand,
gehen Sie mal da rein, machen Sie mal dies, schlucken Sie mal das, und das nenne sich dann
Pflege, Krankenpflege, er verstehe ja etwas anderes darunter, nicht dieses Lieblose, diesen
rauhen Ton, diese Unfreundlichkeit...
Ich hebe die Illustrierte wie beiläufig in Augenhöhe und mache mich dahinter unsichtbar.
Der schlimmste Umgangston herrsche im LKH, wie sie da mit ihm umgesprungen seien, das
könne er gar nicht wiedergeben. Er sei dort der erste Patient gewesen, der erste nach dem
Umbau oder vielmehr der erste während des Umbaus: Man habe durch die Gerüste und die
Geräusche der Preßlufthämmer hindurch zur Aufnahme gehen müssen, allein dies sei eine
große Belastung gewesen, sowohl für die Ohren als auch für die Nerven, er sei
offiziell
der zweite oder dritte Patient dort gewesen nach dem Umbau, im Grunde - wenn man es genau
nehme - zwar der erste, er habe das aber nicht so zeigen wollen, man müsse die
Reihenfolge ja nicht so wichtig nehmen, er habe sich da lieber zurückgehalten, obgleich
in Wirklichkeit tatsächlich er der erste gewesen sei, jedenfalls, um es abzukürzen, in
den Krankenhäusern herrschten Zustände, die man nicht für möglich halten würde, o ja,
davon könne er in Serie erzählen, Krankenhausreport -
Er hält die Zigarette blind in Richtung Aschenbecher.
"Fühlen Sie sich wohl hier?"
Ich klappe die Illustrierte zu und lege sie auf den Tisch.
"Es geht", antworte ich neutral. Ich bin selten im Krankenhaus. Bisher habe ich
alles hingenommen und nicht weiter darüber nachgedacht.
Es mache etwas aus, wie die Atmosphäre im Krankenhaus sei, ob man freundlich behandelt
werde, ob die Umgebung angenehm sei, ob das alles zusammenstimme. Im AVK sei es
beispielsweise sehr schön gewesen, wie in einem Glaspalast, er habe in seinem Zimmer eine
Art Erker gehabt und einen wunderschönen Ausblick genossen - nein, es sei wirklich nicht
so, daß man zum Vergnügen ins Krankenhaus gehe, sich dort einliefern lasse und eine Art
Kurzurlaub mache. Aber wenn man krank sei und mit Schmerzen und Unannehmlichkeiten
belastet, hänge von der Umgebung einiges ab, wenn die positiv auf einen wirke, werde man
doch viel schneller wieder gesund.
Er zieht an seiner Zigarette. "Sind Sie schon lange hier?"
"Seit gestern."
Er mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. "Blinddarm?"
"Gehirnerschütterung", sage ich.
"Jaja", bemerkt er resigniert, "es ist so schnell etwas passiert." Er
selbst habe auch viel mitgemacht, als Kind sei er mit dem Schlitten gegen einen Baum
gefahren, daher stamme die kleine Narbe an seiner Oberlippe, dann der schwere
Motorradunfall, bei dem er sich das Schienbein gebrochen habe - " - und jetzt?"
frage ich dazwischen. Ich falle Leuten ungern ins Wort, aber er ist mit Sicherheit
imstande, mir seine gesamte langjährige Krankengeschichte vorzubeten. "Weswegen sind
Sie hier?"
Diesmal sei seine linke Hand betroffen. Er habe ein Schälchen Fleischsalat öffnen wollen
und sich an dem scharfen Aluminiumdeckel verletzt. Ja, er sei an dem Tag ein wenig erregt
gewesen, er habe den Fleischsalat nicht sofort aufbekommen und sei ungeduldig geworden,
bis er sich dann tief geschnitten habe.
"So schnell ist etwas passiert", sage ich höflich.
Die linke Hand hat er in der Hosentasche vergraben, er hält sie dort eisern versteckt. Es
sieht nicht nach Krankheit aus, eher nach Bequemlichkeit.
Dann verzieht er den Mund, als hätten seine Schmerzen urplötzlich wieder eingesetzt.
Jeder müsse sich ein wenig zusammenreißen, meint er vorwurfsvoll. Man könne
schließlich zufrieden sein, wenn so eine Krankenschwester freundlich sei und man gut
verpflegt werde, man selbst müsse sich dann ebenfalls Mühe geben, den anderen nicht
dauernd auf die Nerven zu fallen, jeder sei doch imstande, sich ein wenig zu
beschäftigen: etwas schlafen, etwas fernsehen, sich mit einer Runde Kartenspiel die Zeit
vertreiben, zwischendurch, wenn man nicht schlafen könne, mal leise auf den Gang gehen -
das sei doch möglich, das sei doch machbar, damit werde schon vieles erleichtert.
Die Krankenschwester kommt wieder mit dem Bett, diesmal schiebt sie es in die andere
Richtung. Noch immer liegt niemand darin. Sie geht mit ausdruckslosem Gesicht. Als sie
mich sieht, wechselt sie sofort zu der halb strengen, halb besorgten Miene, die hier
üblich ist. "Sie dürfen noch gar nicht aufstehen. Legen Sie sich wieder hin."
Man wolle doch auch etwas Unterhaltung haben, höre ich die Stimme des Mannes, während
ich mich langsam über den Gang zurücktaste. - Es sei doch wahr, man könne nicht nur von
einer Mahlzeit zur anderen leben und dazwischen aus dem Fenster gucken.
Die Krankenschwester beachtet ihn nicht. Sie baut sich am Fußende ihres fahrbaren Bettes
auf und wartet, bis ich die Zimmertür hinter mir schließe.
Auf und ab. Weißer Baumwollstoff,
aufgeworfen und eingedrückt, mit schattigen Kuhlen, Tiefen, Knitterstellen. Mit
cremefarbenen Kuppen, Plustern. Auf, ab. Konvex, konkav. Spuren und Stapfen, rasche
Fußabdrücke, Flüchtigkeit, Leichtigkeit. Gleichmäßiges Wiegen, Schwappen. Weiche
Wellen, Täler und Kämme, verschiedene Abstufungen von Weiß. Hügel gehen ineinander
über, scheinen zu kreiseln, zu strudeln, Oberflächen halten ihre Spannung aufrecht. Ich
mache mich unter dem Gewoge unwillkürlich steif, als wolle ich mich davontragen lassen.
Man übt das in den Sommermonaten am Meer: Die Luft anhalten und auf dem Rücken übers
Wasser treiben. Überspült werden und sich nicht einschüchtern lassen. Ich liege
konzentriert da und schwebe ein Stück über dem schaukelnden Daunenbett.
Ausbuchtungen, zusammengeknüllte Partien. Ungleichmäßiger Faltenwurf, der sich immer
wieder verschiebt. Abhänge, die verrutschen. Weich und kompakt wie ein Mehlberg, so wie
in diesem Spiel, das sich für Kindergeburtstage eignet: Man häuft eine Tüte Mehl auf
einen Teller und klopft es gut fest. Man setzt ein Gummibärchen auf die Spitze des
Mehlbergs und sticht mit einem Löffel der Reihe nach jeweils ein Stück von dem Berg ab,
bis das Gummibärchen herunterfällt. Ich war nicht sehr geschickt bei diesem Spiel, weil
ich zu wenig auf das Gummibärchen und die Statik achtete, sondern mehr auf das rieselnde
Mehl, die Einschnitte, die glatten Abdrücke des Löffels, die Brüche und Stürze.
Hellblaue Risse. Abbröckeln von ganzen Bergstücken. Verwerfungen, schroffe Kluften. Am
Ende des Spiels ist der Berg verschwunden, die Erhöhungen sind einander angeglichen. Eine
verwüstete Ebene auf dem Porzellanteller. Wir Umsitzenden alle mit weißem Puder
überstäubt.
Eine Krankenschwester kommt herein und schüttelt die Decken auf. Das machen sie hier
mehrmals täglich. Es ist ein ordentlicher, gewissenhafter Betrieb. Ein kühler Luftzug,
dann wieder der flaumig lastende Überwurf. Ich bin sehr leicht und noch immer etwas
benommen, aber körperlich gut aufgehoben unter dieser dicken Schicht Isoliermaterial, wie
in einem Iglu: Jedes bißchen Eigenwärme wird aufgefangen, gesammelt, auf mich
zurückgeleitet und verstärkt. Das Verfahren ist effektiv. In einem Iglu erhöht eine
einzige brennende Kerze die Temperatur um mindestens 10 Grad Celsius.
Dann pures, strahlendes, gut ausgeleuchtetes Weiß. Blick von oben, aus der Höhe des
aufgestellten Kopfendes, auf hell überzogene Landschaften. Formationen verschneiter
Felder. Sanft geformte Abhänge. Zertretener Schnee. Langsam hebt sich mein Knie, die
Bewegung beginnt von neuem. Es ist eine Art Schmelzvorgang, ein Tauwetter. Die Welt wird
wieder flüssig und verändert sich.
Meine Zimmernachbarin hat noch kein Wort von sich gegeben. Genaugenommen habe ich sie noch
nicht einmal gesehen. Sie liegt unter dem dicken, penibel glattgestrichenen Oberbett, das
Gesicht weggedreht, und rührt sich nicht.
Neben meinem Bett steht eine große Papiertüte, vollgestopft mit Heimat- und Arztromanen,
anrührenden Hundeschicksalen, mit Western und Gruselgeschichten. Anspruchsvollere
Lektüre strengt mich an, ich bekomme Kopfschmerzen davon. Was das Herz berührt - 3 Hefte
in einem Band: Damit halte ich mich vorläufig über Wasser.
Ich bin in der Mitte von Laura - endlich verliebt und am Ende von Falko - grausamer
Rächer. Ich lese parallel. Der Tag nimmt kein Ende. Zwischendurch ein Schluck Saft. Radio
macht mich nervös. Die unvorhersehbaren Stimmen, die abrupten Musikeinsätze, die grellen
Lacher lassen mich jedesmal zusammenzucken. Statt dessen Stöbern in den zerfledderten
Illustrierten. Die Welt in übersichtlichen Abschnitten, immer wieder Fotos. Eine
glückliche Familie im Lauf über eine Wiese. Eine vollbusige Blondine in einer
Strandsituation. Weißer, gründlich durchgesiebter Sand, gläsern erstarrtes Meer. Alles
sehr hygienisch. Man bekommt sofort den Eindruck, daß jemand die Dinge unter Kontrolle
hat.
Auf der Abbildung von Babycreme hingegen Kaffeeflecken. Ich blättere um: ein großes,
grinsendes, zerknittertes Gesicht. Jemand hat alle Zähne mit blauem Kugelschreiber
ausgemalt. Ich starre auf das Bild. Verfolge die Schlängel und Kringel der Tintenlinien.
Es ist gar nicht so einfach, etwas mit Kugelschreiber zu kolorieren, nie ergibt sich eine
gleichmäßige Farbfläche, man sieht immer die Linienführung und die weißen
Zwischenräume durch.
Beim ersten Ansatz der Dämmerung flammen die Leuchtstofflampen an der Zimmerdecke auf, ohne
daß sich der Lichtwert im Raum nennenswert verändert. Draußen ist es noch hell, und ich
hätte das unmerkliche Nachlassen des Tages, das heimliche Absinken, Abflachen der
Außenwelt noch eine ganze Weile nicht beachten müssen. Jetzt aber beschleicht mich das
Gefühl, daß es in rasantem Tempo Abend wird, daß jeden Moment die Dunkelheit
hereinbricht. Das elektrische Licht flackert und zuckt. Gewitterstimmung. Ich bin
erleichtert, im Haus zu sein, als könnte es jeden Moment zu regnen oder zu hageln
beginnen, und es nützt nichts, daß ich deutlich sehe, wie draußen, hinter einer dünnen
Wolkenschicht, sogar noch die Sonne scheint.
In einer Verfassung von großer körperlicher Labilität entsteht leicht ein Gefühl von
Verlorenheit. Man zieht sich in sich selbst zurück, wird wortkarg und antriebsarm.
Unfreundliche Witterung drückt stärker auf die Stimmung als sonst. Jeder Mißklang in
einer beiläufigen Bemerkung setzt sich fest und breitet sich im ganzen Körper aus. Man
findet nicht wie sonst den festen Punkt in sich, von dem aus das aufzuhalten wäre. Die
Dinge gehen ein Stück zu weit, sie sind nicht zu stoppen. Man ist den Ereignissen hilflos
ausgeliefert.
Der Anblick eines Waschbeckens hakt sich fest und bleibt mir vor Augen. Speckiges
Porzellan, Sammelbecken für ein aufputschendes Geräusch. Jemand hat das Wasser laufen
lassen und den Hahn nicht wieder zugedreht.
Meine Zimmernachbarin ist wach geworden und klingelt nach der Krankenschwester. Sie hat
ihr Kissen zusammengeknautscht und einen kleinen Wall daraus errichtet, mit dem sie sich
von mir abschirmt. Die Schwester muß sich weit zu ihr hinunterbeugen. Die Dame
flüstert
ihr etwas ins Ohr. Die Krankenschwester murmelt ein paar beruhigende Worte, dreht den
Wasserhahn zu und verläßt uns wieder. Die Dame hält sich bedeckt. Sie gibt sich nicht
zu erkennen. Es bleibt ungewiß, ob sie noch wach geblieben oder erneut eingeschlafen ist.
Der Unterschied ist auch geringfügig. Sie macht irgend etwas oder macht nichts. Ich
stelle fest, daß sie mich an Passivität noch übertrifft.
Ein Arm strebt aus dem Deckenberg hervor. Sie hat ihre Zähne aus dem Mund genommen und
legt sie vor sich auf dem Oberbett ab.
Ich drehe mich auf die andere Seite und versuche zu schlafen.
Es klopft an der Tür. Es ist das
erste Mal, daß jemand anklopft, bisher sind alle einfach eingetreten. Die Dame im anderen
Bett zeigt keine Reaktion. "Ja", sage ich laut.
Der Mann bleibt an der Tür stehen. Er trägt noch denselben Jogginganzug, dunkelblau mit
einem roten Blockstreifen über der Brust.
"Wollte mich nur verabschieden", sagt er. "Es geht wieder ins traute
Heim."
"Dann alles Gute", sage ich. "Freut mich für Sie."
"Freuen?" Von Freude könne keine Rede sein. Schickten die einen vor der Zeit
nach Hause, nur damit ein Bett frei werde, da stünde man dann, verraten und verkauft, er
sei doch völlig hilflos mit seiner verletzten Hand, er könne sich schließlich nur sehr
eingeschränkt bewegen, aber irgendwie werde es schon weitergehen: "Wunden heilen,
Narben bleiben, Schmerzen vergehen, Narben bleiben bestehen."
Er hält mit der funktionsfähigen Hand hinter seinem Rücken die Türklinke fest und
zappelt mit dem Ellenbogen. "Und Sie? Kommen Sie auch bald raus?"
"Ich bleibe noch etwas", sage ich. "Gute Verpflegung hier, schöne
Aussicht, was will man mehr."
Er nickt. Er würde mich ja besuchen kommen, aber er wolle sich hier so bald nicht mehr
blicken lassen, das könne ich sicher verstehen.
"Warten Sie mal." Er drückt die Türklinke hinter seinem Rücken herab,
beschreibt eine umständliche Drehung und verläßt ohne Erklärung das Zimmer.
Nach ein paar Minuten kommt er zurück und zeigt mir eine Schnittblume, rote Gerbera in
einer kleinen Mineralwasserflasche. Der Stengel der Pflanze ist mit grünem Blumendraht
verstärkt. Er ragt unproportional lang über den Flaschenhals hinaus. Ohne den Draht
würde sich die Blüte nicht in dieser Höhe halten.
Ihm sei da noch etwas eingefallen: Ob ich eventuell die Blume übernehmen wolle. Er habe
sie geschenkt bekommen, aber er wolle sie ungern noch weiter behalten. Bis zu ihm nach
Hause, das verkrafte sie höchstwahrscheinlich nicht. Es sei für ihn auch zu
umständlich. Mit dem ganzen Gepäck mehrfach umzusteigen, von der Straßenbahn in die
S-Bahn und dann in die U-Bahn sei an sich schon kaum zu schaffen, aber das ganze noch mit
einer Blumenvase: ein Ding der Unmöglichkeit.
"Wenn Sie bis nächste Woche bleiben, dann haben Sie doch noch etwas davon." Er
mustert den Blumenstrauß auf meinem Nachttisch und scheint der Meinung zu sein, seine
Gerbera befände sich da in guter Gesellschaft. Die Flasche ist bis zum äußersten Rand
mit Wasser gefüllt und läuft über, als er sie abstellt.
"Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Sie wieder draußen sind", sagt er in einem
abgeklärten Ton, als handele es sich um eine Gefängnisentlassung. "Fischer, Peter
Fischer." Er deutet eine Verbeugung an und nennt mir seine Anschrift, komplett mit
Postleitzahl.
"Wenn Sie zufällig in der Nähe sind", fügt er abschwächend hinzu.
"Also dann", sagt er. "Und immer daran denken: Kopf hoch." Es klingt,
als könne er selber eine Ermutigung gebrauchen. Er schnippt mit dem Zeigefinger leicht an
das Glas der Wasserflasche. "Immer schön: Kopf hoch. Wie die da", sagt er, und
ich bin mir nicht ganz sicher, ob er mit mir oder mit der Blume spricht. "Kleine
Erinnerungsstütze."
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